Throwback Thursday: Bücher des Jahres 2014

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Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und schon jetzt, so kurz vor dem 1. Advent, ist in vielen Bereichen der angenehmen Seiten des Lebens nicht mehr damit zu rechnen, dass sich noch etwas weltbewegendes Neues tut. Also kann man eigentlich schon mit den Jahresrückblicken beginnen. An den kommenden Throwback Thursdays bis Weihnachten gibt’s daher hier im Wortgepüttscher jeweils Jahreshighlights 2014 zu bestimmten Themenschwerpunkten.

Den Anfang machen – wie könnte es anders sein – Bücher. Dabei berücksichtige ich übrigens nicht, ob ein Buch in diesem Jahr brandneu erschienen ist. Es kann auch ein ganz olle Kamelle sein, die mir lediglich erst in diesem Jahr zum ersten Mal in diesem Jahr über den Weg lief.

Genug Vorgeplänkel, los geht’s:

???????????????????????????????Laid Bare von Tom Judson (2011)

Worum geht es? Tom Judson dürfte schwulen Lesern hauptsächlich unter dem Pseudonym Gus Mattox als Darsteller in Erotikfilmen bekannt sein, doch in diesem Genre war er nur zwei Jahre tätig. Hauptsächlich ist der 1960 geborene New Yorker Musikentertainer, Broadwayschauspieler, Gay Rights Aktivist und vor allem freier Autor. Sein Band Laid Bare ist eine Zusammenstellung diverser Artikel für die Huffington Post und aus Magazinen wie Equity News sowie sehr persönlichen Essays mit Lebensbeobachtungen und Episoden aus seinem Blog.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Als ein Freund mir das 2011 erschienene Laid Bare empfahl, war ich quasi Geisel meiner eigenen Vorurteile: Da will einfach einer seine Vergangenheit in „dänischen Western“ abstreifen, weil sie ihm jetzt peinlich ist.

Davon habe ich mich schnell verabschiedet, nachdem ich die ersten zwei oder drei Essays gelesen hatte. Zum einen will er die Vergangenheit gar nicht abstreifen, er spricht freimütig darüber. Ist ja auch nichts Anrüchiges an so einem Job. Zudem sind es nur zwei von über fünfzig Jahren, die er Gus Mattox war, und zwei Jahren machen beileibe kein ganzes Leben aus.

Besonders gefallen hat mir, dass die einzelnen Essays neben sehr bunten Themen eine große Bandbreite an Tönen anschlagen, vor allem Zwischentöne. Der Essay Norman Rae (in Anspielung auf das Filmdrama Norma Rae) kommt nur oberflächlich betrachtet als amüsante Satire auf die Frage daher, warum es eigentlich keine Gewerkschaft für Pornodarsteller gibt, behandelt die Frage und die bisweilen arg fragwürdigen Arbeitsbedingungen aber von ganz ernster Seite. Rigatoni With Sausage and Fennel ist die herrlich alberne Story einer daneben gegangenen Dinner Party. Sehr gefühlvoll und zu Tränen rührend sind dagegen seine Erinnerungen an gemeinsame Zeiten mit seinem Lebenspartner und den Neubeginn als Witwer nach dessen Tod.

Man begegnet in Laid Bare einem klugen, gebildeten, gewitzten und gefühlvollen Mann, der mit Eloquenz und Charme sehr persönliche Einblicke in ein buntes Leben mit Höhen und Tiefen gewährt und nicht nur viel zu erzählen, sondern vor allem auch wirklich viel zu sagen hat.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Was das Herz beliebt.

