Die Sache mit der Nostalgie

„Du kannst mir über den Kopf wachsen, aber nicht über die Hand!“ Diese klassischen Worte kann wohl jede Mutter mit dem selben beeindruckenden Pathos deklamieren, mit dem Scarlett O’Hara dereinst gelobte: „Ich will nie wieder hungern!“ Und mit der Schnoddrigkeit eines Tom Sawyer wird Mutters Ansprache vom längst erwachsenen (???) Nachwuchs geflissentlich ignoriert.

20150316-1So haben auch meine Schwester und ich jahrelang die Aufforderung überhört, endlich unsere Habseligkeiten aus Kindertagen, die noch auf dem elterlichen Dachboden lagern, durchzuforsten, ob da noch etwas ist, auf das wir Wert legen, und es in unsere eigenen vier Wände mitzunehmen. „Sonst landet alles im großen Müllcontainer!“

„Ja, Muddi, is‘ gut…“ Und wir haben weitergemacht wie bisher. Dann aber erscholl in der letzten Woche die Warnung: „In den Osterferien kommt der Container!“ O-haue-ha, Düwel ook, die machen ja ernst!

Also waren Schwesterherz und ich am vergangenen Sonnabend bei unseren alten Herrschaften und haben den Dachboden geplündert. Natürlich dauerte alles viel länger als geplant, denn bei mindestens jedem zweiten Gegenstand wurde mit „Weißt du noch…“ in alten Anekdoten gewühlt. Und wenn man dann noch auf die Kiste mit mindestens zweihundert Fotos und alten Postkarten stößt…

Irgendwann waren die ganzen Kartons wesentlich leerer – und unsere mitgebrachten Taschen und Körbe wesentlich voller. Richtig beschäftigen konnte man sich mit alledem natürlich erst am nächsten Tag. Der Sonntag war eh grau und gries, da bot es sich doch an, ihn sich mit den Schätzen von früher die Sonne zumindest virtuell aufzuhellen. Also Tee-Tablett hergerichtet und ab aufs Kuschellager aus alten Decken und Kissen auf dem Fußboden.

Ich weiß nicht gar nicht genau, mit welchen Erwartungen ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe. Wahrscheinlich war mir von vornherein klar, dass ich nicht plötzlich durch einen Zeittunnel gesogen werden würde. Überraschend war nur, wo die Nostalgie noch funktionierte und wo nicht. Ich hatte vermutet, es würde bei jenen Sachen eher funktionieren, die näher an meinem jetzigen Alter dran liegen, wo die Erinnerung noch frischer ist. Doch die alten Comichefte mit Clever & Smart, die mich mit sechzehn, siebzehn, achtzehn so begeistert hatten, waren plötzlich frei von jedem Charme – und jedem Humor. Keiner der Gags zündete noch.

Dann griff ich zu Enid Blytons Fünf Freunden und etwas völlig anderes geschah. Schon komisch: Da hatte ich mir vor fünf oder sechs Jahren von meinen Lieblingsabenteuern schicke Neuausgaben mit unversehrten Einbänden gekauft, und genauso lange stehen sie ungelesen rum. Doch als ich am letzten Sonntag die dreißig Jahre alten Schinken mit ihren Eselsohren und den Beulen im Einband in der Hand habe, lese ich auf einen Schlag drei Bücher hintereinander weg – keine Schwierigkeit bei den paar Seiten pro Buch und der großen Schrift. Ich vergesse das Abendbrot, bekomme nicht mit, wenn mein Mann mit mir spricht.

Das Kuschellager auf dem Fußboden wird zum Luftmatratzenlager hinter dem Strandkorb meiner Eltern am Ostseestrand, was noch verstärkt wird, als ich in einem der Bücher tatsächlich noch ein altes Lesezeichen finde – in Form einer kleinen Pappkarte, deren Aufdruck mich zu einer Einkaufsfahrt Puttgarden – Rødby – Puttgarden auf der Bundesbahn-Fähre Theodor Heuss am 17. Juli 1985 berechtigt. Riecht’s hier nicht auf einmal auch nach Sand und Ostseewind…?

Schon komisch, die Sache mit der Nostalgie. Sie schlägt da zu, wo man es am wenigsten erwartet. Letzten Endes ist ja auch egal, wann und wo. Es ist schön das es sie gibt, sie macht gewisse Momente einfach heller, und das sollte man nicht hinterfragen, nur genießen.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Nachmittag gestern ist ohnehin folgende: Gedruckte Bücher aus Papier haben Seele, Vergangenheit, Historie. Sie erzählen nicht nur die Geschichte im Text, sondern auch die Geschichte derer, die die Bücher in Händen gehalten haben – mit jedem Eselsohr, jedem kleinen Rotweinfleck, jedem Sandkorn, das irgendwo rausrieselt, jeder………

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