Wo man singt…

Die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien sind bei uns im Quartier immer die schönsten des Schuljahres. Nicht, weil man nun schon die Stunden zählen kann, bis es auf dem Schulhof gegenüber für sechs Wochen sehr ruhig wird. Sondern, weil gesungen wird.

Ist man in der Stadt unterwegs, sieht man oft Klassen anderer Schulen, die mehr oder weniger lustlos auf Wir müssen die Zeit totschlagen-Exkursion durch die Botanik stratzen. Doch hier bei uns wird die unterrichtsstoffleere Zeit zwischen dem Vergeben der Zeugnisnoten und dem letzten Schultag damit verbracht, eine kleine Open Air-Veranstaltung aufzuziehen, mit der die Viertklässler entlassen und die übrigen in die Ferien geschickt werden.

Natürlich muss geprobt werden, und davon haben wir hier im direkten Umfeld der Schule alle was, denn es geschieht bei offenen Fenstern oder gleich auf dem Schulhof.

Das Programm ist sehr gemischt – Klassiker des Kinderlieds von Fredrik Vahle sind ebenso dabei wie kindgerechte Umdichtungen von Schlagern wie Azzurro.

Es macht richtig Freude, wenn man für fast zwei Wochen tagtäglich mitanhören kann, wie die Kinder sich ihre große Show mit viel Eifer erarbeiten. Bei der großen Aufführung haben mein Mann und ich dann einen echten Logenplatz.

Zu meiner eigenen Grundschulzeit wurde auch gesungen. An die erste Klasse kann ich mich nicht mehr erinnern, doch in der 2. kam im Musikunterricht Trat ich heute vor die Türe an die Reihe (das Lied mit der Cha cha cha tanzenden Gans Agathe), und in der 3. wurde im Religionsunterricht Danke für diesen guten Morgen geschmettert. Zuletzt haben wir während der Heimfahrt von der Abschlussklassenfahrt in der 4. Klasse den Busfahrer mit einer eiligst noch in der Jugendherberge einstudierten Kinderchorfassung von Wir fahren übers weite Meer erfreut, was ein bisschen paradox war, denn die Fahrt führte durch die flache Pampa des Münsterlandes. Die Ballade vom einsamen Cowboy in öder Prärie wäre da passender gewesen.

Auf der weiterführenden Schule ging es dann richtig zur Sache – im Musikunterricht wurde gesungen, und in den zwei Chor-AGs sowieso. Das Liedgut reichte von Kein schöner Land über Mich brennt’s, in meinen Reiseschuhen und An hellen Tagen, Herz welch ein Schlagen bis hin zu Auf der Heide blühen die letzten Rosen, für eine multikulturelle Schulveranstaltung haben wir auch mal zwei jiddische Lieder, Meyn Shtetele Belz und Oyfn pripetchik, einstudiert. Das lag an unserem Lehrer, für den es schon ein Ausdruck unerhörten Revoluzzertums war, als sich eine 10er Abschlussklasse gewünscht hat statt des deutschen Textes Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr die originale englische Fassung Auld Lang Syne zum Abschied gesungen zu bekommen. Er war halt so – und so war es gut, denn ich habe sein konservatives, bisweilen altmodisches Repertoire sehr geliebt.

So oft wird beklagt, was sich über die Jahre alles zum Negativen verändert hat. Die Gesänge von gegenüber erinnern gerade jetzt wieder daran, dass man gelegentlich mal ein Auge und vor allem Ohr auf das werfen sollte, was geblieben ist: An Schulen wird immer noch gesungen. Ist das nicht herrlich?

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