Bye, bye Ausbildungsbetrieb

Mein Neffe ist ein plietscher Kerl – schon jetzt kümmert er sich um eine Ausbildungsstelle ab Sommer 2016, obwohl sein letztes Schuljahr gerade heute erst begonnen hat. Er hat sich Gedanken gemacht, welchen Beruf er später ausüben möchte. Er hat sich über die Anforderungen informiert. Er hat sich Material zu den Ausbildungsinhalten besorgt, Schnupperpraktika gemacht und so weiter. Seine Zeugnisse sind top. Mit anderen Worten: Er ist richtig proper vorbereitet und gut gerüstet. Also hat angefangen, Bewerbungen zu schreiben.

Die allererste hat er am vergangenen Mittwoch ziemlich genau um 11:30 Uhr in der örtlichen Filiale eines großen Modekonzerns abgegeben. Und ebenfalls ziemlich genau vierundzwanzig Stunden später hatte er bereits die Absage im Haus.

Auch ohne Fachkenntnis war es erkenntlich, dass die Bewerbung nicht einmal lose durchgeblättert wurde. Mir selbst fielen noch einige besondere Details auf, denn ich habe viele Jahre im Personalmanagement gearbeitet, bevor ich die Schreiberei vom Hobby zur wirklichen Berufung gemacht habe, und kenne daher die Materie. Der Absagebrief an sich etwa passte inhaltlich überhaupt nicht als Antwort auf eine Bewerbung um einen Ausbildungsplatz.

Es war also ganz offensichtlich, dass die Bewerbung nur von einem Umschlag in den anderen umgetütet wurde, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, sie sich genauer anzuschauen.

Mein Neffe hat’s zum Glück sportlich genommen. „Da hab‘ ich ja Glück gehabt, dass das nix geworden ist. Wenn die jetzt schon so einen Mist bauen, wie soll das dann erst in der Ausbildung laufen? Bewerb‘ ich mich lieber woanders.“

Ich sag‘ ja, dass er plietsch ist. Aber welches Signal sendet das an einen weniger selbstbewussten jungen Menschen, dem in den letzten zehn Jahren von Eltern, Lehrern und anderen Menschen aus seinem Umfeld immer wieder gelehrt wurde, sorgfältig und engagiert zu arbeiten? Wie wirkt sich das auf die weitere Motivation aus, wenn das öfter vorkommt. Und es wird öfter vorkommen, denn leider habe ich das auch bei Freunden mitbekommen, die ihre Kinder beim Start ins Berufsleben begleiten.

Immer wieder hört man Klagen, dass Jugendliche heute gar nicht mehr das bildungs- und entwicklungmäßige Rüstzeug mitbringen, um eine Ausbildung anzutreten und erfolgreich abzuschließen. Da frage ich mich, wie die aktuelle Fachkraftgeneration das erkennen will, wenn sie an viel zu vielen Stellen selbst nicht gerade mit dem arbeitet, was man Professionalität nennen könnte?