Post für Niemand

NiemandEigentlich gibt es zehn Wohnungen in unserer Mietskaserne. Neun davon sind belegt. Die zehnte, eine kleine Mansarde, ist seit Ewigkeiten ungenutzt, weil sie von der Ausstattung her auf dem Stand der Adenauer-Ära verharrt ist. Ein eventueller Bewohner müsste mit einem Etagenbad vorlieb nehmen, doch da es die im Haus längst nicht mehr gibt und die Wohnung an sich so klein ist, dass kein eigenes Bad eingebaut werden könnte, steht sie eben leer. Es hat mal Anläufe gegeben, die Wohnung daneben per Durchbruch zu vergrößern, und auch als Atelier für einen Fotografen ist das kleine Stiefkind zeitweise in Nutzung gewesen, doch das ist alles immer sehr schnell im Sande verlaufen.

Ergo steht die Wohnung leer. Trotzdem gibt es an der Haustür einen Klingelknopf und im Flur einen Briefkasten. Ordnung muss sein.

Obwohl an diesem Briefkasten lange kein Namensschild hing, fand sich jeden Tag etwas darin. Meist war es Reklame, die in der Nachbarschaft ausgetragen wurde. Doch selbst die gute alte Post stopfte munter die meist mit „An die fernsehinteressierten Bewohner des Hauses So-und-so-Straße 1“ oder ähnlich adressierten Massensendungen in diesen Briefkasten. Bis das Ding irgendwann überquoll und der Mitbewohner, der grade mit der Scheuerwoche dran war, sich erbarmte, den ungenutzten Briefkasten mit Hilfe einer Häkelnadel zu leeren, damit unser Eingangsbereich nicht bald einer Sammelstelle für Altpapier glich. Einmal fand sich dabei sogar einer von diesen amtlichen gelben Briefumschlägen, mit denen gerichtlich erlassene Schreiben förmlich zugestellt werden. Empfänger war jedoch niemand aus unserem Haus, sondern jemand in einem ganz anderen Haus in einer ganz anderen Straße in einem ganz anderen Stadtteil…

Irgendwann ist jemand auf die Idee gekommen, einen Hinweis anzubringen, dass es keinen Wert hat, diesen Briefkasten zu befüllen. Da, wo das Namensschild hingehört, steht nun schwarz auf weiß: Niemand.

Seitdem ist der Briefkasten voller als vorher.

Schwule sind Ganoven

Rainbowflag_TopSecretZeitlebens sind mir aus der heterosexuellen Welt die aberwitzigsten Gedankenspiele und Theorien präsentiert worden, wie sich das Leben im Zeichen des Regenbogens wohl abspielen mag, so dass mich kaum noch etwas an Hanebüchenem aus den Latschen hauen kann. Heute wurde mir allerdings eine seltene Ausnahme zuteil.

Meine Joggingpiste führt unter anderem durch ein Waldgebiet, dessen Hauptweg eine beliebte Verbindung zwischen zwei Stadtteilen ist. Hier kommen einem neben Hunden mit ihrem menschlichen Anhang und anderen Joggern auch Mitbürger jeglicher Couleur auf dem Weg zu Arbeit und Schule entgegen. Die Bänke längs des Wegs werden öfter als Treffpunkt genutzt, besonders von jüngeren Menschen bis etwa fünfundzwanzig. In diesem Alter befand sich auch jene  vorrangig in Grün gewandete Clique, die eigentlich damit beschäftigt war, sich um die Beseitigung der letzten Sturmschäden zu kümmern. Als ich mich diesem Rudel näherte, machten die jungen Männer jedoch gerade Frühstückspause. Als ich an ihnen vorbeitrabte, gab ein besonders bulliges, stiernackiges Exemplar ein unüberhörbares und unzweifelhaft an mich adressiertes „Blöde Schwuchtel“ von sich.

Für gewöhnlich lasse ich gerade das auf sich beruhen. Schwuchteln ist ein altdeutsches Wort für tänzeln, vermutlich mit dem Berliner schwoofen verwandt, und bei manchen Bewegungen, gerade wenn man die Gelenke zur Lockerung ein wenig ausschüttelt, sieht man als Jogger ja wirklich aus wie ein bekannter Zeichentrickbär mit Tanzerfahrung und der erklärten Absicht, alles mit Gemütlichkeit probieren zu wollen.