???????????????????????????????Abattoir Blues von Peter Robinson (2014)

Worum geht es? Es beginnt mit dem Diebstahl eines Traktors und der Vermutung, dass sich zwei einander nicht wohl gesonnene Farmer bei Eastvale in den Yorkshire Dales einen Kleinkrieg liefern. Einer der beiden Verdächtigen ist dann auch tatsächlich auf der Flucht. Doch nicht vor der Polizei, sondern vor jenen, die seinen Komplizen auf dem Gewissen haben. Es scheint mehr dahinterzustecken, organisierte Großverbrecher, und die lassen sich auch von der Polizei nicht ins Geschäft pfuschen, so dass einige im Team um Detective Chief Inspector Alan Banks vom Jäger zum Gejagten werden.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Zunächst zur Serie allgemein: Peter Robinsons DCI Alan Banks ist mein Lieblings-Romanschnüffler. In mittlerweile 22 Romanen und 2 Kurzgeschichtenbänden hat er eine interessante und glaubwürdige Wandlung vom einfachen, glücklich verheirateten Zivilpolizisten in den Dreißigern (der sich aus Verantwortung für seine Familie vom brutalen London ins vermeintlich beschauliche Yorkshire versetzen ließ), zum halbwegs zufriedenen Polizisten höheren Rangs mit freiem und mal mehr, mal weniger zufriedenstellendem Leben als geschiedener Single durchgemacht. Dazwischen lagen Scheidung, Beförderung, knappes Entrinnen vor dem Tod im Dienst, kleine Affären, die erwachsen werdenden Kinder loslassen, Midlife Crisis, das ganze Programm

Genau das gefällt mir: Die Nebenhandlungen wirken so angenehm normal, vor allem der beschriebene Polizeialltag und wie er sich auf Banks und seine ständige Dienstpartnerin Annie Cabbot auswirkt. Die beiden verändern sich, sind je nach Lebenssituation im aktuellen Roman mal besser, mal schlechter „drauf“, treten nicht auf der Stelle. Zudem werden anders als bei anderen Serien die wiederkehrenden Nebencharaktere nicht über zwanzig Jahre irgendwie mit durchgezogen, sondern sie tauchen auf, spielen zwei bis vier Romane mit und werden dann glaubwürdig aus der Serie rausgeschrieben – einer wird befördert, einer wird versetzt, ein anderer quittiert nach einem Trauma den Dienst, ein anderer überlebt einen Überfall nicht und so weiter. Dazu kommt der sehr authentisch beschriebene Polizeialltag – keine an Zauberei grenzende Übertechnik wie beim CSI-Kram im Fernsehen, sondern gut im echten Leben recherchiert, wofür Peter Robinson auch mehrere Ehrungen erhalten hat.

Nun gezielt zu Abattoir Blues: Man muss als Leser durchaus was „ab können“ – der Mord mit dem Bolzenschussgerät aus der Tierschlachtung, die schlachterhandwerklich professionelle, hm, sagen wir „Aufbereitung“ des Opfers, dessen spätere spektakuläre Entdeckung, dazu der Blick hinter die Kulissen der dunklen Seite der Fleischindustrie… das alles ist schon heftig. Aber es unterstreicht auch die Skrupellosigkeit der Bösewichte, denen es auf die Spur zu kommen gilt. Dabei verbindet Peter Robinson die Grundansätze des klassischen Whodunnit mit modernen Krimihandlungen über mafiös organisierte Kapitalverbrechern, die ihre Finger u. a. in unsauberen Immobiliengeschäften, Fleischverwertung und Diebstahl von landwirtschaftlichem Großgerät stecken haben. Das Setting der finalen Verfolgungsjagd – mehr soll hier nicht verraten werden – war für meinen persönlichen Geschmack etwas zu überkonstruiert, las sich aber genau so spannend wie der gesamte Roman, und ich hoffe, dass es noch lange dauern wird, bis Peter Robinson die im vorherigen Band Children of the Revolution schon angedeutete Pensionierung von DCI Banks in die literarische Tat umsetzt.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Nach diesem harten Tobak alles – nur kein Fleisch.

