Fragen Sie Frau Hannelore!

Gibt’s eigentlich noch diese Rubrik in Illustrierten, wo etwa eine Frau L. aus M. an der R. oder Herr W. aus H. ein Problem schildert, das dann (vermeintlich) von der weisen Frau auf dem Foto neben der etwa „Fragen Sie Frau Hannelore!“ oder „Ihr Kummer, meine Hilfe“ lautenden Überschrift gelöst wird?

Mit knapp zweiundvierzig stecke ich mitten in der Phase, in der die gleichaltrigen Elternpaare im Freundeskreis ihren Nachwuchs nach und nach auf dem Übergang von der Pubertät zum komplett eigenen Lebensweg begleiten. Bei den meisten Fragestellungen können sie helfen, sie waren ja selber mal jung. Doch manchmal taucht ein Problem auf, bei dem sie vollkommen hilflos sind, und im Handumdrehen bekleidet man selbst die Rolle von Frau Hannelore: „Sag mal, du bist da doch Experte. Unser Max Jérome Hieronymus (Name von der Redaktion geändert) hat uns vor drei Tagen gestanden, dass er auch so wie du ist…“ – „Ach, er will auch für ’nen Halbmarathon trainieren?“ – „Nein, das andere. Du weißt schon.“

Himmelhergottnochmal, natürlich weiß ich es! Aber ich werde den Teufel tun, euch das Aussprechen des Wortes abzunehmen. Es wird nämlich von nun an Teil eures Lebens sein. Ich glaub euch ja, dass es im ersten Moment schwer ist, aber was meint ihr eigentlich, wie schwer das für euren Filius gerade ist? Es hilft sowieso in keiner Situation, vor dem Unabänderlichen zu türmen. Also los, sagt es: Euer Sohn ist homosexuell. Oder wenn ihr es volkstümlicher mögt: Er ist schwul… Langsam zum Sacken lassen: Scha-woooouuuuuuhl!

Ha’m wa das geklärt? Prima. Weiter im Text. Was liegt euch auf dem Herzen? „Kannst du mir eventuell einen Rat geben? Wie können ich und meine Frau ihm helfen, sein Coming out zu gestalten?“

Wow! Da stelle ich dann doch mal meine Lauscherchen hocherfreut auf: Nicht die Eltern wollen wissen, wie sie selber damit umgehen sollen – sie wollen wissen, wie sie ihrem Sohn helfen können!

Im Jahr 1 n. Hi. (nach Hitzlsperger) scheint die Berührungsangst der Normalbevölkerung vor Homosexualität also abgenommen zu haben. In der Öffentlichkeit wirkt das vielleicht nicht so, es gab noch zwei oder drei weitere Sportler-Coming Outs und ein paar Radiomoderatoren haben’s auch getan. Doch da sind die Hühner schon nicht mehr so aufgescheucht durch die Gegend geflattert wie zuvor bei dem ehemaligen Fußballprofi.

Der erhoffte Befreiungsschlag mit Thomas Hitzlsperger als deus ex machina der Sportwelt scheint trotzdem also eher ausgeblieben zu sein. Was natürlich schade und eine soziale Bankrotterklärung für die angeblich so toleranten Sportfunktionäre und Sponsoren ist, denn für die Lesben und Schwulen in der Sportwelt, die sich noch nicht zum Coming out durchringen konnten, bedeutet das weiterhin ein quälendes Versteckspiel und oftmals den Verzicht auf unbeschwertes privates Glück, wenn sie nicht ihren Platz in den Clubs und Nationalkadern verlieren wollen.

Das sollte uns aber nicht davon abhalten, in unserer eigenen kleinen Welt weiterzumachen. Vor ziemlich genau einem Jahr später schrieb ich in zwei Artikeln (Nummer 1 ist –> hier nachzulesen, Nummer 2 findet sich -> hier) über den Mut von Thomas Hitzlsperger und dessen Vorbildfunktion, warnte aber auch davor, ausschließlich auf prominente Vorbilder zu setzen:

Eins sollte nämlich nicht vergessen werden: Ein prominentes Coming out bleibt für viele eine vage Sache. Man weiß um die Tatsache an sich, aber es hat keinen direkten Bezug zum eigenen Leben. Was hilft ein akzeptierter schwuler Promi in der Ferne, wo er für jene vollkommen abstrakt ist, die uns im direkten Umfeld aber Schwierigkeiten bereiten, weil sie das Thema da nicht so schön davonschieben können?

[…]

Deswegen sei die Frage gestattet, ob es nicht mehr bringt, sich selber den Mut zum Sprechen zu erarbeiten bzw. eine eventuelle Komfortzone zu verlassen, um in seinem eigenen Mikrokosmos aufzuklären statt nach Promiidolen zu lechzen? Frei nach John F. Kennedy: “Frag dich nicht, was ein Promi tun kann – frag dich, was DU tun kannst.”

Zu dieser Position stehe ich immer noch – ein prominentes Coming out darf das Wirken im Kleinen des eigenen Mikrokosmos niemals ersetzen. Thomas Hitzlsperger wird wohl kaum seine Telefonnummer rausrücken, um dem Vater von Max-Hieronymus den erbetenen Rat geben zu können.

Genau diese Hilfe kann der Vater aber sehr gut gebrauchen. Denn von der nun einsetzenden Tratsch-Maschinerie wird auch er betroffen sein: „Guck mal, da geht der Vater von dem Hinterlader“, kann es von den Nachbarn kommen. „Ist dein Sohn echt ’ne Schwuppe?“, wird der ein oder andere Kollege auf Lager haben. Und Oma könnte bang fragen: „Stimmt das, was der Max Jérome Hieronymus mir von sich erzählt hat?“

Ganz ehrlich, die Generation meiner Eltern und Großeltern hätte sich in dieser Situation lieber die Zunge abgebissen, bevor sie jemanden um Hilfe gebeten hätte, und das ganze kommentarlos mit verbiesterter Miene ertragen. Und auch in meiner eigenen Generation gibt’s immer noch viel zu viele, welche die Vogel-Strauß-Taktik fahren. Wenn der Schritt von Herrn Hitzlsperger also zur Folge hat, dass der Vater von Max-Hieronymus seine Berührungsängste beiseite legt und den „Gay seines Vertrauens“ im Freundeskreis befragt, was er tun kann, um seinem Jungen auf dem vor ihm liegenden Weg zu begleiten, ihm helfen und den Großmäulern mächtig Kontra zu geben – dann ist das etwas, das nicht kleingeredet werden sollte. In dem Fall gebe ich dann auch gerne die „Frau Hannelore“.

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  1. Oh, ja… da sprichst Du mir aus der Seele. Früher hätten sich unsere Eltern (geschweige die Großeltern) gewunden wie ein Aal am Trockenen, bevor Sie das ‚böse Wort‘ gesagt hätten!
    Meine liebe Schwägerin, zum Beispiel, sagt noch heute: ‚Der Fritz H. von der Stiege 3… der HAT DAS AUCH!’… wir waren anfangs fassungslos, mittlerweile isses zum Running Gag geworden. Aber traurig, im Grunde genommen.

    Mir imponieren am meisten schwule Mitmenschen, die völlig unaufgeregt ihr Leben nach außen sichtbar leben und kein Drama machen, egal worüber – sei es ein Kuss oder auch, wenn sie der Dame an der Rezeption ganz selbstverständlich von ihrem Mann (ihrer Frau) sprechen. Das sind Momente, wo ich mir denk: Oh, ja… es ist doch wirklich *einfach nur so*. Es ist nix besonderes, schwul zu sein!‘ 🙂

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