Man muss solchen Bildungsmangel gelegentlich einfach mal nur mit Humor nehmen, sonst käme man aus dem Empörtsein gar nicht mehr raus. Aber heute war mir irgendwie nicht danach, amüsiert den Sabbel zu halten.

Nun sollte man sich bei solchen von extremem Hormonüberschuss geplagten Gestalten grundsätzlich nie dazu verleiten lassen, ihnen eine Replik entgegenzuschleudern, die sie verstehen. Das kann übel enden. Aber Plattdeutsch ist im Pott nicht nur zum ungestörten Lästern im Straßencafé gut, man kann auch herrlich damit fluchen: „Bregenklöteriges Pastüür…“*

Der Stiernacken drehte sich um: „Wat hatter gesacht?“

Worauf ein anderer der Rotte sein geballtes Weltwissen zur Schau stellte: „Die Homos haben doch so ’ne Geheimsprache – wie die von der Mafia. Damit machen die auch ihre Dates klar.“

Klar. Wir sind ein Geheimbund. Eine Schattengesellschaft. Schlimmer als die Illuminati. Unser Gründervater ist Fantômas, unsere Anführer sind Bonnie Johnny & Clyde. Unsere Waffe ist die Puderquaste. Und wir bedienen uns einer geheimen Sprache.

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!!!


* 1.) bregenklöterig: Bregen = das Gehirn / klöterig = nicht ganz gesund. Man könnte auch sagen, jemand der davon geplagt ist, hat nicht alle Tassen im Schrank.  2.) Pastüür: unerträgliche Gestalt

Eins-vier-null

???????????????????????????????Die US-Talkmasterin Ellen DeGeneres hat dazu aufgerufen, Nicht-Kennern die Serie Game of Thrones in einem Tweet von 140 Zeichen zu erklären. Dabei fanden sich u. a. Einlassungen wie: „Alle sind sich spinnefeind, weil jeder Chef sein will.“ Oder: „Jeder will jeden ausbooten und alle haben dabei nur wenig an.“

Ach, so… dann ist Game of Thrones also nur Der Denver Clan – The next Generation?

Ich höre schon, wie die GoT-Fans ihre Messer wetzen. Vergleich mit einer schnöden 80er-Soap… Sa-kri-leg!!!

Entspannt euch. Es geht mir gar nicht um die Serie. Diese völlige Nicht-Aussagefähigkeit der Tweets zeigt mir nur wieder einmal, dass Twitter niemals ein Medium für mich sein kann. Wie soll ich es jemals schaffen, mich auf nur hundertvierzig Zeichen beschränken? Dafür bin ich eine viel zu große Sabbeltüte…

Sommerklänge

Sommerklaenge

Auch weniger regelmäßige Leser dürften inzwischen gemerkt haben, dass die Stadt, in der ich wohne, und meine Wenigkeit ein nicht ganz unbelastetes Verhältnis zu einander haben. Das wird wohl auch weiterhin so bleiben.

Es bleibt aber auch dabei, dass das Quartier, in dem ich mit meinem Gemahl lebe, eine durchaus kommodig lebbare Alternative bleibt, bis wir endlich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt haben, die uns derzeit noch daran hindern, unsere Zelte an der Elbe aufzuschlagen.

Das zeigt sich besonders in den Sommernächten. Wenn man es sich dann mit Lieblingsgetränk nebst -buch auf dem von Windlichtern und Laternen sanft illuminierten Balkon bequem macht, wird unsere Stereoanlage in der Küche, über die ich eigentlich nun Vaya Con Dios, Miloš Karadaglić oder Michael Falch hören würde, nahezu überflüssig. Aus irgendeinem offenen Fenster, von irgendeinem anderen Balkon bekommt man nämlich immer ein Live-Konzert serviert. Mal begleitet sich jemand selbst zu Connie Francis‘ Second Hand Love auf dem Klavier und klingt dabei besser als damals bei der Originalaufnahme Frau Francis‘ eigens engagierter Pianist Floyd Cramer. Mal hört man einem Gitarristen zu, was er aus Guitar Tango von The Shadows macht, und zu einer anderen Gelegenheit hört man eine wunderschöne A-Cappella-Version des neapolitanischen Traditionals Statte vicino a ‚mme.

