Fünf kleine Schweinchen

Es gibt Bücher, die kann man wieder und wieder lesen, weil sie einen, obwohl man die Story inzwischen beinahe auswendig kennt, jedesmal aufs Neue begeistern. Bei mir ist das u. a. Five Little Pigs (deutsch: Das unvollendete Bildnis) von Agatha Christie.

Worum geht’s? Carla Lemarchant bittet Hercule Poirot um Hilfe: Ihre Mutter Caroline wurde, als Carla noch ein Kleinkind war, wegen Mord an ihrem Mann Amyas schuldig gesprochen und starb bald darauf im Gefängnis. Ein Brief, den Carla zur Volljährigkeit erhält, lässt diese an der Schuld zweifeln. Poirot soll alles daran setzen, diese Zweifel zu beseitigen und definitiv beweisen, ob Caroline nun schuldig oder nicht schuldig war, damit Carla die Sache für sich abschließen kann. Doch wie klärt man einen fast zwanzig Jahre alten Mord auf, der bereits als aufgeklärt gilt? Die vermeintliche Täterin ist tot, alle Asservate vernichtet. Poirot bleibt nur, die fünf Zeugen von damals zu befragen.

Was macht den Reiz dieses Buchs aus? Der Mordfall an sich mag konventionell sein: Der untreue Ehemann, zwei rivalisierende Frauen, die Freunde und Familienmitglieder zwischen allen Stühlen. Man kennt das. Aber die Umsetzung hat es in sich: Agatha Christie lässt Poirot die Hinweise über nichts als Worte zukommen. Keine umgeknickten Grashalme, kein Zigarettenstummel am Boden, und Worte können bestenfalls ungenaue Erinnerungen, schlimmstenfalls faustdicke Lügen sein. Zunächst befragt Poirot die fünf Zeugen persönlich, anschließend lässt er sich schriftliche Aussagen anfertigen. Das heißt, als Leser bekommt man 2x fünf Mal, also insgesamt zehn Mal die Mordumstände beschrieben, doch es wird zu keiner Zeit langweilig. Agatha Christie ist es gelungen, fünf sehr differenzierte Figuren zu zeichnen, die über individuelle Ausdrucksweisen, Meinungen, eigene Geheimnisse und vor allem über ihre ganz eigene Interpretation der Ereignisse zunächst einmal mehr Widersprüche schaffen als sie beseitigen können. Das Dénouement dürfte für den, der Five Little Pigs erstmals liest, eine Riesenüberraschung sein und ihm dennoch ein „Klar, es kann gar nicht anders gewesen ein“ entlocken. Ein echtes Lehrstück zum Thema „Variationen (und Interpretationsmöglichkeiten) desselben Themas“.

Doch noch etwas anderes macht Five Little Pigs für mich so mitreißend: Für das Anwesen der Familie Crale stand Agatha Christies eigener Landsitz Greenway in Dittisham am Dart in der Grafschaft Devon Pate. Die Atmosphäre und besondere Geographie von Greenway mit dem Haupthaus, dem Fußpfad von dorthin zum Aussichtspunkt mit Blick auf den Dart (wo der Mord geschieht), dem Gewächshaus, der Flora & Fauna und einigen anderen Details hat sie so stimmungsvoll eingefangen und eingewoben, dass der Ort der Handlung so lebendig vor meinem innneren Auge entstanden ist, wie es kaum ein anderer Schriftsteller bei mir je geschafft hat. Und als ich viele Jahre nach dem ersten Lesen erstmals Fotos von Greenway gesehen habe, gab es da einen riesigen „Wow!“-Effekt, denn die Bilder deckten sich genau mit denen meines Kopfkinos. Seitdem steht Greenway (das von der Denkmalbehörde National Trust übrigens auf dem Einrichtungstand jener Zeit gehalten wird, als Agatha Christie dort gewohnt und Five Little Pigs geschrieben hat) auf meiner ganz persönlichen 1,000 Places to see before I die-Liste…

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