???????????????????????????????The Magistrates of Hell von Barbara Hambly (2012)

Worum geht es? Professor Asher und seine Frau Lydia finden sich nach langer Schiffsreise in Peking wieder. In einem wissenschaftlichen Artikel hat Asher von Geschehnissen gelesen, die auf The Others, Die Anderen, schließen lassen: Halb verweste Leichname, unfähig zum Sprechen, dafür aber so lautlose, geschickte und unsichtbare Jäger, dass selbst die normalen Vampire ihre Anwesenheit erst dann spüren können, wenn es zu spät ist. Ihre Existenz war Asher bereits bei seinem letzten Abenteuer in St. Petersburg und Prag zu Ohren gekommen. Nun scheinen sie in Peking eine reale Gefahr darzustellen – was nicht nur Ashers alten Doktorvater Prof. Karlebach aus Wien auf den Plan gerufen hat. Auch der Vampir Don Ysidro ist von London nach Peking gereist, was den Ernst der Lage nur betont: Vampire reisen für gewöhnlich nicht. Asher sieht sich vielen Hindernissen ausgesetzt: Ein Mord unter den englischen Diplomaten in Peking erschwert seine Tätigkeit in der eigentlichen Angelegenheit, und der rücksichtslose Vampirjäger Karlebach ist in seinem fanatischen Hass so blind, dass er nicht erkennt, wie wichtig bei einer so unberechenbaren Gefahr wie The Others ein besonnenes Vorgehen ist. Ohne zu zögern würde er sogar den Einzigen aus dem Weg räumen, der ihnen helfen könnte – Don Ysidro.

Welchen Eindruck hinterlässt das Buch? Wie in allen Asher/Ysidro Romanen hat Barbara Hambly ihre Vampire als eine geschickte Mischung aus Bram Stokers klassischem Dracula und moderneren Vampiren wie Anne Rices Lestat gestaltet. In The Magistrates of Hell bringt sie eine weitere Note ein: Obwohl das Wort an sich niemals auftaucht, hat sie mit The Others Vampire geschaffen, die einige Züge des Zombies tragen, die hier gut und schlüssig als Vampirmutationen eingewoben sind, um den Antagonisten der Story als Werkzeuge zu dienen.

Der Schauplatz ist mit Peking gut, aber überraschend gewählt. Hatte der erste Roman noch in London und dem verhältnismäßig nah gelegenen Paris gespielt, führt die Reise nach Wien und Istanbul (Band 2) und St. Petersburg, Köln und Prag (Band 3) nun bis nach China. Was merkwürdig anmutet, hatte Don Ysidro bisher doch immer wieder die Abneigung von Vampiren gegen weitere Reisen betont, weil die Gefahren von Entdeckung und Vernichtung zu groß sind. Die Bedrohung durch The Others begründet die Reise ebenso schlüssig wie die bemerkenswert geringe Anzahl von Szenen mit Don Ysidro. Er muss so sehr auf der Hut vor The Others sein, dass Asher, Lydia und Karlebach meist auf sich allein gestellt sind. Viel Raum für Asher und Lydia, über ihr seltsames Verhältnis zu Vampiren zu reflektieren: Einerseits fühlen sie sich verpflichtet, die Welt von dieser tödlichen Gefahr zu befreien, andererseits kommen sie immer wieder mit Ysidro zusammen, um Menschen wie Vampire gleichermaßen zu beschützen. Ysidro ist sogar so etwas wie ihr Freund geworden, was selbst Karlebach mit seiner eigenen Agenda nicht zerstören kann. Daraus ergibt sich die Frage, ob und wie man sich einer Gefahr, die man ohnehin nie komplett besiegen kann, andienen kann, darf und muss, um sie zumindest im Zaum zu halten.

Wie immer bestimmt der Schauplatz auch die Atmosphäre des Romans, denn wieder einmal malt Barbara Hambly förmlich mit Worten. Sie lässt das China des Jahres 1912 mit der örtlichen Mythologie, den britischen Kolonialisten und den Einheimischen durch präzise Orts- und Stimmungsbeschreibungen lebendig werden.

Alles in allem ist das Buch ein weiteres Highlight der Serie.

Lesen ist Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Nummer 15, 17 und 23 mit extra scharf.

Das waren also meine Buchhighlights 2014. Beim nächsten Throwback Thursday geht’s um was anderes…