Passend zum offiziellen Sommeranfang haben diese sommerbendlichen Live-Konzerte wieder begonnen. Am vergangenen Freitag hat sich sogar jemand sehr erfolgreich an dem nun wirklich nicht leicht zu singenden Capri C’est Fini von Hervé Vilard versucht, bevor wir mit Calm After the Storm von The Common Linnets einen ganz aktuellen Song dargeboten bekommen haben.

An solchen Abenden herrscht Frieden zwischen der kleinen Stadt im Pott und mir.

Sonntagszwischenruf

Messer

Heute: Altes Wissen

Ganz egal, ob man nun Damen wie Carol Brady (Drei Mädchen und drei Jungen) aus den USA als Vorbild nimmt oder sich in heimischen Gefilden bei Angi Schumann (Ich heirate eine Familie) umschaut – in den Serien aus der Frühzeit meiner Generation sind es immer die Mütter, die große und kleine Katastrophen zu aller Zufriedenheit richten.

Aber wo wir grad so nett unter uns sind – ist das nicht ein falsches Bild? Auch wenn unsere Mütter zeitgeisthalber noch hauptsächlich die klassische Rolle der „Nur-Hausfrau“ ausgefüllt haben – und das ganz vorzüglich, wie ich ausdrücklich betonen möchte – die Kniffe des Lebens kennen wir doch eigentlich alle von unseren Großmüttern. Kein Klönschnack über Koch- und sonstige Haushaltstricks, in dem nicht irgendwann der bedeutungsschwangere Satz fällt „Meine Oma hat auch immer…“

Darum fiel mir auch gleich meine eigene Oma ein, als mein mir Angetrauter es heute geschafft hat, sich beim Herausholen des Waffeleisens aus einem höheren Regal unserer RumpelSpeisekammer selbiges auf die Schläfe fallen zu lassen: Schnell zum Besteckkasten gerannt, ein ganz normales Butterbrotmesser rausgeholt und kühlend auf die betroffene Stelle gelegt. Et voilà – von dem Malheur ist nix zu sehen.

Carol Brady und Angi Schumann hätten das grantiert nicht gewusst!

Für gut

Die meisten meiner Generation werden damit aufgewachsen sein, dass die Großeltern immer etwas hatten, das „für gut“ verwahrt werden sollte. Das konnte ein besonderes Kleidungsstück sein, ein besonders Stück Geschirr, eine besonders gute Flasche Wein, sonstwas.

Was immer es auch sein mochte – allen Dingen war gemein, dass sie meist in irgendeinem Schrank zu Dunkelhaft verdonnert waren und auf ein „Für gut“ warteten, das doch nie kam: Das Kleidungsstück passte irgendwann nicht mehr. Das Stück Geschirr fiel runter und ging zu Bruch, als man etwas anderes aus dem Schrank nahm. Die Flasche war so lange unsachgemäß gelagert worden, dass aus dem guten Wein ein schlechter Essig geworden war.

Irgendwann blieb dann nur noch ein x-beliebiger Gegenstand übrig, mit dem keinerlei Erinnerung verbunden war, weil ihn nie jemand zu Gesicht bekommen hatte und der deswegen bei der Haushaltsauflösung im Müll landete.

Ein schauderhafter Gedanke. Meinem Lieblingsgeschirr soll es nicht so gehen.

Für_gut_Collage

Es ist kein besonderes Geschirr, es kann nicht mal besonders teuer gewesen sein, denn es ist nur ein x-beliebiges Steingutgeschirr, Supermarktmassenware im typischen 70er-Jahre-Design. Aber weil es zum Haushalt meiner Oma selig gehört hat und somit ein Erbstück ist, müsste ich es nach Lesart der Altvorderen eigentlich „für gut“ wegstellen.

Ich denke ja gar nicht dran!

Es weiterhin zu benutzen, hält die Erinnerungen an schöne Sommernachmittage beim Kaffeeklatsch auf Omas Terrasse beim Fischteich lebendig – umso mehr, wenn man noch neue Erinnerungen mit der Familie hinzufügt, die man inzwischen selber gegründet hat.

Darüber hinaus… sollte man sich selbst nicht soviel wert sein, um aus jedem Tag einen Tag „für gut“ zu machen?

Darum kommt das Geschirr weiterhin bei mir immer dann auf den Tisch, wenn mir danach ist.

