Elternhaus in Teilauflösung

Es ist schon merkwürdig, wie manche Ereignisse rein zufällig zusammentreffen und inhaltlich so gut zusammenpassen, dass man meinen könnte, sie wären von irgendeiner Hand im voraus geplant worden. In meinem neuen Buch, das dieser Tage veröffentlicht wurde, geht es unter anderem um Geister. Den Geistern meiner eigenen Vergangenheit bin ich etwa zur selben Zeit begegnet.

Mein Zimmer im Elternhaus lag außerhalb der eigentlichen Wohnung eine Etage höher in einer kleinen Dachmansarde. Gerade mal zehn Quadratmeter hatte die kleine Kammer (die der Nachbarn war auch nicht größer), doch insgesamt hatte ich fast siebzig Quadratmeter für mich zur Verfügung. Der nebenan liegende Trockenboden wurde nämlich so gut wie gar nicht genutzt. Statt dessen diente er als Lagerraum für allerlei Zeugs sowohl von meiner Familie als auch von der anderen Familie im Haus. Alte Möbel, Matratzen, Vorhangstoffe, Bettwäsche, Schränke mit alten Gesellschaftsspielen, ausrangiertes Geschirr – alles stapelte sich da oben und sah aus wie ein Trödelladen in einem altenglischen Dorf: Ein bisschen rummelig, aber dennoch kommodig. Durch verschieden große Teilflächen ließ sich das ganze in diverse „Räume“ unterteilen, und über eine Leiter, die auf die „Flachdächer“ der beiden Mansarden führte, hatte ich sogar eine zweite Etage für mich.

Niemand interessierte sich dafür, dass ich über die Jahre immer mehr von der Fläche für mich requirierte. Meine eigenen zehn Quadratmeter waren am Ende tatsächlich nur noch mein Schlafzimmer, während ich den Trockenboden in ein „Arbeitszimmer“ für Hausaufgaben und zum Pauken während der Ausbildung, ein „Wohnzimmer“ und die „Bibliothek“ aufgeteilt hatte. Abgesehen davon, dass ich weder ein eigenes Bad noch eine Küche hatte, war das ganze fast schon eine vollwertige Wohnung.

Irgendwann zog ich aus, und da oben blieb alles beim Alten. Ein hübscher kleiner Zufluchtsort, an dem die Zeit stehengeblieben war.

Vor kurzem hat der Hauswirt das Haus aus Altersgründen verkauft. Der neue Eigentümer möchte aus dem Trockenboden eine Wohnung machen. Eine richtige diesmal – ganz modern mit allem Drum und Dran. Für meine alten Herrschaften ein guter Deal – die Dachbodennutzung fällt weg, dafür gibt es nach der Modernisierung ihrer eigenen Wohnung keine Mieterhöhung. Passiert nicht oft, dass man mit neuen Vermietern so gut klarkommen kann.

Das bedeutete allerdings, dass der Dachboden geräumt werden musste. Meine alten Herrschaften sind längst im Rentenalter und sollen sich natürlich nicht mehr mit so etwas abmaracken. Also rückten meine Schwester und ich mit unseren eigenen kleinen Familien und ein paar Freunden an, um das alles zu erledigen. Mit zehn Leuten waren wir am Ende zugange, so dass das ganze Projekt an einem Sonnabendvormittag erledigt werden konnte.

Während der ganzen Aktion kam ich gar nicht dazu, mir Gedanken zu machen, aber als ich schließlich irgendwann alleine auf dem leergeräumten Trockenboden stand und ihn ausfegte, wurde mir doch etwas plümerant zumute. Da waren sie dann auf einmal, die Geister der Vergangenheit. Es waren gute Geister – Erinnerungen an Zeiten, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Es war wie in einem Film, wenn eine „Jetzt“-Szene bildlich verschwimmt und die Figuren eine Rückblende erleben. Für einen Moment sah ich in dem Raum noch einmal alles vor mir – da links unter dem Fenster der alte Wohnzimmertisch. Uromas alter Teppich. Das Regal mit meinen Lieblingsbüchern. Und da das Sofa, auf dem ich schlotternd vor Angst meinem damals besten Kumpel offenbart hatte, auf Kerle zu stehen – und die Erleichterung, als sich deswegen überhaupt nichts zwischen uns geändert hatte…

Dann rief auf einmal jemand von unten aus dem Treppenhaus meinen Namen und ich stand plötzlich wieder in dem großen leeren Raum, in der Hand einen Besen, der schon seit Minuten nichts mehr gekehrt hatte.

Dieser Moment war noch spukiger. Ich fühlte mich wie damals, als wir nach ihrem Tod das Haus meiner Oma ausgeräumt hatten – nur dass wir heute quasi meinen alten Haushalt aufgelöst hatten. Und meine Leiche lebte ja noch… Da hatte ich dann auch einen ziemlichen Kloß im Hals.

Es ist ja immer blöd, wenn man von so einer großen Portion seiner eigenen Vergangenheit endgültig Abschied nehmen muss. Aber dieses Ereignis war besonders merkwürdig. Vielleicht wäre es mir leichter gefallen, wenn meine Eltern ganz aus dem Haus ausgezogen wären. Dann wären alle Verbindungen gekappt gewesen. Aber so… Ich werde künftig also meine Eltern weiter in meinem Elternhaus besuchen können, aber meine Etage, meine ganz eigene Zimmerflucht, nur ein Teil meines Elternhauses wird auf einmal tabu sein, fremde Menschen werden dort wohnen.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich daran gewöhnen kann.

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