Das verschwundene Spukhaus

Spukhaus – in jedem Ort gibt es wohl ein Gebäude, dem dieser Ruf anhängt. Auch bi uns op’n Dörp haben wir eins. Zumindest wurde das zu meiner Grundschulzeit kolportiert: Die Viertklässler haben uns als Erstklässler damit ins Bockshorn jagen wollen, und als wir die Viertklässler waren, haben wir es mit den neuen Erstklässlern genauso gehalten. Ganze Generationen von Jüngern der drei dicht beieinander liegenden Weisheitstempel hatten Bammel, an diesem Haus vorbeizugehen.

Die verwinkelte Villa mit ihren vielen verspielten Erkern, Dachgauben und dem von Säulen getragenen Vordach ist schon damals, vor gut fünfunddreißig Jahren, ein ziemlich runtergekommener Kasten gewesen: Vermooste Außenwände, fleckige Dachschindeln, ungepflegter Vorgarten. Vor einigen Fenstern waren die hölzernen Jalousien, von denen natürlich die Farbe abgeblättert war, ständig heruntergelassen, hinter den anderen war nie der Schimmer einer eingeschalteten Lampe oder das Flackern eines Fernsehers zu sehen.

Wenn es wirklich dort „umging“, dann schien es allein umzugehen, denn das Haus war unbewohnt. Oder doch nicht? Da war nämlich noch der Jensen Interceptor (dieser englische Kultsportwagen war der Anziehungspunkt für jene, die von den Spukstories unbeeindruckt waren) als einziges Zeichen von Leben. Mal stand er in der Einfahrt, mal nicht. Doch nie bekam jemand mit, wenn er fortfuhr oder wiederkam, was selbst bei den Erwachsenen zur Legendenbildung beitrug.

Nach meiner Schulzeit führten meine Wege nur noch selten in dieses Viertel, dann zog ich ganz fort. Es muss so um die zwanzig Jahre her sein, seit ich das Haus zum letzten Mal bewusst gesehen habe. Vielleicht bin ich mal zufällig daran vorbeigekommen, ich weiß es nicht. Doch immer wieder hörte ich, dass sich in all den Jahren nichts wesentliches am Haus getan hatte.

Bei den Vorbereitungen für eine neue Gruselgeschichte besann ich mich wieder auf die „Spukvilla“, baute die Story entsprechend auf und ließ die meisten der Details einfließen, die meine Erinnerungen noch hergaben.

Als ich am letzten Wochenende dann mal wieder zu Verwandtenbesuchen bi uns op’n Dörp war, nutzte ich die Gelegenheit und machte mich auf den Weg zur Villa. Natürlich würde ich mich nicht mehr so gruseln wie als Sechsjähriger, aber ich wollte trotzdem noch einmal sehen, wie das düstere, vernachlässigte Gebäude seine langen Schatten warf und der Zahn der Zeit ungehindert genagt hatte.

Ich hätte vorgewarnt sein müssen. Lange Zeit ist unser Dörp ziemlich verschlafen gewesen, doch in den letzten Jahren hat sich einiges getan. Der einstige Schotterweg durch die Felder, der zum eigentlichen Schulweg und damit zur „Spukvilla“ geführt hatte, ist zur betonierten Straße geworden, auf den ehemaligen Feldern stehen statt Pferden und Kühen nun Häuser. Das Vereinsheim des Fußballvereins, in dem mein Vater über zwanzig Jahre Jugendleiter war, ist abgerissen worden, der Sportplatz kommt bald weg.

Und dann stand ich vor dem Spukhaus. Dem ehemaligen. Strahlend weiß gestrichen, nagelneue Fenster drin, genauso neue Schindeln auf dem Dach, blühender Ginster im gepflegten Vorgarten, in der Einfahrt ein frischgewaschener und todlangweiliger asiatischer SUV, im Garten fröhlich tobende Kinder.

Dass sich das Dorf meiner Kindheit gewandelt hat, konnte ich verschmerzen. Das habe ich auch woanders schon erlebt. So ist das Leben halt.

Doch dass mir durch diese Entzauberung meine Gruselgeschichte auf einmal so langweilig und uninteressant vorkommt, dass ich sie nicht mehr veröffentlichen möchte, wurmt mich hingegen ziemlich.

Vielleicht hätte ich mich doch nur auf meine Erinnerungen verlassen sollen.