So wie heute. Schönes Wochenende!

Von der Themse an die Newa

Nach Those Who Hunt the Night und Travelling With the Dead nun meine Eindrücke zum 3. Abenteuer mit dem Oxford-Professor und Spion im Dienst Seiner Majestät a. D. James Asher und dem spanischen Vampir Don Simon Xavier Christian Morado-de la Cadena Ysidro,

Blood MaidensBlood Maidens (noch nicht in dt. Übersetzung erschienen) von Barbara Hambly

Worum geht es? Erneut wird James Asher zum Verbündeten von Don Ysidro. Dieser benötigt Hilfe, weil eine Freundin von ihm (und wie Asher vermutet: mehr als das), in St. Petersburg verschwunden ist. Ein Eindringling will scheinbar dem Meistervampir von St. Petersburg das Territorium streitig machen. Dabei stellt er sich einerseits sehr ungeschickt an: All seine neuen Zöglinge werden umittelbar nach ihrer Erschaffung wieder vernichtet. Andererseits ist er so geschickt darin, seine Spuren zu verbergen, dass selbst die ältesten Vampire St. Petersburgs und der Städte, die er auf seinem Weg in die Newa-Metropole durchkreuzt hat, trotz ihrer hochentwickelten Fähigkeiten seine Präsenz zwar spüren, doch ansonsten nichts weiter herausgefunden konnten. Wer ist dieser Eindringling mit den neuen, hochentwickelten Fähigkeiten? Was hat der Geheimdienst des auf Krieg gebürsteten deutschen Kaisers damit zu tun? Und was ist mit dem Aspekt, dass Vampire – entgegen aller bisherigen Aussagen von Don Ysidro – scheinbar doch Freundschaft und Liebe empfinden können? Während Professor Ashers Frau Lydia in St. Petersburg wieder einmal die zuverlässige Rechercheurin gibt, jagen Asher und Ysidro quer durch Europa, um über Informanten in Berlin, Prag, Köln und Warschau das düstere Rätsel zu lösen.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Ich war ziemlich skeptisch, als ich Blood Maidens kaufte, denn es hat über fünfzehn Jahre gedauert, bis Barbara Hambly sich nach zahlreichen anderen Büchern endlich dem dritten Abenteuer für das Ehepaar Asher und Don Ysidro gewidmet hat. Würde es ihr gelingen, nach so langer Zeit an die großartige Atmosphäre der beiden vorherigen Bücher anzuknüpfen? Kurzum: Ja.

Der Plot setzt unmittelbar nach dem Ende von Band 2 (Travelling With the Dead) an und beinhaltet alle Elemente, welche die beiden vorherigen Bücher so lesenswert gemacht haben: Eine Story zwischen Vampirroman und Krimi (wobei Blood Maidens eher Elemente des Spionage-Krimis à la The 39 Steps beinhaltet statt wie zuvor des Gaslight-Krimis), die sich am Ende ganz anders auflöst, als es zu Beginn den Anschein hatte. Eine Story mit vielschichtig gezeichneten Charakteren, die sich glaubwürdig weiterentwickeln. Da ist auf der einen Seite die Zerrissenheit von Asher und seiner Frau Lydia zwischen dem unbedingten Pflichtgefühl, Vampire vernichten zu müssen, und dem merkwürdigen Gefühl, zu Don Ysidro eine Verbindung zu spüren, von der sie nicht wissen, ob da eine echte, wenn auch unheimliche Freundschaft erblüht, oder ob der Vampir ihre Gefühlswelt nur über seine Kräfte manipuliert.

Auf der anderen Seite ist da Don Ysidro, der zunehmend „menschlicher“ daherkommt und fast schon sympathische Züge entwickelt, was die innere Zerrissenheit des Ehpaares Asher für den Leser nur deutlicher macht. Auch die Feinde und Freunde, mit denen das Trio in Blood Maidens zusammentrifft, sind sehr komplex und detailliert von Hambly erschaffen worden.

Dazu gelingt es ihr, den geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der von ihr beschriebenen Epoche so perfekt recherchiert auf die Story zu übertragen, dass das St. Petersburg des Jahres 1911 in seiner ganzen Pracht und Düsternis mit allen gesellschaftlichen Details von den Armenquartieren bis zu den verschwenderischen Residenzen wiederaufersteht. Sie malt förmlich mit ihren Worten. Hier haben fünfzehn Jahre Pause keinerlei Rost an ihrer Erzählkunst angesetzt.

