Aufbruch zu einer Reise

Morgen ist es also soweit – dann wird auch die Printausgabe meines neuen Buchs Rummelpott offiziell erhältlich sein.*

Es ist schon ein besonderer Moment für mich, habe ich mich mit diesem Buch doch auf ein anderes Terrain begeben als mit meinen anderen Büchern wie etwa Wodka für die Königin.

Angefangen hat es wie so oft mit dem zufälligen Zusammentreffen völlig verschiedener Dinge. Eigentlich hatte ich nur eine Schreibübung in meinen Laptop hacken wollen, um eine neue Erzähltechnik auszuprobieren. Ein Ich-Erzähler sollte von einem Erlebnis berichten, jedoch nicht in Brief- oder Tagebuchform und auch nicht wie ein Buch mit Memoiren, sondern meiner Erzähler sollte in einem persönlichen Gespräch, bei der direkten Anrede eines Gegenübers ins Monologisieren geraten.

Ein bisschen fühlte sich das für mich an wie das Erzählen der klassischen Detektivgeschichte vom Mord im geschlossenen, von der Außenwelt isolierten Raum. Es gibt dabei Grenzen, die man nicht überschreiten darf, da sonst der ganze Plan nicht aufgeht. Andererseits muss man aufpassen, sich von den gesteckten Grenzen nicht zu sehr einengen zu lassen – der Plan geht dann zwar auf, entfaltet dann aber eine Wirkung so fade und zäh wie alter Kaugummi. Also muss man Auflockerungen finden. Agatha Christie hat dieses Problem in ihrem Roman And Then There Were None auf ganz fantastische Weise gelöst, indem sie die zehn bedauernswerten Opfer zwar auf einer abgelegenen Insel (= der isolierte Raum) gefangen hielt, sie dort aber mal im Holzschuppen, mal am Strand, mal auf direkt auf der Terrasse hinterrücks niedermeuchelte.

Solche Lösungen wollte ich mir für die geplante Ich-Erzählung erschließen. Wie macht man das? Wie etabliert man z. B. die zweite Person, die angesprochen wird. Reichen Einschübe wie die Rückfrage „Möchtest du einen Kaffee? Ja? Milch und Zucker? Ah, nur Zucker. Gut, kommt sofort.“ aus?

Aber dazu musste erstmal eine Geschichte her. Worüber wollte ich schreiben? Man kann sich natürlich gezielt die Frage stellen „Worüber möchte ich schreiben?“ und mit Brainstormings nach einem geeigneten Thema suchen. Aber das klappt nicht immer. Es ist wie mit dem verlegten Schlüssel: Je verbissener man ihn sucht, desto geringer kommen einem die Erfolgsaussichten vor.

Manche Dinge lässt man sich besser von selbst ergeben. Es begann an einem Sonntagnachmittag. Ich hatte es mir in meiner Leseecke mit Kaffee und einem beruhigenden Stapel von Büchern kommodig gemacht. In einem Sachbuch über alte Hamburger Gasthäuser aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert weckte ein kurzer Artikel über das damalige „Chinatown Hamburgs“, der Gegend um die Schmuckstraße auf St. Pauli mit ihren asiatischen Restaurants und Spelunken, meine Aufmerksamkeit. Da war von zwielichtigen Gestalten und vermuteten Geheimgängen zu verborgenen Opiumhöhlen und Lagern von Diebesbanden die Rede. Ein schöner Anfang, aber noch nicht genug, um eine ganze Story daraus zu machen. Ich begann zu recherchieren.

Ein paar Tage später hörte ich im Radio, dass in Dänemark die Bemühungen gescheitert waren, das 1960 gebaute Fährschiff Ærøsund weiterhin als schwimmendes Museum zu erhalten. Es sollte stattdessen nun als künstliches Riff für Taucher in der Ostsee versenkt werden, die Versteigerung von Gegenständen wie Maschinentelegraph, Steuerrad, Schiffsuhr und Werftplakette gegen Höchstgebot an Souvenirjäger sollte bald beginnen. Mit Schiffen, deren Schicksal besiegelt ist, kann man mich immer packen.

