Vice versa

So langsam wird’s wieder mit den lädierten Knochen. Insgesamt dauert es zwar eine ganze Weile, bis so eine Bänderzerrung/-dehnung vollkommen ausgeheilt ist, aber nach gut eineinhalb Wochen hat der zuständige Medizinmann mir erste zaghafte Belastungsproben erlaubt. Das habe ich natürlich gerne ausgenutzt, denn auch wenn Numero Uno glimpflich verlaufen war, kündigte sich langsam der nächste kleine Lagerkoller an, den es zu überstehen galt. Ich bin einfach nicht dafür gemacht, tatenlos rumzusitzen.

Also ab nach downtown, ich brauchte eh neuen Lesestoff. Aus Schaden klug geworden, ließ ich es langsam angehen. Der nicht sehr lange Weg, der sonst fünfzehn Minuten dauerte, nahm nun derer vierzig in Anspruch. Kein Problem, das Wetter war schön, und so langsam zeigen die hübschen Kerls in der Stadt ja wieder mehr Bein und muskulöse Arme, gelegentlich sogar per Shirt mit Deep-V-Neck eine sehr gut trainierte Brust. Auch eine Form von Sightseeing.

Da ich es nicht übertreiben wollte, geschah der Heimweg per Bimmelbahn, die mit dem weißen U auf blauem Grund vorgaukelt, eine U-Bahn zu sein, was aber nicht stimmt. Dortmund hat keine U-Bahn, weder per technischer Definition noch per gesetzlicher Grundlagen. Details bitte im Nachschlagewerk des Vertrauens selber nachlesen. Ich schweife ohnehin schon wieder ab.

Nach erfolgreichem Literaturkauf ging es also zur Bimmelbahnstation. Hier fiel mir ganz besonders auf, was sich zuvor während des Streifzugs durch die Buchhandlungen nur angedeutet hatte: Die meisten Leute reagieren netter, wenn sie jemandem begegnen, der ganz offensichtlich gehbehindert ist. Mir wurden Türen aufgehalten, man ließ mir den Vortritt, wollte mir beim ersten Schritt auf die Rolltreppe helfen bzw. beim letzten Schritt herunter, mir wurden sympathische Wird schon wieder-Blicke zugeworfen, man bot mir sogar an, mir beim Einstieg in die Bahn zu helfen, obwohl dieser ohnehin barrierefrei ist.

Nach einem ganz anderen Erlebnis eine recht neue Erfahrung für mich – und die Quelle zweier Beobachtungen:

Erstens: Dieses langsame Vorankommen, dieses nicht so können, wie man eigentlich will, war eine Vorschau auf die weitere Zukunft, die mir nicht ganz behagte, mir aber auch sagte: „Warum sollte es dir anders gehen als allen anderen? Finde dich damit ab!“ Message understood.

Zweitens: Die wirklich hilfsbereiten Menschen waren samt und sonders jünger als ich, teilweise so jung, dass sie zwar schon volljährig waren, aber trotzdem noch als meine eigenen Kinder durchgehen konnten. Es wären die älteren Menschen (und zwar schon die ab etwa 50+, denen man eigentlich noch nachsagt, sie seien auch mit alten Werten wie Höflichkeit, Konzilianz und Zuvorkommenheit vertraut – nicht erst die ganz alten zwischen siebzig und Open End), die mir Türen vor der Nase zufallen ließen, sich am Fahrkartenautomaten vordrängelten und sich überhaupt vollkommen rücksichtslos verhielten. Das Resümee des Tages legt also nahe, dass man sich vor den Älteren in acht nehmen sollte – während die so oft gescholtene „Jugend von heute“ offenbar weitaus besser als ihr Ruf ist.

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11 Antworten auf “Vice versa”

  1. Ich kenn das ja so, dass man dem Nachkommenden, z.B. im Kaufhaus, die Tür aufhält…hier (Frankfurt) ist mir das mal passiert, dass ich mit Kinderwagen in den Kaufhof wollte, keiner mir die Tür aufhielt – im Gegenteil sie mir noch vor der Nase zufallen liess – und als ich mich dann samt Kinderwagen durchgequält hatte, witschte noch son Anzugträger mit durch und grinste auch noch hämisch…
    Ich guck mich aber trotzdem immer noch um, wenn ich irgendwo reingehe – und halte auch die Tür für nicht-gehbehinderte auf ;o) Gute Besserung Dir weiterhin

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    1. Genau, so habe ich es auch gelernt: Man hält anderen höflich die Tür auf. Wie ich der Antwort auf den Kommentar von Hans-Georg schon schrieb: Ich warte nicht unbedingt auf Leute, die noch mehr als 10 m entfernt sind (es sei denn, sie haben einen Rollator, Kinderwagen o. ä. dabei), aber selbstverständlich halte ich die Tür bei jemandem offen, der sehr kurz hinter mir ist.

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  2. Für Kinderwagen oder Menschen mit Gehbehinderung würde ich auch die Tür aufhalten. Ich mach das aber nicht für „normale“ Kunden. Ich hasse es nämlich, da anzufassen wo alle dran rumgrabbeln. Ich schiebe die Türen immer mit dem Arm auf und dann ist es nämlich etwas umständlich, sie für andere Menschen auch aufzuhalten.

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  3. Worum geht es jetzt? Die Jungen sind Überraschung, super… die
    Alten ungeduldig. Sie haben ja auch keine Lebenszeit mehr zu
    verschwenden…es sind viele Formen von beginnender Demenz, die sich mit kindlichem Verhalten vergleichen

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