Doch leider hat auch ein Wehrmutstropfen überlebt: Wenn Barbara Hambly ihre Protagonisten wie die Kölner Vampirin Petronilla Ehrenberg oder auch Asher (der Deutsch angeblich so perfekt beherrscht, dass er selbst die feinen Nuancen verschiedener Stadtteile des Berliner Dialekts bis in einzelne Straßenzüge hinein unterscheiden und korrekt anwenden kann) Deutsch sprechen lässt, möchte man als deutscher Leser am liebsten in die Tischkante beißen. Hier stimmt wirklich nichts, und wieder fragt man sich: Warum hat das Lektorat nicht korrigierend eingegriffen?

Doch wenn man in diesem Punkt beide Augen ganz, ganz fest zudrücken kann, gibt es wirklich nichts an diesem Buch zu meckern.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Borschtsch. So rot wie Kommunismus ___, Blut ___, die immer selbe verdammte Ampel morgens auf dem Weg ins Büro ___. (Zutreffendes nach eigenem Gutdünken bitte selber ankreuzen)

Heute vor einem Jahr: Hamburg

AlsterHamburg, 17.06.2013, morgens gegen acht Uhr. Jogging rund um die Außenalster. Der Weg führt unter anderem am Ruderclub Favorite Hammonia und am Konsulat der USA vorbei. Eine Bodenwelle im Sandweg etwa auf Höhe der Fontenay bringt mich zu Fall, ich stürze. Ich presse ein rustikales „So’n Schiet ober ook“ hervor, aber abgesehen davon, dass ich eine Handvoll Alsteruferstaub gefressen habe, ist nix weiter passiert.

Zu dieser Zeit anwesend: Ein Herr im Businessanzug, zwei Jogger, eine ältere Dame mit Hund und eine junge Frau auf einem Fahrrad. Alle kommen sofort auf mich zu und bieten mir Hilfe an. Der Geschäftsmann zückt sein Handy, um ggf. den Rettungswagen zu bestellen. „Alles in Ordnung? Ist was passiert?“-Fragen aus fünf Kehlen. Ich bedanke mich höflich, versichere, dass es mir bestens geht, und verabschiede mich von allen. Natürlich bei jedem einzeln mit Handschlag, Struppi bekommt einen Kinnkrauler.

Ich schüttele noch etwas Dreck von meiner Hose, dann setze ich meine Joggingrunde ohne weitere Zwischenfälle fort.

Zur Erinnerung und zum Vergleich verweise ich auf das, was vor einem Jahr, zwei Wochen und fünf Tagen passiert ist. Noch Fragen, warum ich mich in der norddeutschen Heimat wohler fühle als im Exil? Weitere Beispiele verfügbar.

Über den Tellerrand geschaut (1)

Fundstücke aus anderen Blogs – Heute: Freitags-Füller

In anderen Blogs zu stöbern macht unheimlichen Spaß, vor allem jenen, die sich mit Kreativität beschäftigen. In den Scrap-Impulsen habe ich heute den Freitags-Füller gefunden, dem Lückentext im Englisch- oder Deutschunterrricht früher auf der Penne nicht unähnlich. Es gibt sieben Vorgaben, die man nach eigenem Gutdünken ergänzt – und dann natürlich teilt.

Eine schöne Übung für Spontaneität beim Schreiben, und hier ist das, was mir zum Freitags-Füller dieser Woche eingefallen ist (meine Ergänzungen sind  Fett/Kursiv gehalten):

  1. Fußball ist so gar nicht meins.
  2. Trotzdem gönne ich die Fußball-Weltmeisterschaft allen, die’s mögen, von Herzen.
  3. Eigentlich mag ich bei dem schönen Wetter heute so gar nicht zu Feudel und Leuwagen greifen, aber Scheuerwoche im Flur muss sein.
  4. Überteuerte Staubfänger de luxe: Fanartikel.
  5. Brasilien hat uns mit Astrud Gilberto und Antônio Carlos Jobim wunderbare Musiker geschenkt.
  6. Ich werde heute hoffentlich noch (siehe Punkt 3) gegen meinen inneren Schweinehund gewinnen.
  7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf die Fertigstellung eines Kapitels meines neuen Manuskripts, morgen habe ich noch gar nichts geplant und Sonntag möchte ich genauso spontan entscheiden können!

