Spuki, das Schreckgespenst

Der Hörspielmarkt boomt wie nie. Es ist schwer, bei den vielen Neuveröffentlichungen den Überblick zu behalten. Die älteren Schätze möchte man zudem auch nicht aus den Ohren verlieren. Darum richte ich in der Rubrik Rezensionen am liebsten den Blick und das Ohr auf Dinge, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, um sie ein bisschen vor dem Vergessen zu bewahren. Heute etwa auf das Hörspiel Spuki, das Schreckgespenst von Schloss Fürstenfurt nach einem Manuskript von Maral, erschienen 1978 auf dem Label Auditon.

Worum geht’s? Seit der letzte Hausherr Alfred XXVII. die Heimat verlassen hat, herrschen auf dem Familiensitz Schloss Fürstenfurt Leere und Stille. Vor lauter Langeweile ziehen sich die beiden Gespenster Spukizius, genannt Spuki, und seine Tante, Felicitas Freifrau von und zu Fürstenfurt, zurück und schlafen, von einer kurzen Unterbrechung abgesehen, fast einhundert Jahre lang. Eines Tages werden sie von Geräuschen geweckt. Im Schloss sind wieder Menschen, Handwerker, die alles auf Vordermann bringen. Spuki und seine Tante sind außer sich vor Freude: Endlich wieder jemand, den man bespuken kann! Umso größer ist die Freude, als sie erfahren, dass das Schloss zu einem Landschulheim umgebaut wird und nun regelmäßig Kinder im Haus sein werden. Als diese dann endlich da sind, ist es allerdings erstmal deren ekelhafter Lehrer, mit dem sich Spuki und Tante Felicitas herumschlagen müssen.

Welchen Eindruck hinterlässt das Hörspiel? „Für Kinder ab 4 Jahre“ empfiehlt das Plattencover. Selbst für Kinder meiner Generation, die wir ohne überbehütende Helikoptereltern aufgewachsen sind, ist das deutlich zu früh. Gerade die Szenen, in denen die beiden Gespenster das Spuken nach hundert Jahren Pause erst wieder üben müssen und das ausgerechnet mit dem Riesen aus Peterchens Mondfahrt oder mit Großmutter und Wolf aus Rotkäppchen machen, können junge Kinder das schon arg gruselig finden. Acht Jahre alt sollten Kinder mindestens sein, besser noch älter, denn für einige Szenen dürfte sehr jungen Kindern schlicht das nötige Verständnis fehlen. Etwa, wenn sich Spuki bei Tante Felicitas über das Wecken beklagt, obwohl doch beim letzten Mal „riesige Vögel durch die Luft gebraust sind, Feuer vom Himmel fiel und die Erde brannte“, können eigentlich nur Erwachsene den richtigen Schluss ziehen, dass der 2. Weltkrieg mit Bomben und Luftangriffen gemeint ist.

Trotz dieser ungewöhnlichen Episode ist Spuki durchaus ein Hörspiel für junge Menschen, aber auch Erwachsene dürften ihren Spaß haben, wenn die beiden Gespenster erste Bekanntschaft mit „einem Brunnen, den man auf- und wieder zudrehen kann – mit warmem und kaltem Wasser“ und anderen „neuen“ Erfindungen machen. Es macht Spaß, beim ersten Mal gemeinsam zu raten, was gemeint sein könnte.

Genau das gefällt mir an Spuki: Die generationenübergreifende Unterhaltung mit einer witzigen, abwechslungsreichen Story. Umgesetzt wird das ganze durch Peter Thom als Spuki, das Gespenst im besten Flegelalter, und Maria Axt (Mutter der Synchron- und Hörschauspielerin Katja Nottke) als Tante Felicitas, deren Alter nicht auszumachen ist, weil sie sich immer um ein paar Jahrhunderte jünger schummelt. Als Erzählerin fungiert Heli Finkenzeller (Mutter von Gaby Dohm), die mit ihrem herrlichen süddeutschen Zungenschlag und der warmherzigen Erzählweise soviel Charme in die Sache bringt, dass man sie am liebsten als Omi adoptieren möchte. Besonders herrlich: Ihr verschämt damenhafter Umgang mit dem Plural von Fürstenfurt.

Es macht einfach rundum Spaß, Spuki, das Schreckgespenst von Schloss Fürstenfurt zu hören – selbst ich mit meinen inzwischen zweiundvierzig Lenzen lege die Platte immer wieder nochmal auf und hab‘ richtig Spaß dabei. Darum empfehle ich dem geneigten Hörspielfreund auch gerne, nicht daran vorbeizugehen, wenn er die LP oder MC mal auf dem Trödelmarkt aufstöbern sollte. Es lohnt sich, sie mitzunehmen.

Hörspiele sind Genuss – welche kulinarische Begleitung sollte es geben? Genau das, was Spuki bei den Herbergseltern Paul und Lene Piesecke in der Küche abstaubt: Erbsensuppe und als Nachspeise Götterspeise mit Schlagrahm.

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