Sorry, Conchita

ESC2bGestern hatte mein Mann Geburtstag, darum ist die Live-Übertragung des zweiten Semifinale beim diesjährigen Eurovision Song Contest in wonderful, wonderful Copenhagen völlig an mir vorbeigegangen. Aus einer im wahrsten Sinne des Wortes Bierlaune heraus haben wir uns aber noch in einem gemütlichen Popcorn-Camp auf dem Wohnzimmersofa bis in die Morgenstunden hinein sowohl das erste als auch das zweite Semi in der Aufzeichnung angeschaut, virtueller TV-Recorder sei Dank.

Heute Morgen dann ein kleiner Klönschnack mit einem Bekannten. „Und?“ so die gespannte Frage. „Hättest du gestern für Conchita Wurst gestimmt? Kriegt sie morgen deine Stimme?“ – „Öhm, nein und nein.“ – „Aber du musst doch für sie stimmen! Von wegen schwule Ikone und so und als Statement gegen die Homophoben.“

Nö.

Ich – genau wie jeder andere Homosexuelle – muss nicht etwas automatisch gut finden, nur weil es andere Gays gut finden. Madonna ist auch schwulbeliebt – ich kann sie trotzdem nicht ausstehen.

Auch als Abgeber oder Unterstützer von Statements möchte ich mich nicht einspannen lasen. Ich gebe das ganze Jahr über im Großen und Kleinen, öffentlich und privat, -> hier oder -> dort genug Statements zum Thema ab… da behalte ich mir die Freiheit vor, den Eurovision Song Contest als reine Unterhaltung zu genießen. Es mag altmodisch sein, aber von mir wird am Sonnabend nicht das Lied mit dem größten Massenappeal bzw. der größten (gesellschafts)politischen Strahlkraft mein Daumendrücken und evtl. Stimmen beim Televoting bekommen, sondern das Lied, das mich ganz persönlich am meisten innerlich berührt hat.

Und das ist nun einmal nicht Conchita Wursts Rise Like a Phoenix. Ganz einfach, weil mich dieses Lied nicht anspricht, es löst in mir nichts aus, es lässt mich unbeeindruckt. Tut mir leid, Conchita – ich sag‘ ja nicht, dass du schlecht bist. Handwerklich gab’s an deinem Auftritt überhaupt nichts auszusetzen. Aber deine Musik und ich passen einfach nicht zusammen. Such is life.

Verstehen wir uns nicht falsch: Wenn Conchita Wurst gewinnen sollte, ist das eben so und es sei ihr gegönnt. Das gilt aber auch für jeden anderen in Kopenhagen antretenden Künstler und seine Fans.

Trotzdem gehören meine Sympathie und meine Punkte beim Televoting am Sonnabend einem anderen Beitrag aus den Semis, über dessen Sieg ich mich noch viel, viel mehr freuen würde, weil Song, Künstler und Vortrag für mich einfach perfekt zusammenpassen und mir positive Gänsehaut bereitet haben. Er wird’s wohl nicht schaffen, das zeigt die Resonanz auf Conchita Wurst. Und sie hat’s ja auch verdient wie jeder andere, der sich einem solchen Publikum stellt. Aber versteht – und vor allem: akzeptiert – doch bitte: Ein anderes Lied hat mein Herz erobert, deshalb hat dieses und nur dieses meine volle Unterstützung.

Diese Ansicht hat mir dann von o. g. Bekannten einen hier wegen seiner Wortwahl nicht wiedergebbaren Rüffel sowie die Facebook-Entfreundung eingebracht.

Hm. Wie ist das Credo in der „Community“ noch? Sei wie du bist, steh zu dir, bleib dir selber treu, lass dich nicht verbiegen? Akzeptanz und Toleranz für alle? „I am what I am and what I am needs no excuses“? Der ganze Zisslaweng?

Klingt verlockend, scheint aber, wenn es jemand wirklich lebt, in Scherben der Theorie zu zerfallen.

Dabei steht Conchita doch angeblich für genau das Gegenteil.

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11 Antworten auf “Sorry, Conchita”

  1. Ich stimme dir vollkommen zu. Musikgeschmack ist nun mal verschieden und man muss nicht gut finden, was alle gut finden auch wenn es bei Schwulen in ist.
    Na, schauen wir mal, er morgen Abend die Trophäe überreicht bekommt.

