Haifisch ohne Zähne

Im Hamburger Thalia Theater hatte am vergangenen Wochenende Bertolt Brechts Die Dreigroschenoper in der Inszenierung von Antú Romero Nunes Premiere. Der Lokalpresse nach hat das Premierenpublikum diese Einstudierung gefeiert, und das, obwohl Nunes die Moritat von Mäckie Messer gestrichen hat.

Diesen Kunstgriff habe ich vor weit mehr als zehn Jahren in einer anderen Inszenierung ähnlich erlebt: Der Moritatensänger betrat hierbei den Saal durch eine der Türen hinten im Parkett, summte die Melodie, sang dann die erste Strophe an, um noch vor deren Ende die Bühne erreicht zu haben und abzugehen. Die Strophen um den toten Mann am Strand, den verschwundenen Schmul Meier und die geschändete minderjährige Witwe blieben ungesungen.

O-haue-ha… Diese „Missetat“ bescherte unserer kleinen Gruppe beim Pausensekt im Foyer (und über den letzten Vorhang hinaus) eine heiße Diskussion. Es gab zwei etwa gleich große Lager: „Großartiger Regieeinfall“ und „Das geht ja wohl gar nicht“.

Das letztgenannte Lager begründete seine Einstellung mit dem Argument, „Mäckie Messer ist ein Evergreen.“

Genau deswegen gehörte ich zu dem Lager, das die Streichung der Moritat von Mäckie Messer für einen großartigen Regieeinfall hielt. Denn mal ehrlich – warum schauen sich die meisten Menschen denn Die Dreigroschenoper an? Doch nicht wegen des Stücks, nicht wegen der „Moral von der Geschicht'“, die bekanntlich nach dem Fressen kommt. Nein, die meisten kommen in schlichter Schlagerseligkeit, um die „Hits“ aus dem Stück zu hören – neben der Moritat natürlich auch die Ballade von der Seeräuber-Jenny.

Weiß eigentlich noch jemand, worum es in der Dreigroschenoper geht? Um den Faden gleich weiterzuspinnen: Wer war Effi Briest? Schon mal Deutschstunde und Das Feuerschiff gelesen? Hertha Müllers Atemschaukel? Kann jemand noch Die Brücke am Tay von Fontane aufsagen? Zumindest die erste Strophe? Nein? Hm…

Dass es meiner Generation und den älteren langsam abhanden kommt, ist schon betrüblich. Aber den jüngeren wird es ja gar nicht erst zugänglich gemacht. Ab und zu gebe ich dem Sohn von Freunden, derzeit, 9. Klasse, ein bisschen Nachhilfe in Englisch. Als ich neulich zur verabredeten Zeit dort aufschlug, war der Junge noch mit den Hausaufgaben für ein anderes Fach beschäftigt. Da lag auch ein aufgeschlagenes Buch. Mit einem Augenzwinkern fragte ich ihn, ob seine Eltern nichts dagegen hätten, dass er seine Privatlektüre bei den Hausarbeiten danebenliegen hat. „Wieso?“ fragte er entsetzt. „Das ist meine Klassenlektüre?!“

Aaaaaaaaaaaah, ja…

Nichts gegen moderne Literatur, um den zugegebenermaßen manchmal recht drögen Deutschunterricht aufzupolieren. Aber ich glaube, wenn es hierzulande möglich ist, dass im Leistungskurs Deutsch so etwas wie diese Biss ins Butterbrot-Romane (oder so ähnlich) über amerikanische Luschenvampire als Klassenlektüre zugelassen ist oder Schulklassen ihren einzigen Theaterbesuch in sechs Schuljahren bei afrikanischen Großkatzen oder rollschuhfahrenden „Eisenbahnen“ verbringen, brauchen wir uns nicht wundern, wenn Theaterregisseure dem Haifisch die Kauleiste rausnehmen, um daran zu erinnern, dass Die Dreigroschenoper keine Schlagerrevue ist. Sich drüber aufregen ist erst recht nicht drin.

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2 Antworten auf “Haifisch ohne Zähne”

  1. Mein Abi ist noch nicht so lange her wie deins, aber ich stimme der gestrichenen Moritat zu.
    Am Ende sollte die Schule jedoch zunächst dafür sorgen, dass die meisten Leute überhaupt erst mal lesen und dann – Trick – das hinterfragen, was sie lesen. Solches zu bewerkstelligen ist wahrscheinlich eine unerfüllbare Aufgabe. Mit oder ohne „Biss ins Butterbrot“.

    Gefällt 1 Person

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