Fanclub? Nein, danke!

20141029-01Gestern Abend bin ich bei Facebook eingeladen worden, Mitglied der Fangruppe eines Künstlers zu werden, den ich sehr schätze. Ich habe abgelehnt. Das journalistische Trara der letzten Tage nach der Parodie auf eine bekannte Sängerin durch die Komikerin Carolin Kebekus hat mich daran erinnert, warum ich selber jegliche Aktivitäten als organisierter Fan komplett eingestellt habe.

Fan zu sein ist eigentlich ganz schön. Man hat etwas, das einem Freude bereitet, und kommt darüber hinaus noch in Kontakt mit anderen Menschen, die ähnlich empfinden. Problematisch wird es oft erst, wenn das Ganze organisierte Formen annimmt. Ich war selber jahrelang Mitglied eines Fanclubs einer international bekannten Sängerin, hab’s bis zum stellvertretenden Vorsitzenden gebracht mit allem Drum und Dran, vor allem ganz viel Fanbetreuung.

Zu Anfang hat es sehr viel Spaß gemacht, doch irgendwann mehrten sich die Fans, denen jedes gesunde Maß fehlte, die den Star auf einen so hohen Sockel stellten, dass es an Götzenverehrung erinnerte.

Solche Fans sind beängstigend. Jede Kritik ist bei ihnen verboten. Dabei ist konstruktive Kritik doch genau das, was jeden Menschen wachsen lässt. Doch in den Augen dieser Fans ist alles von „ihrem“ Künstler ab-so-lut per-fekt. Dass der Star sich hingegen bei Meet & Greet-Veranstaltungen öffentlich dankbar für Kritik zeigt und dafür, wenn nicht zu allem „Ja und Amen“ gesagt wird, interessiert diese Fans nicht. Für sie ist Star X gottgleich und somit unfehlbar.

Zudem bekommen diese Fans nie genug, verlieren jedes Augenmaß für eine gesunde Distanz. Da ist zum Beispiel die ständige Forderung nach Songmaterial, das seit Jahren unveröffentlicht in den Archiven ruht. „Das ist er/sie uns schuldig! Ohne uns wäre er/sie nix geworden!“ Entschuldigung, aber ein Star schuldet seinen Fans überhaupt nichts. Klar, die Entscheidung für eine solche Karriere in der Öffentlichkeit ist freiwillig und die Fanbegeisterung trägt den Star. Trotzdem bringt sie eine Menge Verzicht mit sich, wenn besagter Star für die Fans Woche um Woche auf Tour, im Studio, in TV-Shows verbringt, ständig im Fokus der Allgemeinheit und keinen Atemzug tun kann, der nicht beäugt und kommentiert wird. Insofern sind die Fans in der Schuldnerposition – ihre Forderungen sind irrelevant, vielmehr schulden sie ihrem Star den Respekt vor dessen Entscheidungen.

Eine solche Ansicht sollte man nicht offen aussprechen, wenn man in einem Fanclub aktiv ist. Denn dann kann ein Sturm losbrechen, gegen den die Reiter der Apokalypse wie kalifornische Men Stripper daherkommen. Von ABBA über Helene Fischer und Madonna bis ZZ Top: Es zieht sich durch alle Äras und Musikstile – und betrifft neben Musikern auch Schauspieler, Schriftsteller, Fußballer, Fußballvereine, Adelshäuser, die Fantasywelt von Harry Potter und Herr der Ringe… Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Mir kommt gerade eine Szene aus The Golden Girls in den Kopf: Dorothy ist wegen einer unpassenden Bemerkung aus Blanches Elvis Presley-Fanclub geworfen worden. Blanche rät: „Vielleicht solltest du dir eine Gruppe suchen, die etwas weniger fanatisch in ihrer Ergebenheit ist“. Darauf Dorothy: „Wie was, Blanche? Die PLO?“

Genau so habe ich mich in meinem Fanclub kurz vor dem Ausstieg auch gefühlt. Beschimpfungen, Verleumdungen und was weiß ich noch alles von seiten dieser Über-Fans vergifteten zunehmend das Klima. Fan = Fanatismus. Hier stimmte es, und es hat mir wirklich Angst bereitet. An diesem Punkt konnte ich nur aussteigen. Das Geschehene hat meine Einstellung zum Fan-Sein vollkommen verändert. Ich höre „meine“ Künstler nach wie vor gerne, doch mich nochmal fanmäßig organisieren?

Im Leben nicht.

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11 Antworten auf “Fanclub? Nein, danke!”