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  2. Na, die Reaktion ist ja wirklich krass. Ich suche mir meine Lieblingslieder doch auch unabhängig von der Sexualität des Interpreten aus. Warm sollte das bei dir also anders sein!? Nun ja. Ich habe vom ESC Vorentscheid gar nichts mitbekommen. Das Lied von Conchita Wurst habe ich vorhin zum ersten Mal gehört und ich muss sagen, es ist auch nicht meins.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und Deinem Mann alles Liebe nachträglich zum Geburtstag.

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  3. Gerrit Jan, ich verstehe gut, was Du hier meinst…
    …diese ’schwule Allgemeinkultur‘ ist etwas furchtbares manchmal und noch mehr erschreckt es mich immer, wenn man als Schwuler dann sogar richtig – intolerant – angefaucht wird (von anderen Schwulen), warum *um Himmels willen* man denn nicht ‚für die Sache ist‘ – sozusagen die Bewegung stärkt. Alles Powidl.

    In diesem Fall bin,ich lustigerweise etwas ambivalent: Das Lied riss mich von Beginn weg nicht vom Hocker, es gewinnt aber mit der Zeit immer mehr meiner Zustimmung. Ob es reichen würde, für Conchita zu stimmen? Ja!
    ‚Ja‘, deshalb, weil ich eine Tatsache fantastisch finde: Egal ob man sie gut findet, egal ob man ihr Lied mag, egaler noch, ob man sich mit dem Thema der Diversität in unserer Gesellschat auseinandersetzen will oder nicht: *eines* hat sie zweifelsohne geschafft, die gute Frau Wurst: Man redet über sie, man fühlt, dass sie es ernst nimmt mit ihrer Kunstfigur und es wird passieren, dass kleine Kinder eine Frau mit Bart im Fernsehen erblicken und – heute – noch staunend ihre Mutter um Erklärungen ersuchen. ABER: In ein paar Jahren wird es viel leicht nicht mehr so sonderbar sein, wenn man die Vielfältigkeit der Gesellschaft akzeptiert.

    Und dass Frau Wurst hier und heute – against all odds – einen Ziegelstein dieser Mauer entfernt, ja, allein dafür gebührt ihr meine Stimme und Hochachtung.

    (wenn ich sie nur wählen dürfte! *g* …
    …hmmm können wir da nicht einen Deal checken, du lieber Gerrit Jan, Du? *liebguck*
    *lol*)

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    1. Oh, sorry, einen Deal hätte ich gar nicht einhalten können. *lach* Es hät sich nämlich gestern noch spontan ergeben, dass ich den ESC gar nicht geschaut habe. Kurz vor dem Abendbrot klingelte noch der Paketbote und brachte mir endlich das schon vor zwei Wochen bestellte Buch Blood Maidens von Barbara Hambly. Nach über 17 Jahren gibt es mit diesem Buch endlich das lang ersehnte dritte Abenteuer für den Oxford-Professor James Asher und seinen Gefährten, den charismatischen Vampir Don Simon Xavier Christian Morado-de la Cadena Ysidro. Und ganz ehrlich – nach 17 Jahren wollte ich nicht noch eine einzige Minute länger warten. Also gab’s gestern gepflegte literarische Freuden zu Hause statt Sangesfreuden in Kopenhagen. 🙂

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  4. Ich bin da 100%ig bei Dir. Es ist ein Song Contest. Und für Österreich abstimmen sollte nur, wen „Rise Like a Phoenix“ auch dann begeistert hätte, wenn irgendein x-beliebiger anderer Interpret den Titel gesungen hätte.

    Ich hab mirs gestern auch überlegt: Hätte ich für Conchita Wurst und ihr Lied gestimmt, wenn es zB von der Schweiz oder Italien ins Rennen geschickt worden wäre, wenn ich also rein technisch dafür anrufen hätte können? Ganz klares Nein. So sympathisch ich Conchita auch mittlerweile finde, das ist kein Sympathiewettbewerb. Es geht nicht um Sänger oder Botschaften. Es geht ums Lied. Und da war für mich die Entscheidung klar: „Rise Up“ und „Silent Storm“.