Schönes Wochenende!

Zehn Momente

1. Man schreibt das letzte Wort, setzt den letzten Punkt. Man fühlt sich großartig.

2. Man kontrolliert alles noch einmal. Man ist zufrieden.

3. Man lädt Testleser ein. Man ist gespannt.

4. Man erhält Feedback. Man freut sich über die konstruktive Kritik, schüttelt fassunglos den Kopf ob unbegründeter Verrisse, man setzt die konstruktive Kritik um und bearbeitet die entsprechenden Passagen, ändert den als nichtssagend bemängelten Titel

5. Man prüft noch einmal alles. Jetzt ist das neue Werk wirklich fertig.

6. Man reicht das Skript im Lektorat ein. Man ist nervös.

7. Man erhält das positive Feedback des Verlags. Man freut sich, das jetzt die VÖ-Maschinerie in Gang kommt.

8. Man prüft noch einmal das ganze Projekt von vorne bis hinten. Man denkt „Jetzt oder nie“ und gibt grünes Licht.

9. Man erhält die Info, dass das neue Werk für den Vertrieb freigegeben ist. Man ist erleichtert und dankbar, dass man so weit gekommen ist.

10. Man sieht sein neues kleines Bescheidenes Werk im ersten Shop gelistet, nach und nach ploppt es auch in allen anderen hoch: „Das Nebelschiff“ – eine Erzählung im Stil viktorianischer Schauergeschichten, in der ein kleiner Dieb von seiner Beutetour im Hamburger Hafen mehr mitnimmt als ihm lieb sein kann.  Als eBook auf allen gängigen Plattformen erhältlich. Man fühlt sich unbeschreiblich.

Nebelschiff - Titelbild

Lieblingsplätze

Moin!

Zum Feiertag heute mal nicht soviel Gesabbel von mir, sondern einfach ein paar Impressionen von Lieblingsplätzen in und um Hamburg, an die es mich immer wieder zieht. Einen schönen Feiertag!

Pfingstcollage 1

1. Reihe (v. l. n. r.): Die Fährverbindung zwischen Puttgarden und Rødby Færge / Orth auf Fehmarn / St. Pauli Landungsbrücken, Brücke 3

2. Reihe: Hansestadt Lübeck / Friedhof Hamburg-Ohlsdorf / Ostholstein zur Rapsblüte / Rosenstadt Eutin

3. Reihe: Ostseestrand bei Dahme / Planten & Blomen in Hamburg

Pfingstcollage 2

1. Reihe: Rund um die Alster / Kieler Förde (Blick vom Marine Ehrenmal Laboe)

2. Reihe: Museumshafen Oevelgönne / Leuchtturm von Dahme / Hans-Leip-Ufer, Hamburg / Treppenviertel Blankenese

3. Reihe: Hafen Hamburg – Blick vom Stintfang / Probstei / Rødby Færge

 

Halt die Klappe NICHT, Rose!

Zum Wochenausklang gibt’s mal wieder einen Buchtipp, wie immer mit dem Fokus auf ein älteres Werk. Heute im Angebot: Die 1995 erschienene erste Auflage von

Betty White1Here We Go Again – My Life in Television von Betty White

Worum geht’s? In Deutschland hat man Betty White eigentlich erst als Golden Girl Rose Nylund kennengelernt. Doch in den USA ist sie eine TV-Pionierin, die auf eine rund siebzig Jahre währende Karriere zurückblicken kann.

Sie hat alles miterlebt und -gestaltet, angefangen mit den ersten Testsendungen – die den Namen FERNsehen eigentlich gar nicht verdient hatten, weil die EntFERNung bei der Ausstrahlung gerade mal die Distanz vom vierten Stock bis ins Erdgeschoss der Test-Fernsehstation überbrückte. Seitdem hat sie kontinuierlich Fernsehgeschichte geschrieben: Sie war u. a. Ende der 1940er Jahre der erste weibliche Star, der von der stummen Assistentin zur vollwertigen Co-Moderatorin einer täglichen, fünf Stunden (!) langen Liveshow avancierte. Sie war die erste Frau in den USA, die sowohl eine Quizshow moderierte als auch die Urlaubsvertretung für Talkshowlegenden wie Johnny Carson übernehmen durfte. Als Schauspielerin gewann sie den Emmy für ihre Rollen u. a. als gewitzte Hausfrau in Life With Elizabeth (1953 – 1955), als männermordende Egomanin Sue Ann Nivens in der The Mary Tyler Moore Show (1973 – 1977), und natürlich als Golden Girl Rose (1985 – 1992).

