Herzlichen Glückwunsch, es ist eine Buchhandlung!

Mit gespannter Erwartung reiße ich das Paket auf. Da ist es, das Objekt meiner Begierde. Ich schlage es auf, blättere in den ersten Seiten. Sieht gut aus. Doch jetzt die Nagelprobe: Seite 126, 127, 128, 97… NEIN! Nicht schon wieder! Dreimal habe ich dieses Buch bereits zu diesem blöden Online-Versand zurückgeschickt, jetzt ist es zum vierten Mal mit dem gleichen appeldwatschen Fehler geliefert worden: Seite 97 bis 128 sind doppelt, dafür fehlen Seite 129 bis 160. Hatte man mir an der Kundenhotline nicht beim letzten Mal versprochen, die neuerliche Sendung überprüfen zu lassen, bevor sie rausgeht? Aber ich habe meiner Mutter ja früher auch immer versprochen, den Müll mit rauszunehmen…

Bei einem etwas teureren Buch würde ich das Pingpong-Spiel solange durchziehen, bis endlich ein fehlerfreies Exemplar geliefert wird. Aber bei einem Buch mit Geistergeschichten von Edith Nesbit für 3,95 ist mir das einfach zu albern. Schon vor einem Jahr hat in unserem Quartier ein kleiner Buchladen seine Pforten geöffnet, aber ich habe meine Schritte bisher noch nicht dorthin gelenkt – warum zweihundertfünfzig Meter selber gehen, wenn der Online-Händler bis an die Wohnungstür liefert? Doch jetzt habe ich endlich einen Grund, dieser Buchhandlung meine Aufwartung zu machen – ich brauche Hilfe bei meinem literarischen Problem, das der Online-Händler offenbar nicht in der Lage ist zu lösen.

Da ich ohne Umschweife von der Eingangstür bis zum Tresen durchgehe und mein Anliegen vortrage, ist der eigentlich zweite Eindruck gleich der erste: Das Team ist nicht nur freundlich, es ist auch kompetent und echt engagiert. Gemeinsam baldowern wir aus, wie sichergestellt werden kann, dass das von mir so ersehnte Buch hier in der richtigen Ausstattung ankommt. Alles schön unaufgeregt, im Anschluss ergibt sich sogar eine kleine Fachsimpelei über die großen anglophonen Schauerautoren wie M. R. James, Amelia B. Edwards und natürlich Edith Nesbit. Herrlich, man weiß hier nicht nur über die aktuellen Bestseller Bescheid, sondern kann sich auch zu Special Interests äußern.

Allein dieses Gespräch lässt mich schon viel länger hier verweilen, als ich eigentlich geplant habe. Trotzdem nehme ich mir danach die Zeit, noch ein bisschen zu stöbern. Und ich kann meine freudige Überraschung kaum verbergen: Es ist eine echte Buchhandlung!

Derlei ist man gar nicht mehr gewohnt – die großen Buchfilialisten lassen ihre Verkaufsflächen immer mehr zu Gemischtwarenläden verkommen, in denen man nicht nur das passende Buch mit dem Rezept für Ossobuco alla milanese bekommt, sondern auch das passende Kochgeschirr nebst Servierplatten, Geschirr, Besteck, Tischdeko und Rotwein. Fast erwartet man auch eine Kühltheke, aus der man sich obendrein die Hauptzutat mitnehmen kann. Dazu herrscht eine Geräuschkulisse wie auf dem Heiligengeistfeld beim Sommerdom. Die gedämpfte, unaufgeregte Atmosphäre einer echten Buchhandlung gibt es in solchen Filialschuppen schon lange nicht mehr.

Doch hier in diesem kleinen unabhängigen Ladenlokal in der Nachbarschaft: Keine Dosen mit Chai, keine Backformen, keine Zen-Tischgartensets für echtes Feng Shui-Feeling, sondern nur Bücher, nichts als Bücher! Der Geruch von frisch bedrucktem Papier und Buchbinderleim liegt in der Luft. Und wie ruhig es hier ist…

Als ich den Laden verlasse, sind nicht nur fast neunzig Minuten vergangen, sondern ich habe auch noch über fünfzig Euro in anderes Druckwerk investiert. Drei Tage später halte ich auch das online so oft reklamierte Buch mit den Schauergeschichten in Händen. In fehlerfreier Ausfertigung. Und gebe noch mal mehr als die eigentlich budgetierten 3,95 aus. Aber ich habe einfach endlich wieder mal Freude daran gehabt, nach Büchern zu stöbern.

Man sollte sich nicht jedem Trend anschließen, denn wer nur in anderer Leute Fußstapfen tritt, hinterlässt bekanntlich keine eigenen Spuren. Aber Shop Local werde ich künftig beherzigen. Es hilft nicht nur den kleinen Händlern vor Ort, die nicht die geballte Marktmacht eines Großunternehmens in der Hinterhand haben, es ist auch für mich als Käufer eine Bereicherung. Sicher bleibe ich auch weiterhin Online-Kunde, aber ich möchte schon darauf achten, künftig hauptsächlich Dinge dort zu besorgen, die ich über Shop Local nicht bekommen kann, was es ja durchaus immer noch gibt.

Ansonsten möchte ich versuchen, hauptsächlich hier im Viertel zu kaufen – nicht nur um die kleinen Läden gegen die Großkonzerne zu unterstützen, sondern auch weil ich das Einkaufserleben wieder etwas mehr lernen möchte, wie mir dieser Buchkauf gezeigt hat. Es macht einfach mehr Spaß, sich im Laden mit einem kundigen Menschen von Angesicht zu Angesicht auszutauschen, als nur online gesichtslose Rezensionen durchzublättern.

Inzwischen habe ich übrigens auch einen neuen Gemüsehändler (ohne Verkauf für Handy-Prepaidkarten), Friseur (ohne Tintenpatronentankstelle) und Blumenladen (ohne Coffee-to-go-Shop) gefunden…

Hinweis: Hierbei handelt es sich um einen Beitrag vom 20.11.2013 aus meinem alten Blog

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