Über den Tellerrand geschaut (6)

Fundstücke aus anderen Blogs – Heute: „Die Montagsfrage“ bei Buchfresserchen

Die literaturbezogene Montagsfrage rund um Bücher wandert in jedem Jahr zu einem anderen Blog. In diesem Jahr ist Buchfresserchen an der Reihe, und dort wurde heute folgende Frage gestellt:

Glaubst du, dass Bücher dein Denken/Handeln schon mal beeinflusst haben?

Hier meine Antwort:

Davon bin ich überzeugt. Das meiste davon ist unbewusst geschehen, so dass ich nicht einmal wusste, von einem Buch beeinflusst worden zu sein. Manchmal ist es mir längere Zeit später im Rückblick bewusst geworden, bei anderen Dingen werde ich es wohl bis heute nicht wissen.

Es gab aber auch Momente, in denen ein Buch Gedankengänge ausgelöst hat, die ganz bewusst geschahen. Über Jahre hinweg hatte ich den Wunsch, noch einmal nach Wormerveer bei Amsterdam zu fahren und die Nachbarschaft wiederzusehen, in der ich früher oft meinen Lieblingsonkel und meine Lieblingstante besucht hatte. Natürlich hatte ich dabei immer noch die Bilder von damals vor Augen – die wegen ihrer kuriosen Form Hondekop (Hundekopf) genannten Züge, die auf der Bahnstrecke Amsterdam – Den Helder hinter dem Haus vorbeifuhren, die Garage meines Onkels mit dem kuriosen Tor, die gepflegten Grachten mit den kleinen Ruderbooten, das Show Boat am Hafen – ein Hausboot, das auf Mississippi-Dampfer getrimmt worden war und ein Casino beherbergte – und natürlich die ganzen Nachbarn und Verwandten, die drumherum wohnten: Tante Truus, Tante Gré, Onkel Cas, Onkel Piet und wie sie alle hießen.

Dann fiel mir ein Buch in die Hände, in der die Hauptfigur eine Wohnmobilreise nach Italien unternimmt. Dabei besucht sie auch die Stadt, in der ihre Mutter gewohnt und die sie dort oft besucht hatte. Die Mutter war seit über zwanzig Jahren tot, darum hatte es auch die Hauptfigur über zwanzig Jahre nicht mehr dorthin gezogen. Nun kehrt sie also in diese Stadt zurück, die ihr einmal vertraut gewesen ist wie die eigene Westentasche und findet einen völlig fremden Ort. Nicht nur ihre Mutter war gestorben, sondern auch deren Freunde und Nachbarn. Die alten italienischen Häuser waren abgerissen und durch unpersönliche Betonbunker ersetzt worden, die einstmals verträumte Gasse war zu einer Schnellstraße geworden. Enttäuscht reist sie wieder ab.

Dieses Kapitel war sehr beeindruckend geschrieben und es brachte mich dazu, von meiner eigenen Reise nach Wormerveer Abstand zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass die Entscheidung richtig gewesen war. Irgendwann „fuhr“ ich mit Google Streetview virtuell durch Wormerveer, wobei mich genau die selben Veränderungen erwarteten. Die Garage war nicht mehr da, auf den Grachten schwamm schleimiger Entenflott, das Show Boat war kein Fake eines Mississippi-Dampfers mehr, sondern ein ganz normales Wohnschiff, in dem sich jetzt ein Puff befand. Der Computer zeigte mir nur starre Bilder ohne eine Spur von realem Leben. Wie groß wäre die Ernüchterung gewesen, wenn ich das alles live gesehen hätte. Zum Glück habe ich es mir erspart, weil ein Buch mich (in diesem Fall positiv) beeinflusst hat.

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5 Antworten auf “Über den Tellerrand geschaut (6)”

  1. Guten Morgen!

    Ich hab gestern zum ersten Mal mitgemacht und mich gerade über diese Frage sehr gefreut – weil gerade darum gehts mir beim Lesen! Natürlich auch um die Unterhaltung, aber wenn ein Buch nichtssagend ist und mir nichts gibt, ist es irgendwie langweilig für mich.
    Ich schaue sehr bewusst auf den Hintergrund in einer Geschichte und es ist spannend, wenn man verschiedene Sichtweisen auf ein Thema hat, die einen zum Nachdenken bringen!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Gefällt 1 Person

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