Rituale

Keine Ahnung, ob ich mich hier ein wenig zu lustig über die ganz und gar nicht winterlichen Temperaturen gemacht und die Gottheit Bazillitis zusätzlich verärgert habe, indem ich an jenem Tag nicht in meinen langen, sondern in den kurzen Sportplünnen zum Jogging war (aber es waren doch 14° plus…), jedenfalls liege ich seit gestern ziemlich auf der Nase. 37,9° Körpertemperatur, Kopf wie ein zum Bersten vollgepackter Seesack, Gefühl auf der Zunge, als hätte ich einen Hamsterkäfig ausgeleckt, Sturmflut in der Nasenhöhle mit Deichbruch – das volle Programm.

Dass schwule Männer sich in Punkto Umgang mit einer Erkältung überhaupt nicht von heterosexuellen Geschlechtsgenossen unterscheiden, habe ich schon mal beschrieben, darum will ich heute nicht wieder über Jammergestalten und Krankheits-Nihilisten referieren, sondern über eine andere Facette dieses Zustands schnacken.

Ist man erkältet, geht es einem naturgemäß durchaus dreckig. Also sucht man nach Mitteln und Wegen, sich die Zeit so angenehm wie möglich machen. Schlafen, stricken, auf der Playstation zocken, Kreuzworträtsel lösen… Alles ist möglich.

Meiner einer hört in dieser Zeit Hörspiele. Wer mich genauer kennt, wird das nicht für weiter verwunderlich halten, denn eigentlich höre ich ständig Hörspiele. Die sind dann aber für Erwachsene, z. B. Adaptionen von klassischen Geistergeschichten aus viktorianischer Zeit wie The Ash Tree nach M. R. James oder The Haunted Woman nach Allen Upward.

Bin ich jedoch krank, drehe ich das Rad der Zeit weit, weit zurück. Dann höre ich – inzwischen immerhin fast 41 Jahre alt – plötzlich wieder Hui Buh, das Schlossgespenst oder Die Hexe Schrumpeldei und andere Klassiker meiner Kindheit.

Bis zum Kinn in die Buntkarierten eingemummelt sein und Spuki, das Schreckgespenst von Schloss Fürstenfurt auf nächtlichen Streifzügen und Enid Blytons Fünf Freunde hoch zu Ross durch ein vernebeltes Moor zu begleiten, mit der Lok 1414 von Altstadt nach Neustadt zu fahren oder ein aufregendes Schuljahr mit Hanni und Nanni (nicht lachen, ein paar Klischees muss man ja erfüllen) zu erleben, hat sowas Tröstliches.

Es versetzt einen in eine Zeit zurück, als alles irgendwie unbeschwerter und unschuldiger war. Allein durch solche Rituale geht es einem schon irgendwie besser.

Das ist aber auch alles, was ich an Kommodigkeit ertragen kann. Für meinen Mann gilt weiterhin die Parole: „Wag es ja nicht, mich zu betüddeln, dann geht das hier ohne Verletzte ab!“

Das war’s für heute aus der Wortpüttscherei. Falls mich jemand sucht – ich bin erstmal wieder auf Schloss Burgeck in der Fledermausturmkammer. Hui Buh!