Als Zeitzeugin lässt Betty White den Leser hinter die Kulissen des TV-Business blicken, ohne dabei indiskret zu sein. Mit vollem Herzen dabei, mit gebührendem Respekt vor Kollegen, einer gehörigen Dosis Herzenswärme und einem Schuss feinen Humors porträtiert Betty White das Metier, das scheinbar extra für sie geschaffen wurde und verrät natürlich auch einiges aus ihrem Privatleben.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Wenn etwas ungewöhnlich erscheint, dann höchstens, dass vieles auf den ersten Blick ein wenig zu zuckersüß wirkt. Betty White benutzt Adjektive wie „dear“, „sweet“, „wonderful“ oder „lovely“ beinahe inflationär. Doch wer zwischen den Zeilen liest, wird feststellen, dass sie jedes Wort ehrlich meint. Insgesamt ist Here We Go Again eine amüsante Unterhaltungslektüre, aber auch eine informative Geschichtsstunde, die nachvollziehen lässt, warum sich das Fernsehen so entwickelt hat, wie es sich entwickelt hat. Und es ist das Portrait einer warmherzigen, aber auch tüchtigen Persönlichkeit, die den Ehrentitel „TV-Legende“ zu Recht verdient hat.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Die Frage stellt sich doch eigentlich gar nicht, oder? Käsekuchen!

Mein fantastischer Superheldenname

Superheld1aInsgesamt sind Social Networks schon ganz okay. Ich hab‘ sie durchaus zu schätzen gelernt, unter anderem als schnelle Kommunikation mit Leuten, die einfach zu weit entfernt wohnen, um sich „mal eben“ mit ihnen auf einen Kaffee zu treffen.  Bei einer lieben Freundin in Panama City/Florida ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

Auch zur schnellen Unterhaltung und/oder Information zwischendurch sind sie durchaus geeignet – als Fan von Ralph Ruthe freue ich mich über jeden neu geposteten Comic ebenso wie über die Ankündigung von Album- oder Buchveröffentlichungen meiner Lieblinge.

Doch keine Suppe ohne Haar darin. Was mich im bekanntesten aller Social Networks bisweilen nervt, sind diese kleine Spielchen à la „Welche Weihnachtselfe bist du?“, „Entdecke deinen Drag Queen-Namen“ oder „Welcher Hobbit bist du?“, die wie ein Kettenbrief verbreitet werden. Zu sehen ist ein buntes Bildchen, auf dem ein kleines Figürchen abgebildet ist, welches das gesuchte Wesen darstellen soll. Nun soll man den ersten Buchstaben seines Vornamens mit seinem Geburtsmonat (o. ä.) kombinieren und mit zwei entsprechenden Listen auf besagtem Bildchen vergleichen. Bei der Suche nach der Weihnachtselfe kommt dann etwas heraus wie „Gingerbread Sugar-Socks“, zu deutsch: „Lebkuchen Zuckersöcken.“ Dabei hasse ich Lebkuchen!

Als diese Spielchen in ihren unzähligen Varianten aufkamen, waren sie durchaus witzig – wie alles, was neu ist. Aber dann wurde es zunehmend absurder: „Wie lautete dein Name, wenn du ein Cocktail wärst?“ (Grapefruity Paradise Punch.)

Oder: „Was wäre dein Name als Rose?“ Das wusste ja nicht mal Umberto Eco!

Das mit Abstand blödeste Spiel ist mir gestern  untergekommen: „Wie lautet dein Superheld-Name“ – wow, wer wollte noch nie die Welt retten, so als Grüner Blitz  oder als Silberner Pfeil im superheldenmäßig super sitzenden Superheldenanzug nebst passendem Umhang und nicht etwa singend per selbstmitleidiger Betroffenheitslyrik à la Tim Bendzko?