  1. Hm. Spiegelt das nicht nur das normale Leben wider? Menschen, die sich in Gruppierungen jedweder Art so aufführen, sind die in ihrem privaten Leben anders, oder benehmen die sich da nicht genauso fordernd und selbstherrlich?
    Für mich ein Grund, warum ich mich immer von sowas ferngehalten habe. Wenn du schonmal in einem Kuhdorf gelebt hast … Kaum, dass du eingezogen bist, steht der Vorstand des Schützenvereins oder einer von der Freiwilligen Feuerwehr vor deiner Tür und will dich akquirieren. Ich habe mal gegenüber einer FF-Wache gewohnt, in der auch der Schützenverein seinen Sitz hatte. Was da abgeht … halleluja!

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    1. Ich glaube, die Facetten, warum dieses Fan-Dasein manchmal so ausufert, sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen. Um deine Frage mit der Selbstherrlichkeit aufzugreifen- ich hab’s durchaus erlebt, dass einige Charaktere nur im Fanclub so aufgedreht haben, weil er das einzige war, das ihnen Sicherheit gegeben hat. Außerhalb des Clubs waren sie so verschüchterte und unsichere Wesen, dass sie über die Blumen im Teppichmuster gestolpert sind. Viel Kompensation also.

      Und das mit dem Kuhdorf kenne ich nur zu gut – in dem Vorort vom Vorort des Vorortes einer größeren Stadt aufgewachsen, bün ik ‘n echten Jung vun’t Dörp! Bei uns war’s der lokale Fußballverein… Düwel ook, als Kind der 70er und 80er kann ich sagen: Dallas, Denver-Clan, Falcon Crest und Knots Landing zusammengeworfen waren nicht so schlimm wie das, was in diesem Clübchen abging!

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      1. Nun musste ich laut lachen, ob deines Vergleiches. So wahr! Das glaubt dir keiner, der es nicht selbst erlebt hat, was da abgeht.
        Stimmt auch wieder. Manche kompensieren dort auch nur, weil Mutti Zuhause das Zepter in den Pranken hält. Nichtsdestotrotz sind das alles Menschen, mit denen ich privat nicht umgehen würde wollen.

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  2. Das erinnert mich an die „Hardcorefans“ des Musicals Titanic, welches vor einigen Jahren, leider mit mäßigem Erfolg, in Hamburg lief. Wir hatten den Eindruck, dass nur das Muscial und seine Darsteller für sie zählte, als wäre das ihr Lebensinhalt gewesen. Und Jane Blond, wie du sagst: Mit denen hätte ich auch nicht privat umgehen wollen.
    Eigentlich hätten die sich die Karten gar nicht leisten können. Da man aber die letzten Monate über die Bühne bekommen wollte, wurden die Karten für 15 Euro verschleudert. Und da haben die natürlich zugegriffen.
    Ich muss gestehen: Wir auch! Titanic ist nach wie vor „mein“ Musical. Aber wir waren eben irgendwie anders. Ich behaupte mal, dass man uns nicht vom normalen Publikum unterscheiden konnte.

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  3. Morgähn, Püttscherbub aus dem Norden! 😀 😀
    Musste gestern abend beim Posten der ‚Annie Lennox‘ an Deinen Artikel denken…Fan? Ja/nein? Nun…

    Wenn ich so zurückdenke in meinem (noch so kurzen) Leben 😉 dann war ich früher schon das, was man einen *wirklichen* Fan nennt: Alles gekauft, das ganze Leben verfolgt, jedem erzählt, dass ich ihn/sie total mag etc etc…
    In Fanclubs war ich aber nie… das lag vielleicht daran, dass ich schon als Teenager Abneigung gegen ‚Vereinsmeierei‘ hatte. (Kommt wahrscheinlich, weil ich zweimal die Woche als Kind mit meinen Oldies zum Kegelverein mitgeschleppt wurde. *gg*)

    Ich denke, dass ‚fanatisches Fan-Gehabe‘ auch sehr eine Frage des Alters ist: Junge Gören kreischen schon mal schnell, wenn irgendein männliches Teenie-Popstarlet den Gummizug seiner Boxershort offenbart. 🙂 Man fokkusiert sich ja als ganz junger Mensch auch sehr schnell auf ‚Abziehbilder‘, findet alles andere toll und erstrebenswert. Da konzentriert man sich ja nicht so stark aufs eigene Leben, glaube ich…

    Bei mir jedenfalls hat dieses Fokkusieren auf einen Künstler sehr stark mit dem Älterwerden abgenommen… ich behaupte jetzt mal, dass es vor allem *einen* Grund hat: Man beschäftigt sich – je älter man wird – *mit sich* mehr als wenn man jung ist. Was jetzt verfänglich klingen könnte (*lol*) meine ich natürllich ganz harmlos: Es füllt sich der Tag einfach intensiver mit dem was man selber tut oder mit seinem Partner oder seinem engeren und auch weiteren Freundeskreis. Da verschiebt sich der Fokus einfach. Vielleicht auch, weil man mit zunehmendem Alter einfach erkennt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt?? 😉

    Ich beobachte mich jedenfalls sehr genau…was ich so feststellen kann: Kommt einer meiner Lieblingskünstler wieder mal auf ein Konzert in die Stadt, wird natürlich schon sofort überlegt, Karten zu kaufen. Aber ich denke in dieser Sekunde nicht nur an den Künstler und seine letzten Werke, sondern freue mich auf eine gemeinsame Zeit mit meinem Mann und auf einen schönen Abend. *Genau das* meine ich mit ‚Verschiebung‘.