    Was ich überhaupt nicht vertrage ist, wenn irgendwelche „Gay Lifestyle“-Schwuchteln mir einzureden versuchen, was *man* als Schwuler zu tun hat. Aus Solidarität oder wegen der „schwulen Kultur” oder wegen sonstwas. Mein Schwulsein definiere ich über Liebe und Erotik. Ich leite daraus auch einen politischen Auftrag ab, nämlich im Rahmen der demokratischen Gesellschaft dafür zu sorgen, daß ich meine Liebe frei und gleichberechtigt leben kann. (Ja, ich war mal so eine richtige Politschwuchtel, in drei Vereinen gleichzeitig tätig und ständig mit Flugblättern in der Hand in irgendwelchen Fußgängerzonen.) Aber wenn dann jemand daherkommt und mir erklärt, daß man nur dann richtig schwul ist, wenn man eine bestimmte Musik hört, besonders feinfühlig ist, sich für Mode interessiert, unglücklichen Fag Hags sein Ohr leiht, für Conchita Wurst anruft und am besten noch bei der Regenbogenparade mitmarschiert… nein. Dann ists aus und vorbei. Es reicht, wenn 80% der Heteros mich mit ihren Vorurteilen belasten und in eine Schublade stecken wollen. Meine ganze Verachtung gehört den Schwulen, die genau das gleiche unter dem Titel „Community“ oder „Lifestyle“ von der anderen Seite her machen und noch dazu zu blöd sind, es zu merken.

    Conchita Wurst hatte meinen ganzen Respekt und (als Person) meine volle Zuneigung. Meine Stimme beim Televoting hätte sie nicht bekommen.

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  5. Ich bin auch der Meinung, dass man als Schwuler nicht alles, was schwul ist, auch gut finden muss … manches Ge-Schwule turnt mich ziemlich ab und anderes wieder finde ich gut … das hat aber in der Regel eher mehr mit der Sache an sich zu tun als mit der Tatsache, ob es schwul ist oder nicht. Und genau so sollte es ja auch eigentlich sein, oder nicht? Ich finde auch Hetero-Sachen toll … Autos zum Beispiel *gg*

    Aber um zu Conchita zurückzukommen. Als ich das Lied zum ersten Mal im Radio gehört habe, habe ich mir auch gedacht … hm, eher so lala … als ich aber ihren Auftritt gesehen haben, diese Show, diese Gestik, diese Stimme … das war ziemlich perfekt. Ganz großes Kino … von der Konzeption, der Kreation bis hin zur Umsetzung hat hier einfach wirklich alles gepasst. Wer noch nie auf einer Bühne gestanden ist, kann sich gar nicht vorstellen, was für ein Druck da entsteht. Wenn dir 10.000 Menschen zusehen, wie du allein auf so einer riesigen Bühne stehst. Conchita selbst hat bei der Pressekonferenz gemeint, dass die Welle an Emotionen, die da beim Sieg über sie hereingebrochen ist, sie fast umkippen hätte lassen. Und ich verstehe ganz genau, was sie damit meint! Das ist reine Energie. Energie die beim Applaudieren, Schreien, Jubeln frei wird und die dann wie ein Tsunami über dir hereinbricht. Das bläst dich durch als würdest du vor einem riesigen Fön stehen … und genau so ist das auch im TV rübergekommen. Ich glaube, vielen ging es so wir mir: feuchte Augen und Gänsehaut …

    Ich finde, Conchita hat gestern wirklich abgeliefert. Dass der ESC doch auch mehr ist als nur ein Liedwettbewerb hat sich wieder einmal bestätigt. Ich glaube, dass die Menschen hier für das „Gesamtpaket“ aus Lied, Interpretation, künstlerischem Können, Charme und Charisma der Künstlerin nicht nur beim Auftritt selbst sondern auch bei all den PR-Terminen und Pressekonferenzen von Conchita in der Woche vor dem ESC gevotet haben. Darum würde ich es als Gesamtsieg betrachten 😉

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    1. „….. dass die Welle an Emotionen, die da beim Sieg über sie hereingebrochen ist, sie fast umkippen hätte lassen.“
      Ich glaube, diesen Moment habe gut eingefangen mit meiner Aufnahme. Sie zeigt den Moment, als ihr Sieg klar war. Unten steht ja noch die Einblendung „Gets 12 Points from Slovenia“.
      Ich hab einfach auf den Auslöser gedrückt und vom Fernseher abfotografiert.

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