Aus purer Neugier habe ich mitgemacht. Was sind die Anforderungen? „1: Die Farbe der Hose, die du gerade trägst. 2: Der Gegenstand rechts von dir.“

Toll.

Ich bin das Graue Akkuladegerät.

Nachtrag am 12.06.2014: Passend zum Beginn der Fußball-WM ist natürlich auch ein Spiel „Wie lautet dein Samba-Name“ aufgetaucht. Demnach heiße ich Ritmo Waka Waka de la Handetasche. Was macht man mit so einem Namen? Kriegt man dann eine eigene Dokusoap, oder tritt man 2015 für Köln beim Eurovision Song Contest an…? 😉

Late Night Talk

LateNightTalk„Hast du den Autoschlüssel wiedergefunden?“

Irritiert blicke ich von meiner Bettlektüre hoch, denn dunkel ist meines Mannes Rede Sinn. „Was ist los?“ frage ich.

„Hast du den Autoschlüssel wiedergefunden?“

Also habe ich ihn doch richtig verstanden. Das Dumme ist nur: Wir ‚aben gar keine Auto! Also antworte ich: „Nö.“

Jetzt schlägt er die Bettdecke zurück und schwenkt die Beine auf den Fußboden. „Dann suche ich ihn eben selber!“

Ich überrede ihn, sich wieder hinzulegen. Nachts um halb drei muss man keine Autoschlüssel suchen. Schon gar keine eingebildeten. Aber ich kann mir am folgenden Morgen nicht verkneifen zu fragen: „Und? Hast du die Autoschlüssel gefunden?“

„Welche Autoschlüssel?“

„Die, die du letzte Nacht gesucht hast.“

„Spinnst du?“

Kein Zweifel, mein Lieblingsmensch hat das Herz am rechten Fleck. Aber manchmal – vor allem nachts – frage ich mich, wo sein Kopf herumschwirrt. Eine Situation wie die beschriebene kommt nämlich immer wieder mal vor, seit ich ihn kenne: Scheinbar wach, kann er sich Tee kochen, das letzte halbe Rundstück von gestern belegen und essen und dabei komplette Konversationen bestreiten. Und von alledem weiß er am nächsten Morgen… nichts mehr! Ich kenn‘ mich da nicht so aus, aber könnte das eine Vorstufe von Mondsucht sein.

Nun ja, solange es nur um imaginäre Autoschlüssel geht, ist das nicht weiter tragisch. Aber manche Dinge gefährden am nächsten Tag ganz schön den Ehefrieden. In der Regel bin ich nämlich noch hellwach, wenn er nachtgeschwätzig wird, eben weil ich so lange lese. Dabei übersehe ich oft, dass Ulis Bewusstsein anders als meins auf Sparflamme kocht. Trotzdem breche ich spontan ein alltägliches Gespräch vom Zaun: „Was soll ich eigentlich morgen kochen?“

„Mach doch mal wieder Schnüsch. Aber nicht wieder so geizig mit dem Matjes!“

„Okay.“

„Eine einziger ist ja wohl ein bisschen wenig – wenn du so weitermachst, haben wir bald wieder Lebensmittelkarten!“

„Ist ja schon gut, Herr und Gebieter! Also zwei Matjesfilets für dich.“ Ich selbst bin nämlich Vegetarier.

Vier! Soll ja für zwei Tage reichen.“

„Ist notiert – vier“, gebe ich nach. „Zufrieden?“

„Zufrieden.“

Am nächsten Morgen, ich komme gerade vom Einkaufen wieder: „Weißt du, worauf ich mal wieder Lust hätte? Auf ’nen richtig schönen Nudelauflauf. Machste uns den heute?“

„Du hast wohl nicht mehr alle Krabben auf’m Kutter! Letzte Nacht hast du noch Schnüsch bestellt und ausdrücklich auf vier Matjesfilets bestanden. Jetzt, wo ich alles eingekauft habe, soll ich das Menü wieder umstellen? Kommt gar nicht in die Tüte!“

„Wann habe ich letzte Nacht Schnüsch bestellt? Da habe ich tief und fest geschlafen!“

Manchmal frage ich wirklich, warum manche Leute so begeistert die Late Night Talk Shows im Fernsehen einschalten. Das, was man zu später Stunde in den eigenen vier Wänden erleben kann, ist doch viel unterhaltsamer. Oder geht’s etwa nur bei mir so zu?