Rechenspiele

Es gibt doch diese rein theoretischen Rechenspiele: Wenn du ein Jahr alt bist und deine Eltern gerade achtzehn sind, bist du achtzehn mal jünger als sie. Wenn du achtzehn bist und sie sechsunddreißig, dann bist du nur noch halb so alt wie sie. Rein rechnerisch lässt sich das fortführen, bis man nur noch nullkommanullnullnullnochwas Mal jünger als seine Altvorderen ist.

Tscha, eigentlich brauche ich gar keine obskuren mathematischen Formel um mir eingestehen zu müssen, dass der Abstand zwischen mir und meinen alten Herrschaften ganz entsetzlich geschrumpft ist. Ob Facebook-Kommentarthread, privater Chat, Telefonat, Kaffeeklönschnack live und in Farbe – spätestens nach dem Abarbeiten der aktuellsten Aktualitäten landet man beim Plausch mit gleichaltrigen Freunden bei… der guten alten Zeit. Heißt konkret: Die 1980er. Da werden ganze Handlungsstränge aus Falcon Crest wiedergekäut (und in einer reinen Gay-Gruppe wird obendrein leidenschaftlich diskutiert, wer der heißeste Kerl in der Serie war). Man erzählt sich Tränen lachend vom allerersten Besäufnis. Man diskutiert, ob Willi (der beste Kumpel der Biene Maja) wegen seiner nöligen Stimme wirklich die erste schwule Zeichentrickfigur war. War Kimba, der weiße Löwe wirklich besser als Die blaue Elise? Man überbietet sich darin, wer sich auf der Klassenfahrt das scheußlichste Essen in der Jugendherberge reinwürgen müsste. Und man ist sich einig: Die Mucke war gut, nur die Mode wollen wir ums Verrecken nicht wiederhaben!

Wobei – das geht alles eigentlich noch. Man ist unter Zeitgenossen, denen man nur einen Halbsatz hinwerfen muss, damit sie einen verstehen, denn sie haben dasselbe erlebt und können den Satz selbständig zu Ende führen. Man ist in seiner „Peer Group“.

Erst in ganz anderen Situationen steht man alleine da und merkt, wie alt man geworden ist. Wenn mein Neffe und meine Nichte sich darüber in den Haaren liegen, wer wann was mit der zu Weihnachten geschenkten Spielkonsole spielen darf – haue ich ihnen plötzlich um die Ohren, dass wir uns solchen Luxus a.) mit Rasenmähen bei Oma selbst verdienen mussten und b.) unsere Spielkonsole aus einem „Telespiel“ bestand: Schwarzer Bildschirm, auf dem man nur die Möglichkeit hatte, mit einem weißen Punkt (der noch nicht mal rund, sondern quadratisch war) „Tennis“ zu spielen. Und natürlich hatten wir keinen eigenen Fernseher – neeeeeeeheeeeein! Das wurde auf dem Familiengerät im Wohnzimmer gespielt, bis das monotone Blip-blop-blip-blop dem mittagsruhenden Vater auf die Eier Nerven ging und er alles ausschaltete.

Wenn meine Schwester und ich vor den beiden Schwänke darüber austauschen, wie unmöglich es bei einem im Wohnzimmer aufgestellten, kabelgebundenen (!) Telefon war, private Gespräche zu führen, werden wir angeschaut wie Aliens.

Auf dem folgenden Bild habe ich mal versucht zu visualisieren, wie die beiden Buttscher das Kommando „Leg den Hörer auf die Gabel“ vermutlich ausführen würden:

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Ehrlich… ich werde auch ohne Taschenrechner genau wissen, wenn ich exakt gleich alt wie meine Eltern bin. Nämlich an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal diesen einen furchtbaren, verhängnisvollen Satz sage, von dem ich mir eigentlich geschworen hatte, ihn nie, nie, nie, niemals meinen Lippen entfleuchen zu lassen.

„Wir hatten ja nix.“