Throwback Thursday: Songs des Jahres 2014

NotenNachdem ich am vergangenen „Rückwurf-Donnerstag“ meine Bücher des Jahres 2014 vorgestellt habe, sind heute meine Songs des Jahres 2014 dran. Wie auch bei den Büchern gilt: Sie müssen nicht in diesem Jahr veröffentlicht worden, sondern mir nur zum ersten Mal über den Weg gelaufen sein. Und das sind die erfolgreichen Kandidaten:

Cilla Black – Something’s Gotten Hold of My Heart (1968): Bisher kannte ich von diesem Song nur die 1967er Version von Gene Pitney, die ich absolut nicht mag. Seine Stimme ist mir zu schrill, kreischend und aufdringlich, erinnert mich an eine Kreissäge, die versucht, sich durch Granit zu fressen.

Die Version von Cilla Black hingegen mag ich, was mich selbst überrascht, denn auch Cillas Stimme ist nicht ganz problemfrei. Wer ihren ersten #1-Hit Anyone Who Had a Heart schon mal gehört hat, wird vielleicht wissen, was ich meine: In den Strophen hat sie eine sehr sanfte, dem Text angemesen verletzt klingende Stimme. Im Refrain hingegen singt sie so kräftig und kehlig, dass es schon Tendenzen zum „Knödeln“ hat, ein sanfter Wechsel zwischen Kopf- und Halsstimme scheint ihr nicht zu gelingen und ist viel zu deutlich (professionelle Musiker können das garantiert besser erklären als ich). Es wirkt bisweilen, als würden da zwei verschiedene Frauen ein Duett abliefern.

Diese „zwei Stimmen“ sind quasi ihr Markenzeichen geworden, passt aber nicht bei jedem Song. Bei Something’s Gotten Hold of My Heart schafft sie den Wechsel zwischen sanft und kräftig allerdings ganz wunderbar, und sie liefert eine wunderschöne anrührende Version dieses poetischen Textes über jemanden ab, der gerade verwundert und verzaubert die große Liebe entdeckt.

Revolverheld – Lass uns gehen (2013/2014): Jemand hat mir mal gesagt, dass ich es doch gar nicht nötig hätte, so etwas wie Revolverheld zu hören – das wäre doch nur was für dicke, pickelige Teenager-Mädchen mit Brille, die nicht mal beim Restef***** wen abbekommen. Offen gesagt, habe ich mich bei meinem Musikgeschmack noch nie von dem beeinflussen lassen, was andere davon halten. Ich lasse mir gerne Musik empfehlen, aber die Entscheidung, ob ich es dann wirklich mag oder nicht, lasse ich mir nicht wegnehmen. Schon gar nicht auf diese Art.

Und ich mag Revolverheld. Zum einen wegen der unheimlich maskulinen Stimme von Johannes Strate, die neben der von George Ezra einen spannenden Kontrast setzt zu den vielen hellen Männerstimmen, die gerade aktuell sind, etwa von Ed Sheeran mit Sing und I See Fire oder Sam Smith mit Stay With Me (die beiden Sänger mag ich übrigens auch)

Zudem mag ich, dass Revolverheld textlich schnörkellos, ehrlich und geradeheraus sind, sie nicht krampfhaft poetisch sein wollen.

Hinzukommt, dass sie so unverblümt und unerschütterlich optimistisch sind, dass sich die positive Grundstimmung auf den Hörer überträgt. In Spinner etwa oder auch Das kann uns keiner nehmen. Das hebt sie ebenfals ab vom Rest der Musikszene, zumindest in Deutschland. Ganz besonders etwa von Ich + Ich bzw. Adel Tawil, seit er solo unterwegs ist. Bei fast jedem als Single veröffentlichten Song fällt mir auf, dass da immer Leid, unerfülltes Streben oder sonstige Unzufriedenheit drin steckt. „Ich bin immer auf der Suche nach 100 %“ (Warum eigentlich diese selbstmitleidige Unersättlichkeit und Raffgier? Bei so vielen Dingen im Leben sind 10 % schon ein riesiger Erfolg), „Ich werde es erst wissen, wenn ich angekommen bin“ (schon mal was von Teilerfolgen gehört?) und so weiter. Selbst in einem Liebeslied ist von Zombies und „nachts im Dunkeln quälen“ die Rede. Ich frag mich da immer, wie der Mann das Leben ohne Sertralin durchält…

Wie dem auch sei, Revolverheld ist wohltuend anders. Die verbreiten Optimismus und klingen bei so vielen Liedern, als wäre die Zeit des Haderns nicht nur kurz gewesen, sondern vorbei, und jetzt, in dieser Sekunde, legen sie los.

Genau diese Stimmung verbreitet für mich auch die aktuelle Single Lass uns gehn: „Uns gefällt’s hier nicht mehr? Was willst du? Was will ich? Wir sind uns einig. Dann runter vom Hof und weg!“ Es kann auch kein Zufall gewesen sein, dass das Lied lief, als ich die Buchungen für meinen letzten Trip in den heimatlichen Norden durchgezogen habe…

The Common Linnets – Calm After the Storm (2014): Einfach ein handwerklich perfekter, aber gleichzeitig emotional und glaubwürdig rübergebrachter Song über die merkwürdige Stimmung nach einem Riesenkrach in der Beziehung. Mehr brauche ich zum wahren Gewinner des Eurovision Song Contest eigentlich nicht sagen.

George Ezra – Budapest (2013): Hier kann ich es mir leicht machen, denn über dieses Lied habe ich bereits etwas geschrieben, nämlich -> an dieser Stelle.

Michael Falch – Hvad har du på hjerte (2014): Schon sehr lange bin ich Fan skandinavischer Popmusik in den jeweiligen Landessprachen, und wie schon ganz zu Anfang der Wortpüttscherei einmal erwähnt, gehört Michael Falch zu meinen Lieblingskünstlern. Um ihn für deutsche Hörer verortbar zu machen, kann als Vergleich eigentlich nur der Name Michy Reincke (Taxi nach Paris, Lass mich heut‘ Nacht in der Gitarre schlafen, Unsichtbare Riesen, Bring mich nach Haus) fallen: Komplexe und doch eingängige Melodien mit unheimlich poetischen Texten.

Genau so ein Lied ist das sich um Freundschaft drehende Hvad har du på hjerte (Etwa: Was hast du auf dem Herzen?) von Michael Falchs aktuellem Album Handen på hjertet – De største Sange. Für Liebhaber von handgemachter Musik (also hauptsächlich mit Akustik-Instrumenten und wenig Elektronik) – auch für jene, die sich, so wie ich, die Übersetzung dänischer Texte erst zusammengooglen müssen – dürfte Michael Falch eine echte Entdeckung sein. Er gehört nämlich zu jenen, die es schaffen, ein Lied und dessen Inhalt über eine so grundehrliche Perfomance rüberzubringen, dass man eine Textübersetzung eigentlich gar nicht braucht. Das schafft bei weitem nicht jeder.

Das waren meine Songs des Jahres. Nächste Woche… gibt’s wieder was anderes.