„Ich habe alles gesehen“…

… denkt man manchmal. Bis zur Lektion, die einem das Gegenteil lehrt, glaubt man, dass einem nichts Menschliches mehr fremd ist.

Gestern musste ich am späten Nachmittag, nachdem ich meinen Schreibtisch für diesen Tag verlassen hatte, noch einmal für ein paar Besorgungen vor die Tür. Alltägliche Kleinigkeiten – Milch, Duschgel und so weiter. Also auf zum Supermarkt.

Wie es genau dazu gekommen ist, weiß ich nicht, denn die Sekunden davor haben sich außerhalb meines Blickfeldes abgespielt. Auf einmal sah ich jedoch in gut dreißig Metern Entfernung ein Kind von circa drei Jahren, das sich von seiner Mutter losgerissen hatte und zielstrebig auf die vierspurige Hauptstraße zu rannte, auf der sich gerade der Höhepunkt der täglichen Rush Hour zum Feierabend abspielte.

Ein sich zufällig der Szene nähernder Mann, etwa so alt wie ich, vielleicht auch etwas älter, von gepflegter Erscheinung – niemand, dem man in einem Anflug von Vorurteilen unterstellen würde „der sieht wie ein Verbrecher“ aus – reagierte geistesgegenwärtig. Er sprang von seinem Fahrrad, ließ es achtlos fallen, hechtete zwei, drei langbeinige Schritte hinter dem Kind her, packte es und setzte es buchstäblich im letzten Moment auf den sicheren Bürgersteig zurück.

Eine ältere Dame, die das Ganze mit angesehen hatte, murmelte „Gott sei Dank“ oder so etwas ähnliches. Doch die Mutter, die gerade ihr Smartphone in eine Tasche gestopft hatte, brüllte: „Lass sofort das Kind los, du perverse Sau, sonst trete ich dir deine verfickten Eier zu Brei!“

Mir selber blieb die Spucke weg, zum Glück rissen andere Menschen das Maul auf. Doch die Mutter, über die Unangebrachtheit ihrer Reaktion sehr energisch aufgeklärt, dachte gar nicht daran, sich zu entschuldigen. Sie packte das Kind in den Kinderwagen und stapfte ohne ein weiteres Wort davon.

Noch nie habe ich so einen entgeisterten und auch verlorenen Blick gesehen wie bei dem Mann, der gerade ein Kind gerettet hatte.

Immer wieder wird der Mangel an Bereitschaft beklagt, sich für andere einzusetzen. Dann passiert so etwas, das einen ebenso fassungs- wie ratlos zurücklässt. Man erhält eine vage, höchst unangenehme Ahnung, warum sich die Menschen inzwischen so schwer mit dem Mut zum Eingreifen tun und sich dreimal überlegen, ob sie wirklich helfen wollen.

Trotzdem schönes Wochenende.