Geheimgänge, zwielichtige Gestalten, ein Schiff, Nordeuropa, Meer, nicht ganz legale Aktivitäten, jemand, der davon weiß und drüber reden will… Langsam füllte sich meine Stoffsammlung für die Story, doch das gewisse Etwas fehlte immer noch.

Bei Wikipedia stolperte es mir schließlich vor die Füße. Der Anfang war wie immer: Ich wollte einen einzigen Begriff nachschlagen, und durch die vielen Querverweise zu anderen spannenden Themen hatte ich am Ende zwanzig, dreißig Artikel gelesen. In diesem Fall war es die Suche nach der deutschen Synchronstimme von Deborah Kerr in dem 1961er Film Schloss des Schreckens. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass es sich dabei um die wunderbare Marianne Kehlau handelte, klickte ich zur englischen Version des Artikels weiter, landete dann bei dem Artikel zur literarischen Vorlage The Turn Of The Screw von Henry James, bevor ich bei diversen Artikeln über die Entstehung des Genres der Gothic Ghost Story (der viktorianischen Gespenster- oder Schauergeschichte) und dessen Merkmalen endgültig hängen blieb.

Die reinste Goldmine. Plötzlich fügte sich alles zusammen. Ich wusste, worüber ich schreiben würde. Ein paar meiner Zutaten blieben zwar auf der Strecke wie etwa die angeblichen Geheimgänge in den chinesischen Lokalen um die Schmuckstraße, doch ein aufgegebenes Schiff, nicht ganz legale Aktivitäten und eine unerklärliche Begegnung mündeten schließlich in der kurzen Erzählung Das Nebelschiff.

Ich war durchaus zufrieden damit, hatte an diesem Punkt aber noch keine Ahnung, dass damit auch die Reise zu einem kompletten Buch begonnen hatte.

 

Fortsetzung folgt morgen…


* Die eBook-Ausgabe ist bereits seit dem 25. September in den jeweiligen Downloadshops für alle gängigen Reader und Apps erhältlich.

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2 Antworten auf “Aufbruch zu einer Reise”

  1. Es ist erstaunlich, wie man beim Recherchieren immer von Backen auf Mursbacken kommt, und man noch während der Recherche für das eine, Ideen für ein weiteres Projekt sammelt.
    Für Jahre des Hungers habe ich zwei Jahre recherchiert. Damals noch auf die altmodische Art, im Kieler Stadtarchiv. Das Internet gab es in der Art ja noch nicht. Das Einfinden in die Sprache ist dabei auch wichtig gewesen. Ich befand mich schließlich im Vierzehnten Jahrhundert …
    Das Schöne am Schreiben ist dann, wenn man für sich selbst merkt, dass die Geschichte aufgegangen ist, und der noch bessere Moment ist dann, wenn auch Leser das so sehen.
    Ich finde deine Geschichte ist aufgegangen. Danke für die kurzweilen Stunden mit deinem Rummelpott. Schöne Geschichten!
    Viel Erfolg dir weiterhin dafür und auf dass du viele Leser erreichen wirst.

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    1. Tausend Dank für die lieben Worte – und ich freue mich, dass der Rummelpott gefallen hat!

      Und in der Tat: Die Recherche ist ein wahres Wunderland. Obwohl sie – wie ich finde – noch vor dem eigentlichen Schreiben der mühsamste Teil ist, eben weil man teilweise nur klein(st)teilig vorankommt, weil die Quellen bisweilen sehr breit gestreut sind, macht sie mir am meisten Spaß. Man taucht in so spannende Welten ein und bekommt manchmal mehr zusammen als man für das eigentliche Projekt braucht – Wahnsinn. Aber es schärft auch den Blick für das, was funktioniert und welche Dinge man besser sein lässt. Wenn man dann am Ende feststellt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben… unbezahlbar.

      Ich glaube, ich werde dieser Tage mal einen etwas größeren Artikel zu dem Thema schreiben…. 🙂

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