Möbel dengeln

Die Leute meckern ja oft darüber, dass eine große Stadt ziemlich anonym ist. Dass man nichts von den anderen mitbekommt. Dass man oft nicht weiß ob da in der Wohnung nebenan überhaupt eine Menschenseele wohnt, weil du nichts von dort hörst. Und dass es genug Leute gibt, die zwar was hören, sich aber nicht dafür interessieren.

Im Großen und Ganzen klingt das ja nicht schön, manchmal kann das aber auch ein großer Vorteil sein. Zum Beispiel, wenn man Möbel zusammendengelt.

Ihr kennt das: Eigentlich wollt ihr am Sonnabendmorgen bloß ein paar Teelichter kaufen – und dann kommt ihr mit „dieser entzückenden kleinen Kommode“ nach Hause. Das ist bei meinem Mann und mir auch so. Wenn du das Ding im Laden so schick und fertig da stehen siehst, denkst du gar nicht daran, dass das ja bloß mal ein Haufen Holzbretter und Metall war. Das fällt dir auch nicht auf, wenn du mit diesem flachen Karton an der Kasse stehst. Nein, das merkst du alles erst, wenn du den Karton zuhause aufmachst und diesen Haufen Holzbretter und Metall in deinem Wohnzimmer liegen hast.

Und dann fängt das Drama an. Zumindest bei uns. „Wo hast du denn wieder den Beutel mit den Schrauben hingepackt“ fragt mein Mann. „ICH?“ antworte ich. So fängt das Duell an.

„Ja, du! Ich hab‘ den auf diesen Teller gelegt.“ – „Ich hab‘ da nix weggenommen.“ – „Nee, ist klar, und der nächste Papst ist ’ne Frau!“ Und kurz danach: „Ich denk, du hast die Schrauben nicht weggepackt?! Und warum liegen die dann jetzt in der Küche auf dem Tisch?“ – „Keine Ahnung. Hast du wohl selbst dahin gelegt.“ – „Boah, hier kannst du nichts liegen lassen, ohne dass das nach fünf Minuten weg ist.“ – „Ach, du halt deinen Rand!“

Das war schon recht laut, aber das ist nicht gegen die Lautstärke, die wir schaffen, wenn wir erstmal richtig in Fahrt und bei der Arbeit an dieser blöden Kommode sind!

„Nu‘ wackel doch nicht so.“ – „Das blöde Brett ist schwer, und ich bin nicht Mister Universum.“ – „Das sieht man du Spargeltarzan, das musst du mir nicht auch noch sagen“ – „Mensch, mach hin, oder wartest du auf Invalidenrente?“ – „Gleich klatscht das, und das ist kein Beifall!“ – „Laber nicht rum! Mach ein bisschen schneller, dann wackelt auch nichts.“ Und ein bisschen langsamer: „Olle Schnecke…“ – „Das habe ich gehört!“ – „Na, dann war der Zweck ja erfüllt!“ – „Ach, leck mich doch am Arsch.“

Mit jedem Wort wird das lauter in unserem Wohnzimmer. Wir schreien, wir fluchen, wir schimpfen uns an – und wir grinsen über das ganze Gesicht dabei. Das Meckern gehört einfach bei uns dazu, und wir haben so großen Spaß dabei, das könnt ihr euch nicht vorstellen!

Bloß – die Nachbarn draußen können das auch nicht. Die sehen ja nix, die hören bloß das laute Gebölk. Wenn sie denn zuhören…

Und wenn sie sich dann auch noch Gedanken machen, dann kommen sie vielleicht auch auf den Einfall, dass mein Mann und ich einander gerade mit ’nem Messer und oder gar einer Axt belauern. So wie Jack Nicholson damals in Shining. „Hier ist Johnny!“

Wisst ihr nun, warum ich das mit der Anonymität in der Großstadt manchmal gar nicht so schlecht finde? Ich meine, wenn die Nachbarn unser Gebölk jedes Mal mitbekämen, wenn wir Möbel zusammendengeln, stünde vielleicht auch jedes Mal das Sonderkommando der Polizei bei uns auf der Matte!


Hinweis: Dieser Text ist die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Artikels vom 07.09.2015

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