Über den Hai gesprungen

„Jump the Shark“ – in der US-Fernsehbranche ist das die Bezeichnung für einen Kunstgriff, der mit extrem weit hergeholten Handlungssträngen den unmittelbar bevorstehenden oder bereits eingetretenen Niedergang einer Serie abwenden/umkehren soll. Ab hier werden die Storylines immer hanebüchener und verhindern bisweilen ein würdiges Ende der Serie. Der Begriff wurde in Bezug auf eine Episode der Sitcom Happy Days geprägt, in der die Hauptfigur Fonzie auf Wasserskiern über ein gutgefülltes Haifischbecken springt.

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Es gibt so einige TV-Serien, die über den Hai gesprungen sind. Als eines der gängigsten Beispiele, um den Begriff näher zu erklären, wird gelegentlich der zuerst tote und dann seelenruhig duschende Bobby Ewing aus Dallas genannt. 31 Folgen x 47 Minuten = 24,28333333 Stunden hat Pamela Ewing geträumt. Das nenne ich mal gesegneten Schlaf…

Wie dem auch sei – ursprünglich also ein reiner Fernsehbegriff, kann man den Sprung über den Hai letzten Endes auf alles in der Unterhaltung anwenden, das als Serie daherkommt, etwa Hörspiele. Und natürlich Bücher.

Als Leser ist man ja sooooo viel schlauer als der Autor – zumindest hält man sich dafür. Man weiß genau, wann die Serie, die man mal mit Genuss verschlungen hat, über den Hai gesprungen ist, und wenn der Autor danach noch weitere (und vor allem beständig schwächer) Romane dieser Serie geschrieben hat, unterstellt man ihm gerne, den Haisprung nicht mitbekommen zu haben.

Derzeit finde ich mich unversehens selber in der Rolle eines Autors wieder, der eine Serie schreibt. Zumindest wird es eine Trilogie. Ursprünglich sollte Wodka für die Königin der einzige Roman um die beiden norddeutschen Jungs Holger und Christoph sein. Doch nach einigen Anfragen, was aus ihnen geworden ist, sind sie zunächst in ein paar Kurzgeschichten aufgetaucht, bis schließlich der zweite Roman Frag doch das Vanilleeis erschienen ist. Und noch immer wird gefragt, wie es mit den beiden weitergeht. Also entsteht derzeit das dritte Buch als logische Folge der Ereignisse im Vanilleeis. Das wird dann aber wohl auch das letzte Buch werden, welche die beiden als Hauptfiguren hat. Vielleicht werden sie in anderen Geschichten mal den ein oder anderen Cameo-Auftritt haben, aber da möchte ich mich noch nicht festlegen.

Es ist schon komisch – irgendwie fühlt sich dieser dritte Roman mit Holger und Christoph mehr wie ein Lauf auf rohen Eiern an als der erste. Dabei sind die beiden mir durch die lange Zeit mit ihnen so vertraut, als würden sie quasi in einer WG mit mir wohnen.

Liegt vielleicht hier das Problem? Dass sie mir zu vertraut sind? Dass der Schritt, ganz neue Charaktere für einen Roman schlüssig und originell entwickeln wegfällt? Dass ich deswegen Gefahr laufe, viel zu viel Gewicht auf die Story zu legen, bis diese so ausufert, dass ich selber nicht merke, wie Holger und Christoph über den Hai springen?

Meistens kommen diese Gedanken am späten Nachmittag, wenn ich nach der „Schicht“ für diesen Tag den PC herunterfahre. Am nächsten Morgen, nach einem guten Schlaf und meinen üblichen 12 km auf der Laufpiste, lese ich das gestern Geschriebene noch einmal durch, um wieder in den Schreibfluss zu kommen, und bin doch wieder ganz zufrieden. Wenn nicht, wird’s eben geändert.

Insofern ist es ganz gut, dass solch gelegentlichen Zweifel sich während des Schreibprozesses ergeben. Denn im Grunde ist es das beste Mittel dagegen, dass Holger und Christoph sich am Ende wirklich zwei paar Wasserski unter die Füße schnallen, um über einen Hai zu springen…

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2 Antworten auf “Über den Hai gesprungen”

  1. Ich wurde auch schon nach einer Fortsetzung meines Ungetüms gefragt, ich gehe aber davon aus, dass die so nicht stattfinden wird. Weil meine Kerls immer noch die gleichen Probleme wälzen würden, gäbe es von neuen Erkenntnissen zum Thema keine Spur, also mache ich lieber was anderes: ein Spin-off. Ich sehe schon kommen, dass ich nachher auf dem Queer-Fantay-Äquivalent der Scheibenwelt sitze …

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