    So, genug gelabert für diese Uhrzeit. *LOL*

    Hab einen schönen Tag, bannig Lieber, Du! :-))

    Wolfi (ausm nebelichen, allerheilig-morbiden Wean. *g*)

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    1. Was das eigene Fan-Sein anbetrifft, geht’s mir ähnlich wie dir, Wolfi. Am selben Tag, an dem der Verlag Hodder & Stoughton bekannt gibt, dass ein neuer DCI Banks-Roman von Peter Robinson erscheinen wird, renne ich natürlich sofort zum Bücherhöker meines Vertrauens und gebe die Vorbestellung auf, obwohl ich genau weiß, dass es noch acht Monate dauern wird, bis ich das Buch wirklich abholen kanne. Und wenn ich von einem neuen Album von Michael Falch höre, checke ich sofort, ob mein Budget den Ankauf noch zulässt…

      Doch das mit den Altersstrukturen habe ich im Fanclub anders erlebt. Wie Jane Blond in ihrem Kommentar schon so treffen schrieb: „Das glaubt dir keiner, der es nicht selbst erlebt hat, was da abgeht.“ Der Fan-Fanatismus zog sich in dem Ex-Fanclub, von dem ich sprach, durch alle Altersklassen – die 61jährigen Fans haben den 16jährigen in nichts nachgestanden, sie waren manchmal sogar die fanatischsten, was vielleicht auch daran liegen mag, dass sie die von uns geschätze Sängerin durch ihre ganze Karriere begleitet haben. Es erschien mir oft, dass diese Fans in ihrem Leben nichts andereres hatten, mit dem sie sich beschäftigen konnten, als diesen Fanclub. Dadurch hatten sie einen Tunnelblick, eine ungesunde Betriebsblindheit entwickelt, die sie für nichts anderes mehr offen zu sein erscheinen ließ, nicht mal für andere Künstler, durch die sich ihr musikalisches Spektrum erweitert hätte. Es gab nur diese eine Künstlerin, die ihr Leben ausfüllte und sonst nix. Dadurch hatte nichts anderes in ihrem Leben Platz. Meine Beobachtung ist daher: Das ist völlig unabhängig vom Alter. Es hängt damit zusammen, wie bunt man sein Leben gestaltet – oder ob man es auf nur einen Fixpunkt ausrichtet.

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      1. „Es erschien mir oft, dass diese Fans in ihrem Leben nichts andereres hatten, mit dem sie sich beschäftigen konnten,….“

        Das war ja genau der Eindruck, den wir bei den Hardcorefans vom Titanic-Musical auch hatten.

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          1. Nein, die Fans waren nur etwa um die 20 Jahre alt, eher darunter. Ältere sind uns nicht aufgefallen.
            Es war ja auch leicht, an Karten zu kommen. Die Karten wurden regelrecht „verkloppt“ um das Haus einigermaßen voll zu bekommen in den letzten Monaten. Und nun oute ich mich auch als Fan: Wir haben das Musical von einer Preview, über die Premierenfeier (Bernd arbeitete seinerzeit im Theater Neue Flora) bis zur Derniere begleitet und insgesamt wohl ca. 15 Mal in 10 Monaten gesehen. Bei Normalpreisen hätten wir uns das auch nciht leisten können.

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      2. Stimmt eigentlich… jetzt, wo Du’s püttscherst, fallen mir auf die Schnelle gleich drei Leute ein, die einem Howard Carpendale seit Jahrzehnten auf fast jedes Konzert nachreisen. 🙂 Oder dem Hansi Hinterseer (kennst Du diese ‚Unstimme‘ überhaupt? *gg*) Und Tunnelblick nimmt ja eigentlich im Alter zu, da hast Du wirklich recht. 😉

        Was ich nicht geschrieben hab (aber es war in meinem Kopf schon fertig *g*) ist: Genau diese „bunte Gestaltung“ des eigenen Lebens ist es, die für mich stark mitveranwortlich ist, ob man sich fast schon bedingungslos einem Star als Fan an die Fersen heftet. Ich kann mir wahrlich nicht vorstellen, dass jemand, der sein Leben voll und bunt gestaltet, für *so etwas* überhaupt Energie und Zeit hat…

        Es ist – für mich jedenfalls – im besten Fall ein nettes Farbpünktchen, das mich glücklich machen kann. 🙂

        Bannig feines Wochenende! (und gruuuseligen Abend, wenn Du/ihr dran glaub(s)t! 😉 )

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