Nennen wir’s doch einfach „Dieter“!

Es fing schon im November an – darf man das dann stattfindende Fest mit den Laternen immer noch als „St. Martin“ bezeichnen? Oder ist „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ angebrachter? Und selbst bei dem Fest, das wir vom 24. bis 26. Dezember begangen haben, erhitzen sich immer öfter die Gemüter, ob man statt „Weihnachten“ nicht lieber „Jahresendfest“ oder „Kerzenfest“ sagen sollte.

Nennen wir’s doch einfach „Dieter“… Denn wie war das noch – „Eine Rose mit anderem Namen würde auch duften“, oder so ähnlich? Der Inhalt ist schließlich wichtiger als das Wort, die Hülse. Ergo sollten wir uns nicht mit Namen aufhalten. Trotzdem kann ich nicht verhehlen, dass mir „Jahresendfest“ irgendwie gefällt. Denn noch über alle anderen Bedeutungen hinaus ist Weihnachten in den meisten Fällen wirklich der letzte Anlass des Jahres, bei dem die (Wahl-)Familie noch einmal geschlossen zusammenfindet. Oft genug ist es sogar der einzige, irgendeiner fehlt doch immer beim gemeinsamen Grillen im Sommer oder bei beim Geburtstag von Oma Trina.

Wenn man mit 40 schon ein altersmilder Softie sein kann, dann hat’s mich wohl mit voller Breitseite erwischt. Nachdem mir Weihnachten jahrelang auf den Geist gegangen ist und ich immer froh war, wenn irgendein Teil ausfiel, war 2013 völlig anders. Weihnachtsalben rauf und runter dudeln, Kekse backen, Menüplanung, Geschenke aussuchen und verpacken – bei mir lief dieses Jahr das volle Programm, und ich hab’s genossen.. Eine positive Einstellung liegt mir einfach mehr als das „Holier than thou“-Geranter gegen Weihnachten als Familienkrieg, Heuchelei und gegen die Menschen, die das Fest von vornherein mögen.

Darüber hinaus zeigt Weihnachten fast noch mehr als ein Geburtstag, wie die Zeit verfliegt. Dass Eltern angesichts ihrer heranwachsenden Kinder früher oder später das Leere Nest-Syndrom ereilt, ist bekannt. Dass es auch den betreffen kann, der „nur“ Onkel ist, war mir allerdings neu, darum ist es mir umso heftiger in die Magengrube gefahren. Die Lütten in meiner Familie sind nicht gar nicht mehr so lütt, sondern werden immer erwachsener. Ein letztes Mal echte Kinderaugen zu Weihnachten – das hatte schon was Besonderes.

Nein, natürlich bin nicht so naiv, das „Weihnachtskerzenjahresendwechselfest“ so zu romantisieren, dass ich die Konflikte und Stressmomente übersehe. Zweifellos gibt es da Szenen wie „Wo ist die Buttercrèmetorte?“ – „Keine Ahnung, ich hab‘ sie auch noch nicht gesehen.“ – „Was heißt ‚gesehen‘ – du solltest sie backen!“ – „Ach, wirklich?“ oder „Ich darf dieses Jahr nicht die Printen vergessen, sonst meckert Schwiegermutter wieder, dass der Sauerbraten nicht echt rheinisch ist“.

Fragen wir uns doch mal, warum die Printen ausgerechnet beim Weihnachtsessen nicht fehlen dürfen – beim Geburtstag unserer besseren Hälfte stört’s doch auch niemanden. Es liegt auf der Hand: Damit Schwiegermutter zufrieden ist, sie nicht meckert. Spinnt man das aber weiter, ergibt sich möglicherweise folgender Nachgedanke: Selbst, wenn man seiner Schwiegermutter zugetan ist, will man doch nicht, dass sie alleine zufrieden ist. Man veranstaltet den ganzen Zislaweng teils für alle, die sich da um den Tisch scharen, teils nur auf uns selbst ausgerichtet, wobei die Gewichtung da für jeden Menschen sicherlich eine andere ist.

Insgesamt bedeutet dieses Zusammenkommen der Familie – egal unter welchem Oberbegriff – für alle Beteiligten Wärme und Licht in einer kalten, dunklen Jahreszeit. Und weil der nächste Frühling und das Neuerwachen der Natur und Farben sind noch so entsetzlich weit weg sind, wollen wir möglichst viel davon abbekommen. Jeder Lapsus dabei lässt diese Entfernung noch größer erscheinen, was mitunter zu Überreaktionen führen kann. Wer will das schon?

Bei dieser für meine Begriffe vollkommen legitimen Portion Egoismus, die dann komischerweise doch wieder alle Beteiligten eint, würden wir mit etwas mehr Nachsicht vermutlich besser fahren. Dann wird’s halt einmal im Jahr besonders stressig. Und…? Wenn’s nicht das Jahresendfest – pardon: Weihnachten – wäre, dann wär’s ein anderes Ereignis. Also für’s nächste Jahr: Entspannen, lächelnd über die kleinen Katastrophen hinwegsehen, es sich kommodig machen – und vor allem den anderen die Freude gönnen. Okay?