„Meine berühmten Freundinnen“

Alkohol und Frauen aus den Pyrenäen haben mich vor kurzem noch davon abgehalten, doch an diesem Wochenende bin ich – neben reichlich Outdoor-Zeit –  endlich dazu gekommen, Meine berühmten Freundinnen des Schauspielers Hubert von Meyerinck aus dem Jahr 1967 zu lesen.

Das Wort „reizend“ als ehrliches Kompliment zu gebrauchen, ist weitgehend aus der Mode geraten. Doch auf die Autobiographie von Hubert von Meyerinck trifft es zu, darum sollte es auch benutzt werden.

„Autobiographie“ ist in diesem Zusammenhang nicht ganz das richtige Wort. „Memoiren“ trifft es eher, denn Hubert von Meyerinck erzählt nicht wirklich viel von sich selbst, wenn man von einigen harmlosen Episoden absieht. Es wäre Ende der 60er Jahre wohl auch etwas gefährlich gewesen, zuviel von sich preiszugeben – der § 175 war schließlich immer noch ein fester Bestandteil des Strafgesetzbuches. Trotzdem klammert er das Thema Homosexualität nicht völlig aus. Wenn er von seiner Zeit im Berlin der 1920er Jahre erählt, lässt er die verruchten alten Lokale, Bars und Spelunken wie die Schnurrbartdiele, das Ciro und das Scherbini wiederauferstehen. Er berichtet von miteinander Walzer tanzenden Männern, von singenden Damen, die eigentlich auch Herren sind, von der Selbstverständlichkeit, mit der einer in einem gediegenen Restaurant plötzlich splitterfasernackt dasitzenden Anita Berber begegnet wurde, und davon, dass das, was später als lasterhaft betrachtet wurde, zur Zeit, als es passierte, gar nicht lasterhaft war. Denn jeder, der es sich finanziell leisten oder sich geschickt aushalten lassen konnte, hat in diesen Lokalen verkehrt, auch der Adel und die Politik. Zwar liegt in der Art, wie Hubert von Meyerinck davon erzählt, eine Beseeltheit, es erlebt zu haben, und ein Bedauern, dass es vorbei ist – dennoch ist da eine gewisse Distanz, als wolle er nicht zu stark zugeben, selber Teil des ganzen Geschehens gewesen zu sein.

Umso ausgiebiger spricht Hubert von Meyerinck über seine rein platonischen Freundschaften zu den großen Kolleginnen seiner Zeit, u. a. Friedel Schuster, Elsa Wagner, Käthe Dorsch, Grethe Weiser und Adele Sandrock. Sie alle haben „Hupsi“, wie er von Freunden genannt wurde, ein Stück auf dem Lebensweg begleitet, und er zollt ihnen als eben diese loyalen Wegkameradinnen seine ganze Anerkennung. Seine Erzählung schwankt dabei zwischen lockerer Plauderei und der typischen Sentimentalität eines am Ende des Lebensweges stehenden Künstlers aus flammender Leidenschaft, wobei er sich für beides eines aus heutiger Sicht eigentümlich antiquierten, bisweilen theatralischen Tonfalls bedient. Doch dabei büßt er nie an Sympathiepunkten ein, denn man merkt jeder Zeile an, wie grundehrlich er es meint und wie sehr jedes Wort aus einem Herzen kommt, das ein sehr großes gewesen zu sein scheint. Kurzum: Es macht Freude, dieses Buch zu lesen.

Hubert von Meyerinck (* 1896, † 1971) war einer der meistbeschäftigten und beliebtesten deutschen Schauspieler seiner Zeit auf Bühne und Leinwand. Im Film war er oft auf die Rolle des komischen Kauzes abonniert (z. B. als inkognito auftretender Reisebürobetreiber in Ferien auf Immenhof oder als verarmter und daher öffentliche Toiletten reinigender Adeliger in Billy Wilders Eins, zwei, drei), doch auf der Bühne konnte er auch mit ernsthafteren Rollen wie etwa in Ferenc Molnárs Liliom oder Molières Tartuffe große Erfolge feiern.

Auch als Schriftsteller war er nicht untalentiert. Meine berühmten Freundinnen mag keine großen Einblicke in Hubert von Meyerincks eigenes Leben bringen und das, was auf den ersten Blick als leicht indiskrete Pikanterien daherkommt, war schon damals aus anderen Biographien und Illustrierten bekannt, doch mit Esprit, Witz und Zuneigung bringt er die Persönlichkeiten hinter großen Namen vergangener Tage noch einmal genauso zum Leben wie den damaligen Zeitgeist. Durch all das ist dieses reizende Büchlein die ideale Unterhaltung für die gepflegte Teestunde am Sonntagnachmittag.

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