Leser-Top-10, # 2

Ohne viele Vorworte – Platz 2:

Robin Williams und der Mann von nebenan

Original gepostet am 12. August 2014

Robin Williams ist tot. Heute morgen, gleich beim Frühstück, als ich die Online-Ausgabe des Hamburger Abendblatt las, schreckte mich diese Nachricht auf. Dieser Verlust wird eine große Lücke in der Welt des puren Entertainments, aber auch der höheren Kultur hinterlassen, weil er einfach beides konnte.

Doch ich will jetzt gar nicht vom folgenden RIP-Storm anfangen, dem man sich ebenso anschließen konnte wie man ihn belächeln oder gar verdammen konnte. Ich will auch nicht davon anfangen, wie sehr Robin Williams, besonders mit Der Club der toten Dichter, mein eigenes Leben berührt und zu einem gewissen Grad auch meine Entwicklung als damals knapp 17jähriger beeinflusst hat.

Das stimmt alles, doch ich muss vor allem spontan an liebe Menschen in meinem Umfeld denken. Menschen, die wie Robin Williams von der Krankheit Depression betroffen sind. Denn die Medien nennen (derzeit noch als unbestätigte Theorie) Suizid aufgrund dieser Krankheit als Todesursache. Wenn das stimmt (was, wie gesagt, immer noch nicht offiziell bestätigt wurde und daher zum Erstellugngszeitpunkt dieses Artikels reine Vermutung ist), was bedeutet der Tod von Robin Williams dann für seine Fans, die mit ihm im selben Boot gesessen haben? Oder auch das weitere Schicksal von anderen betroffenen Promis, deren Krankheit öffentlich bekannt ist, wie etwa Carrie Fisher oder Owen Wilson.

Psychische Krankheiten werden oft unter den Teppich gekehrt, gerade Depressionen. „Reiß dich zusammen“ und „Stell dich nicht so an“ gehören noch zu den netteren Belehrungen der Unwissenden und Ignoranten. Ächtung und Stigmatisierung von außen, Rückzug und Scham bei den Betroffenen sind Zutaten, die den Kranken neben ihren ohnehin schon schweren Symptomen oft zusätzlich aufgebürdet werden.

Über psychische Krankheiten spricht man nicht. Darum bekommt man auch oft nicht mit wie sich ein Mitmensch aus diesem Loch wieder nach oben arbeitet. Aha-Erlebnisse wie „Ach, du auch? Mir geht’s genau so!“, die einen positiven Einfluss auf Verbesserung der Situation bei Betroffenen haben könnten, bleiben oft aus.

Für diese Betroffenen sind prominente Beispiele durchaus wichtig. Denn erstens zeigen sie, dass ernste Krankheiten nicht nur den Otto Normalverbraucher betreffen, sondern vor niemandem Halt machen.

Zum anderen sind sie natürlich auch ein Vorbild. Sie zeigen: „Der/die hat genau die gleiche miese Krankheit wie ich und hat wegen seiner Prominenz noch viel mehr Druck von außen. Aber der kriegt seinen Alltag mit Auftritten, Interviews und so weiter gewuppt!“ Mit Hilfe von Medikamenten und sonstigen Therapien, ganz klar. Aber nichtsdestotrotz ist da das Zeichen: Man kann es schaffen. Vielleicht wird man nicht geheilt, aber man kann die Krankheit wenigstens im Zaum halten.

Für die einen ist ein Promi einfach ein Vorbild nur wegen seiner Schönheit, der man nacheifern kann. Das ist vollkommen in Ordnung. Aber es ist genauso in Ordnung, dass der Promi für andere eine Art Telekolleg darstellt, die aufzeigen kann, dass es möglich ist, trotz einer schweren Krankheit, das einigermaßen gut zu leben, was im individuellen Mikrokosmos für Normalität steht.

Wie fatal, desillusionierend, in den (ohnehin schon wackligen) Grundfesten erschütternd muss da der Tod des Promis ausgerechnet aufgrund dieser Krankheit sein?

Denn nochmal: Wer im eigenen Umfeld mit der selben Diagnose „Depressionen“ wie man selbst rumläuft und den Kampf gewinnt – oder verliert – bekommt man oft nicht mit. Denn man spricht ja nicht drüber. Krankheit ist bäh. Und Depression erst recht.

Dadurch wird der Tod eines Promis zum Spiegelbild mit Vergrößerungseffekt für jemanden, der selbst von der Krankheit X betroffen ist. Und auch für dessen Angehörige, die von dieser Krankheit genauso in Geiselhaft genommen werden wie der Betroffene selber und die darum am Ende nicht nur um einen geliebten Menschen trauern, sondern auch mit dem quälenden Wissen leben müssen, dass ihre Fürsorge und Liebe nicht gereicht haben, um zu das Los des Kranken genügend zu erleichtern.

Das schafft nicht nur Trauer um einen geschätzten Promi, sondern auch eine verdammte Scheiß-Angst, wie es mit einem selber weitergeht.

Alles Gute, Robin Williams und Familie – und auch allen anderen, die von dieser Krankheit besiegt wurden oder immer noch mit ihr ringen.

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