Walzer für eine Hamburger Deern

HeidiKabel100Jedesmal, wenn ich Ron Goodwins Venus Walzer höre, denke ich nicht an die Ballsaison in englischen Seebädern wie Blackpool oder Torquay, sondern ich sehe eine naseweise Frau mit Hamburger Zungenschlag, die neben einem pensionierten Beamten beim Erklingen dieses Liedes für einen Moment ihre Biestigkeit vergisst und sich selig im Walzertakt wiegt. Das alles im schmucklosen Treppenhaus einer Mietskaserne irgendwo in Hamburg. In Barmbek, auf der Veddel, in Altona, in Wandsbek, selbst auf der Margarineseite (also der nördlichen Seite der Elbchaussee) von Blankenese … es hätte in jeden Stadtteil gepasst.

Ganz sicher geht es vielen anderen genau so, wenn sie zusätzlich drei Begriffe hören: Ohnsorg TheaterTratsch im Treppenhaus – Heidi Kabel.

Aber Heidi Kabel war mehr als eine Volksschauspielerin, die diese, im „seriösen“ Feuilleton eher abfällig gemeinte Titulierung stets als größtes Kompliment empfunden hat. Und recht hatte sie. Ein paar hochnäsige Feuilletonisten zu begeistern ist immer leicht, aber quer durch alle Bevölkerungsschichten einer ganzen Nation Zuneigung und Anerkennung zu finden, dazu bedarf es mehr.

Heute wäre sie hundert Jahre jung geworden, und mir fallen zwei Dinge ein, die mir ganz besonders in Erinnerung geblieben sind.

Von allen Rollen, in denen ich sie erlebt habe, war die der Mudder Mews die ergreifendste. Beim Fernsehpublikum ist sie nahezu unbekannt, denn der NDR hat sich bei den Übertragungen stets nur auf die temporeichen Komödien beschränkt. Mudder Mews hingegen ist ein Drama, in welchem eine verbitterte Matriarchin ihre Schwiegertochter am Ende in den Suizid treibt. Heidi Kabel hat diese Rolle großartig gespielt und gezeigt, dass sie mehr konnte als laut und lustig. Es war auch ihre persönliche Lieblingsrolle.

Auf der anderen Seite war da ihr soziales Engagement. Sie hat es nicht dabei belassen, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen mit wohl gewählten Worten an die Anwesenden um Spenden zu werben und selbst mit einem Scheck zu wedeln. Gewedelt hat sie ohnehin nie damit. Etwas wie diese appeldwatsche Ice Bucket Challenge wäre ihr vermutlich zuwider gewesen. Man macht um Wohltätigkeit kein großes Trara – man macht es einfach und gibt nicht noch damit an.

Wie dem auch sei, ihr Engagement ging weiter. Sie hat den Mund aufgerissen, ihre Meinung gesagt, Unbequemes wieder und wieder aufs Tapet gebracht und sich für Projekte eingesetzt, von denen andere aus Sorge um ihren Ruf die Finger gelassen haben, z. B. die Hamburger Babyklappe und das Hospiz Leuchtfeuer. In kalten Winternächten ging sie zu den Hamburger Berbern unter Brücken oder in Hauseingängen, half nicht nur mit Spenden, sondern auch mit menschlicher Wärme. Sie unterhielt sich mit ihnen und hörte ihnen ganz genau zu. Dabei verzichtete sie auf den Presserummel, ohne den die aktuellen Society-Schnepfen scheinbar nicht auskommen. Erfahren hat man von diesen Besuchen erst im Nachhinein, wenn sie sich zum unüberhörbaren Sprachrohr der sonst Überhörten machte. Obwohl sie ausgerechnet in diesem Stück des Ohnsorg Theaters nicht mitspielte, passte dessen Titel doch genau zu ihr: Minsch sien mutt de Minsch (Mensch sein muss der Mensch).

Das Lied In Hamburg sagt man ‚Tschüß‚ gehörte zu ihr, wie sie zu Hamburg gehörte. Obwohl es von Abschied erzählt, ist es ein heiteres Lied, denn schwingt immer mit, dass man zurückkehrt. Ein Lächeln huscht übers Gesicht. Selbst als sie 2010 starb und das Lied auf einmal trauriger denn je daherkam, vor allem bei der Trauerfeier im Michel, ging es nicht ganz weg.

Es ist übrigens auch ein Walzer.

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