Haarig (hochdeutsch)

Moin! Natürlich habe ich den Wunsch aus der Warmen Küche und aus dem Schreibatelier von Good Word for Bad World nicht vergessen. Es gibt ja noch die hochdeutsche Fassung des plattdeutschen Postings vom vergangenen Mittwoch nachzureichen. Voilà, hier ist sie!

20150420-1Ich versteh‘ das nicht. Was ist das bloß für ein Geschiss, dass die Leute dieser Tage so um den Bart von einem Kerl machen? Ich meine, kann das nicht einfach so wie früher ein modisches Accessoire sein, das ein Mann so trägt, wie er das lustig findet? Kein Bart, Schnurrbart, Backenbart, Menjou-Bart, Vollbart… und seit Miami Vice mitunter sogar ’n Dreitagebart. Und irgendwann geht der Kreislauf wieder von vorne los. Reicht das nicht?

Tja, ich glaube nicht. Inzwischen beschäftigt sich sogar das Feuilleton der seriösen Zeitungen mit dem ollen Gestrüpp im Gesichter der Mannsleute. Da gibt das elend lange Theorien von den Pressemenschen und sogar von Psychologen, was so’n Bart zu bedeuten hat. So soll das zum Beispiel bei manchen Kerlen ein „Gegenentwurf zur weiblichen Emanzipation“ sein. Nun muss ich ehrlich zu geben, dass ich mich in der Welt der heterosexuellen Männer nicht so auskenne, aber macht das No Ma’am-T-Shirt von Al Bundy da nicht viel mehr Sinn? Ich meine, da ist die Botschaft doch eindeutig, aber bei ’nem Bart musst du überlegen, ob der Kerl nun wirklich gegen die Emanzipation ist oder ob er den Heuballen in seinem Gesicht bloß aus kosmetischen Erwägungen trägt, weil er einer von diesen Hipstern ist oder vielleicht eine Narbe verstecken will, für die er sich schämt.

Eine andere Theorie sagt, dass ein Kerl mit Bart die Nase so richtig voll hat von unserer übertechnisierten Welt mit ihren Smartphones und Computern – da soll der Bart ein Zeichen für „Zurück zur Natur“ sein.

Draußen im echten Leben ist das fast noch schlimmer. Da sagen die Kerle mit Bart, dass ein Mann ohne Bart gar kein echter Mann ist. Und die Kerle ohne Bart fragen sich manchmal, welche verdrexten Komplänge… nee, verdrängten Komplexe ein Kerl hat, dass er sie hinter seinem Bart verstecken muss. Andere Klugschnacker sagen, das der Bart ein Zeichen von Charakterfestigkeit und Mut ist. Bei manchen Gays ist diese Reduzierung von einem Menschen auf seinen Bart von Zeit zu Zeit so schlimm, dass ich mir manchmal insgeheim schon gewünscht habe, meinen Mitgliedsausweis zu diesem exklusiven Club abgeben zu können – als hätten wir keine anderen Probleme, so wie die gesetzliche Gleichstellung.

Kinder, die sind doch alle mall im Kopf! Nix sagt der Bart über das Wesen von einem Mann aus. Gar nix! Wenn so’n ausgewachsenes Mannsbild, eins neunzig groß, Figur wie ein Preisboxer und mit Händen so groß wie Baggerschaufeln und eben mit Bart beinahe hysterisch wird, wenn er ’ne Spinne in ihrem Netz sieht, dann kann das ja trotz Bart mit der Charakterfestigkeit oder zumindest mit seinem Mut nicht so weit her sein!

Und darum sage ich: Wenn du pünktlich zu ’ner Verabredung kommst oder dein Wort hältst, mir beim Umzug zu helfen – das sagt mir, das du ein guter Kerl mit ’nem feinen Charakter bist.

Wenn du einer alten Dame über die Straße hilfst obwohl du eigentlich gar keine Zeit hast – das sagt mir, das du ein guter Kerl mit ’nem feinen Charakter bist.

Wenn du Mist baust, das einsiehst und alles versuchst, das wieder gut zu machen – das sagt mir, das du ein guter Kerl mit ’nem feinen Charakter bist.

Und wenn du das alles nicht machst, bist du halt ein Dröhnbüddel und hast keinen feinen Charakter.

So einfach ist das, und ob du bei alledem so ein olles Strohdach unter der Nase hast oder glatt wie ein Babypopo bist… das ist mir pottegal!

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