Guter Rat ist süffig

Wie bereits am letzten Sonntag angekündigt, gibt es heute ausnahmsweise mal nichts neues, sondern den Repost eines schon älteren Beitrags. Es handelt sich um den Text, der ursprünglich am 12. Dezember 2013 unter dem Titel Das Bier von Radio Andorra erschienen ist. Ich hoffe, Wiederlesen macht Freude!

Ratgeber gehören zu den meistgekauften Sachbüchern überhaupt. In manchen Buchhandlungen ist die entsprechende Abteilung inzwischen manchmal größer als alle anderen. Die meisten beschäftigen sich mit dem uralten Thema Schönheit. Ich bin sicher, schon Kleopatra hatte irgendwo die Papyrusrollen einer Vorgängerin gehortet, die ihr so ganz von Pharaonin zu Pharaonin verrieten, warum ausgerechnet Eselsmilch so gut für das Hautbild sein sollte und nicht etwa die von Gnus.

Gestern ist mir beim Stöbern in meinem Regal mit Buchantiquariat das Werk Schön sein – schön bleiben von einer gewissen Lilo Aureden, erste Auflage Juli 1955, in die Hände gefallen. Eigentlich hatte ich mal wieder die Memoiren von Hubert von Meyerinck lesen wollen, aber Frau Aureden erwies sich als mindestens ebenso kurzweilig.

Die meisten ihrer Tipps für die äußere und innere Schönheit sind selbst nach achtundfünfzig Jahren immer noch hochaktuell, wenn sich auch einige Rohrkrepierer darunter befinden. So befindet Frau Aureden unter anderem, dass man beim Sonnenbad die Sonnenbrille ruhig durch zwei Ahornblätter auf den Augen ersetzen könne. Ha – den Menschen, der von diesem Muster in seinem Teint begeistert wäre, möchte ich zu gerne kennenlernen! Obwohl… heutigentags wundert einen ja nix mehr.

Wie dem auch sei – hauptsächlich ist es die herrliche Ausdrucksweise, die das Buch zu so einem Vergnügen macht. Da gibt Frau Aureden zum Beispiel folgenden Rat für anmutiges Gehen: „Setzen Sie die Füße nicht überkreuz [sic], sonst rollen Sie wie eine Korvette in mittelschwerer See.“

Was für ein Vergleich! Margaret Rutherford hat die Beine auch nicht überkreuz gesetzt, trotzdem nannte man sie in England Die Korvette mit guten Manieren

Oder wenn Frau Aureden vom Kleinkrieg gegen das Alter spricht: „Es ist ein Guerillakrieg mit List und Tücke, den jede Eva hartnäckig wie eine Partisanin führt.“

Heute ist es ja ganz egal, ob Mann oder Frau einen Schönheitsratgeber konsultiert, aber Tarnfarbe ist wohl das Letzte, was man sich gegen Falten ins Gesicht kleistern würde, und so ein Netz, unter dem man sonst Panzer versteckt, ist auch nicht wirklich kleidsam.

Mein persönliches Highlight der blumigen Ausführungen war: „Eine brillante Stimme, die so zärtlich, zart und eindrucksvoll Gute Nacht wünscht wie eine Radioansagerin von Andorra, die vergisst kein Mann.“

Das glaube ich gerne! Selbst wenn besagte Radioansagerin eine Stimme hat wie Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzen, und ihr Gute Nacht sich wie der Befehl zur Evakuierung eines sinkenden Schiffs anhört, wird sie unvergessen bleiben, denn wie viele Männer können sich schon rühmen – und das gilt für 1955 ebenso wie für 2013 – überhaupt einmal eine Radioansagerin aus Andorra gehört zu haben?!

Solche Perlen finden sich auf fast jeder der knapp 450 Seiten. Mitunter lustiger als jede Komödie – eine echte Leseempfehlung für alle, die neben der Funktion des Ratgebers auch den Unterhaltungswert zu schätzen wissen.

Nur einmal ist mir wirklich nicht zum Lachen zumute gewesen – da empfiehlt Frau Aureden doch tatsächlich als Patentmittel für die längere Haltbarkeit einer Dauerwelle eine Haarspülung aus Bier! Es versteht sich doch wohl von selbst, dass dieses Gebräu nur innerlich anzuwenden ist!

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5 Antworten auf “Guter Rat ist süffig”

  1. Den Spaß kann ich mir gut vorstellen, in dem Buch zu stöbern. Wenn dir so etwas gefällt – mein Lieblingsbuch in der Kindheit war der Knigge meiner Eltern. Ich weiß nicht mehr, ob wegen der Zeichnungen oder den Texten – aber ich liebe das alte Buch immer noch – heute eben wegen die Stilblüten vergangener Zeiten, die du beschreibst! 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich denke nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt – Radio Eriwan ist ein Instrument aus dem politischen Kabarett und der Polemik bei politischen Aussprachen. Es gibt dazu einen interessanten Artikel bei Wikipedia.

      Ich glaube aber kaum, dass Frau Aureden in ihrem Buch irgendetwas mit Politik im Sinne hatte. In den frühen 1950ern hatte Frau ja nach damaliger Lesart keine politische Meinung (zu haben). Ich vermute daher eher, dass sie mit ihren Worten einfach nur ganz besonders blumig illustrieren wollte. 🙂

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