… ein seltsames Spiel

Die erste Liebe ist für jeden was ganz Besonderes – ich glaube, da müssen wir nicht drüber diskutieren. Selbst wenn sie aus teenagerüblicher Sprunghaftigkeit nur eine Woche hält – die ersten Schmetterlinge im Bauch, die kitschigen überall hingekritzelten Herzen oder Rosen, die komplett mit seinem/ihrem Namen beschriebenen Zettel… Das vergisst man nie, das begleitet einen bis zur letzten Sekunde.

Für uns Gays kommt oft noch ein weiteres Element dazu: Der Schmerz, weil die Liebe unerwidert geblieben ist. Sehr oft hat ein schwuler Mann die ersten Schmetterlinge nämlich wegen einem heterosexuellen Mann im Bauch. Ergo ist das ganze von vornherein aussichtslos und tut genau deshalb so verdammt weh. Mehr noch als das Schlussmachen mit dem ersten echten, weil tatsächlich auch homosexuellen Freund.

Natürlich habe ich das auch erlebt. Er lebte bi uns op’n Dörp und ich sah ihn mehrmals täglich, wenn ich mit meinem Hund auf Gassirunde war. Groß war er, schlank, hatte grüne Augen wie Smaragde, war sonnengebräunt, weil er viel körperliche Arbeit draußen verrichtete, und aus seinem Autoradio klangen immer Depeche Mode oder Eurythmics. Wenn er Zeit für einen Plausch von jungem Dörfler zu jungem Dörfler hatte… Siebter Himmel!

Solange er in meiner Vorstellung alleinstehend war, fühlte sich alles gut an, denn da war ja der berühmte Funken Hoffnung, der bekanntich immer zuletzt stirbt. Als er dann wirklich starb, weil man IHN knutschend in Begleitung seiner Freundin gesehen hatte, war das Drama groß. Nie hat man Siw Malmkvists Rat über den Liebekummer, der sich nicht lohnt, mehr gehasst als in diesem Moment.

Und dann, einige Jahrzehnte später, passiert das: Man kehrt an den Ort seiner Jugend zurück und durch einen dummen Zufall begegnet man jener ersten großen Liebe. Grau isser geworden, hat mindestens dreißig Kilo zugelegt, das Grün der Augen sieht wie Entengrütze aus, er läuft in Mokassins zum Jogginganzug rum und qualmt wie ein Schlot. Natürlich ist an einem selbst die Zeit auch nicht spurlos vorübergegangen, aber dieser Mann, der einem gerade gegenübersteht, war schließlich mal der Traum der schlaflosen Nächte, der erste Prince Charming – der darf einfach nicht alt werden!

Mit der Souveränität des Abstands von über zwanzig Jahren und der eigenen inzwischen geschlossenen Ehe lässt man sich auf einen kleinen Schnack ein. Und was für einen! Statt Depeche Mode und Eurythmics hört er jetzt Helene Fischer und Andrea Berg, und der Horizont seiner Konversationsthemen geht nicht über einen Bolzverein aus Bayern und den nächsten Grillabend im Schützenverein hinaus. Erzählt man selber, dass man für Sonnabend Karten für das Theater hat und für den Sonntag zu einer Autorenlesung, geht sein Blick auf Wanderschaft nach Interessanterem.

Hinterher sitzt man im Zug zurück dorthin, wo man jetzt wohnt, und ist beim Resümee einfach nur dankbar, dass dieser Knilch, äh, Kelch an einem vorübergegangen ist.

Am nächsten Tag erzählt man das Erlebte der besten Freundin. Die winkt nur gelangweilt ab. „Na, und? Was meinste wie froh ich bin, dass ich meinen Ersten nicht für immer genommen habe. Sonst würde ich heute wie Peggy Bundy leben.“

Auch das sagt uns: Die Geschlechter der Beteiligten sind völlig egal, also hört auf mit der Aufregung ob homo oder hetero. Selbst wenn das erste Mal ein völliger Reinfall war – Liebe ist Liebe und für jeden das gleiche seltsame Spiel. Basta.

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17 Antworten auf “… ein seltsames Spiel”

    1. Nein, das glaube ich natürlich nicht. Aber der verschmähte Heteromann hat zumindest immer noch die Möglichkeit, trotzdem zu versuchen, die Heterofrau doch noch zu erobern (und vice versa). Da ist immer noch eine Chance, und sei sie noch so winzig.

      Doch wenn du als Gay dein Herz an einen heterosexuellen Mann bzw. als lesbische Frau an eine heterosexuelle Frau verlierst, ist ja wirklich alles „Wishin‘ and hopin'“, um es mit Dusty Springfield zu sagen, vollkommen vergebens denn du hast keine, aber auch wirklich rein gar keine Chance…

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  1. Glaubst Du, er wusste von Deiner Liebe zu ihm?
    Ich vermute mal, *gesagt* wirst Du ihm’s nicht haben… und ich glaube, dass er es auch nicht gescheckt hat, oder? Er fand es wahrscheinlich nur sehr cool, dass Du ihn angehimmelt hast. Das ist nämlich mir passiert… Bundesheer-Zeit. 😉
    Bei mir wusste es jener junge Mann und kokettierte sogar ein wenig damit, dass ich ihn nie haben könne. (man muss sich das vorstellen! Heute würde ich ihm vermutlich einen Popschtritt geben… *gg*… damals aber war die rosarote Brille das tägliche Accessoire.

    *hach*, ja… irgendwie wars ne nette Zeit, trotzdem. 🙂

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    1. Erschreckend, wie Menschen ihr ganzes Leben auf einen Bolzverein ausrichten können. Vor allem diese Emotionalität über Sieg und Niederlage. Stolz, weil völlig fremde Menschen ein Spiel… EIN SPIEL!!! gewonnen haben. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich bin lieber stolz auf das, was ich selber erreiche…

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