Plomben und Panhas

Was hat eine Kochwurst aus der ländlichen Küche mit einem dentalmedizinischen Füllmaterial zu tun? Ganz einfach: Vor einiger Zeit habe ich hier die Sendung Just A Minute bei BBC Radio 4 vorgestellt. Der im Artikel überspitzt dargestellte Überschwang ist inzwischen (zur großen Erleichterung meines Mannes) abgeflaut, doch ich höre weiterhin täglich eine alte Folge, und jeden Montag kommt ab 19:30 Uhr dank dem BBC Radio 4-Stream im Internet eine neue Folge dazu, wodurch sich mein per se durchaus ansehnlicher englischer Wortschatz enorm erweitert hat.

So fielen mir bei der fast immer verbatim wiederholten Begrüßung und Verabschiedung durch den Moderator Nicholas Parsons zwei Worte auf, die in mir zunächst völlig falsche Assoziationen hervorriefen. Bei aplomb hatte ich in Erwägung gezogen, dass Just A Minute vielleicht von der britischen Zahnärztevereinigung gesponsert wird. Aber die „alte Tante“ BBC ist noch ein bisschen mehr öffentlich-rechtlich als unsere ARD, denn es gibt dort gar keine werbefinanzierten Sendungen. Also fix im Wörterbuch nachgeschlagen. Und – eine echte Überraschung – Aplomb gibt es sogar als Substantiv im Deutschen, und es steht hier wie im Englischen für Gelassenheit oder (Selbst-)Sicherheit.

Auch bei panache trieb ich zunächst in eine völlig falsche Richtung, denn mit dem bei uns als deftige Speise bekannten Panhas hat das überhaupt nichts zu tun. Das englische Wörterbuch kennt Panhas gar nicht, aber Wikipedia übersetzt es mit Balkenbrij und spricht hauptsächlich von der niederländischen Herkunft dieser Delikatesse. Panache wiederum bedeutet schwungvoll oder voller Elan.

In unserer globalisierten Welt kommen inzwischen fast alle irgendwann mit Englisch in Berührung. Mallorca, Hotelpool – man kommt mit dem netten jungen Mann aus Birmingham auf der Nachbarliege ins Gespräch. Am nächsten Morgen sieht er etwas derangiert aus. Höflich fragt man: „Is everything okay?“ Man bekommt ein mattes „Just one over the eight last night“ zur Antwort.

Hä? Acht? Schnell durchforstet man sein Gehirn. Meint er eventuell „Ich hab‘ einen auf die Zwölf bekommen“? Nein, es ist keine Beule zu sehen. Er ist also nicht in eine Schlägerei geraten. Er hat nur etwas arg viel gesüppelt – (mindestens) einen mehr als die acht Pint, die allgemein als akzeptabel gelten.

Solche Worte und Redewendungen bekommt man im normalen Schulunterricht nicht mit auf den Weg! Der englische Wortschatz ist der weltgrößte, und trotzdem sind die meisten Lehrpläne darauf ausgerichtet, uns reines Schriftenglisch beizubringen. Im Deutschen ist es doch genau so: Das Schriftdeutsch lehrt den Satz „Er ist verrückt“ – im täglichen Sprachgebrauch sagen wir aber Dinge wie „Der hat nicht mehr alle Socken auf der Leine“. Und am Ende wundern wir uns, wenn Scharen ausländischer Touristen durch unsere Gärten pilgern und den Bestand an Fußbekleidung auf Vollständigkeit prüfen!

Mit der reinen Schriftsprache kommt man also nicht immer weiter, wenn man irgendwann seinen Weisheitstempel in Richtung große weite Welt da draußen verlässt. Die Sprechsprache sorgt dafür. Ein erweiterter Wortschatz fördert einen bewussteren Umgang mit einer (fremden) Sprache und stärkt das eigene Selbstbewusstsein, sie anzuwenden. Bei den Lehrplanverantwortlichen scheint allerdings nach wie vor die Ansicht zu vorzuherrschen, dass Sprachunterricht vorrangig aus dem Deklinieren unregelmäßiger Verben zu bestehen hat.

Also ist man auf sich selbst angewiesen, und das Radio hat sich da als echte Goldgrube erwiesen. Daher kann ich nur jedem, der seine Wortgewandtheit, seine verbal dexterity aufpolieren möchte, ans Herz legen, gelegentlich mal den kleinen Kasten einzuschalten, aus dem nur Töne und keine Bilder kommen, und die Senderskala auf die BBC auszurichten. Keine Sorge – es gibt dort mehr als nur Just A Minute… 😉

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