Sonntagszwischenruf

Es gibt Momente, in denen ich wirklich mit meiner Stadt hadere, sogar meine Zuneigung zu ihr in Frage stelle. Gerade jetzt, wo eine die Meldung umhergeistert, dass die Queen Mary 2 beim Kreuzfahrtschifffestival Cruise Days nächsten Monat nicht wie sonst am Chicagokai in der HafenCity festmachen darf, sondern zum Terminal auf Steinwerder ausweichen muss. Der Grund: Das Hafenbecken vor dem Chicagokai ist verschlickt und der Dicken aus Southampton fehlt die Handbreit Wasser unterm Kiel.

„Kommt bei einem Tidehafen vor“, sagen die mit einem gesunden Verhältnis zu einer Hafenstadt.

„Geht ja gar nicht!“ rufen PR-geile Politiker und einige Normalbürger hochempört auf und verlangen mit einer völlig irrationalen Hitzigkeit die sofortige Ausbaggerung, damit es mit dem Anlegen am Chicagokai doch noch klappt.

Da frage ich mich echt, ob so einige in meiner Stadt noch alle Zwiebeln auf dem Matjes haben. Hat Hamburg nicht dringendere Probleme als die Frage, um welchen Poller ein Kreuzfahrtschiff seine Leinen schlingen darf? Und könnte es sein, dass die Event-Besoffenheit manche regelrecht betriebsblind macht?

In einem anderen Artikel hatte ich einmal polemisch die Frage aufgeworfen, welcher Unterschied zwischen dem heutigen Senat und dem des 18. und 19. Jahrunderts besteht, worauf ich schlussfolgerte:

Der Senat besteht nicht aus Kaufleuten, sondern aus Berufspolitikern und es gibt keine Cholera. Ansonsten wird weiter hauptsächlich dem Mammon gedient: Statt Dinge wie den Ausbau des U-Bahn-Netzes in sinnvoller Weise voranzutreiben, wird bei den Buslinien geflickschustert mit Maßnahmen, die nach wenigen Monaten wegen ihrer Sinnlosigkeit wieder rückgängig gemacht werden müssen oder das soziale Gefüge eines Quartiers nachhaltig verändern. Förderung von erschwinglichem Wohnraum für Otto und Ottilie Normalverbraucher? Fehlanzeige.

Lasse ich unverändert so stehen. Verlängerung der U4 in die Horner Geest, die neue U5, bezahlbarer Wohnraum für mittlere und untere Einkommen, noch mehr menschenwürdige Unterkünfte für Flüchtlinge, Beendigung der Vernichtung historischer Altbausubstanz zugunsten der Gentrifizierung… Das alles hat irgendwie immer im Hintergrund zu stehen. Solange ein Kreuzfahrtschiff an der „richtigen“ Pier anlegt und man sorgenfrei zur großen Hafenparty gehen kann, ist man zufrieden. Was die dann ausgepusteten Abgase dank der zu wenigen Anlangen für Landstrom permanent laufenden Schiffsmaschinen für die unmittelbare Umwelt bedeuten – egal. Unglaublich, wie blind ein Haufen Stahl für das machen kann, was dringender angegangen werden müsste.

Gut, meinetwegen – baggert das Hafenbecken für große Kreuzfahrschiffe aus. Aber dann besteht auch darauf, dass diese erst wiederkommen dürfen, wenn sie Abgasscrubber oder andere Einrichtungen zur Verringerung des Emissionsausstoßes haben. Für einige Schiffe (egal, welcher Art) ist der Hafen dann halt eine Weile komplett tabu.

Natürlich bringt ein Kreuzfahrtschiff ordentlich Geld für die Hafenkasse, vom Umsatz für den Einzelhandel dank gut gefüllter Touristenportemonnaies ganz zu schweigen. Man muss den Reedereien aber dennoch nicht alles in den Rachen werfen, ohne dafür die ein oder andere Gegenleistung verlangen. Komisch, dass man darüber kaum etwas hört. Doch wer seine Stadt wirklich liebt, legt den Finger in die Wunden, benennt, was schiefläuft und lehnt sich dagegen auf.

Oh… Ich glaube, die eingangs aufgeworfene Frage, ob ich Hamburg überhaupt noch zugetan bin, hat sich soeben beanwortet.

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3 Antworten auf “Sonntagszwischenruf”

  1. Scrubber gibt es nur für den Schwerölbetrieb auf See für Schweröl mit einem Schwefelgehalt von mehr als 0,1 %. Sobald ein Schiff, egal ob Kümo, Container- oder Kreuzfahrtschiff, in einem bestimmten Nordeuropäsichem Gebiet in einem Hafen festmacht, wird von der Hauptmaschine auf die Hilfsdiesel umgeschaltet. Da darf dann eh nur MDO (Marine Diesel Oil) mit einem Schwefelgehalt von max 0,1% Schwefelanteil verbrannt werden.
    Wenn schon Strom von Land für Seeschiffe, dann aber bitte für alle Schiffe und nicht nur für Kreuzfahrer, die zahlenmässig wohl den geringsten Anteil in Hamburg ausmachen.

    Gefällt 1 Person

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