Vorgestern – gestern – heute – morgen

KreuzDer 9. November scheint eine ganz besondere Anziehungskraft auf die Zeitläufte zu haben: 1888 ereilte Mary Jane Kelly als vermutlich letztes Opfer von Jack The Ripper ein grausamer Tod. 1913 starben bei einem Blizzard in den USA über zweihundert Menschen.

Am 9. November wurde aber auch im Jahr 1843 das Hamburger Thalia Theater gegründet. 1960 hat die US-Sängerin Connie Francis ihren größten Hit Where The Boys Are aufgenommen, der für die Gays der USA in etwa soviel bedeutet wie Er gehört zu mir für jene hier in Deutschland.

Es ist noch soviel mehr passiert am 9. November – aus gutem Grund wird alljährlich daran erinnert. So zeigt speziell dieser Tag eindrucksvoll, wie an einem einzigen Datum Ereignisse ganz verschiedener Bedeutung und Ausprägung zusammenfallen können.

Am 9. November diesen Jahres nun wurde zum ersten Mal davon gesprochen und von seinen Ärzten in der Öffentlichkeit nicht mehr dementiert, dass der ehemalige Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg sowie Altbundeskanzler Helmut Schmidt am Ende seines Lebenswegs angekommen ist.

Das war vorgestern. Gestern ist Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren verstorben. Eine solche Nachricht muss erstmal sacken, und erst heute wird mir die Tragweite dieses Ereignisses so richtig bewusst.

Die Meinungen, Einschätzungen und Entscheidungen von Helmut Schmidt habe ich nicht immer geteilt. Trotzdem habe ich ihn als beeindruckendes Vorbild empfunden, das den Finger in Wunden gelegt hat, die von anderen gerne ignoriert wurden. Gelobt hat er eher selten, und wenn doch, dann knapp, aber aufrichtig.

Keine Erinnerung an Helmut Schmidt ohne die Erwähnung der Zigarette. Mir als lebenslangem Nichtraucher hat es immer imponiert, wenn er sich sowohl allein als auch gemeinsam mit seiner 2010 verstorbenen Frau Hannelore über Rauchverbote hinwegesetzt hat und damit der beständig zunehmenden Bevormundung „von oben“ entgegengetreten ist, die scheinbar nichts davon hält, erwachsene Menschen ihre eigenen Entscheidungen mit allen Folgen  treffen zu lassen, mit was und wem sie sich umgeben möchten.

Durch diese Konsequenz  auf einem eher privaten Feld war Helmut Schmidt neben seiner beruflichen Leistungen – wie etwa als Hamburger Innensenator bei der Sturmflut von 1962 – der letzte unter den deutschen Politikern, Beobachtern und Chronisten des 20./21. Jahrhunderts, den ich als beeindruckenden Menschen mit einem echten Charakter empfunden habe. Für das Morgen sehe ich eine große Lücke im Weltgeschehen und keinen, der sie ausgleichen könnte.

Helmut Schmidt ist seinen Weg gediegen, aber zurückhaltend, sowie verlässlich, weltgewandt und bisweilen selbstironisch gegangen. Diese Eigenschaften machen den echten Hanseaten aus, und das war er durch und durch.

Ein Hanseat ist auch kein Freund endloser Wortschwälle. Darum hier und heute nun nur noch eine letzte Ehrerweisung mit einem aufrichtigen Danke und dem hamburgischsten aller Abschiedsgrüße:

Tschüß.

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3 Antworten auf “Vorgestern – gestern – heute – morgen”

  1. Jedes Mal, wenn wir ihn in einer Talkshow sahen, blieben wir kleben und legten die Fernbedienung ganz weit weg (denn sie wurde für längere Zeit nicht mehr gebraucht – das wussten wir schon)

    Ein beeindruckender Mann, eine authentische Persönlichkeit. – ein Politiker, dem man gebannt zuhörte. Denn er gab Antworten auf Fragen und keine Ausflüchte.

    Sowas wird fürwahr fehlen, denn sowas gibt’s heut fast nicht mehr.

    Sehr, sehr schade um ihn – doch er wird uns immer in großer Erinnerung bleiben.

    Danke für Deinen schönen Nachruf, Herr Gerrit! 😉

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  2. Man muss nicht immer mit Meinungen konform laufen, um Menschen zu bewundern. Ich war da auch oft nicht gedanklich bei ihm. Und doch ist er für mich der größte Deutsche des letzten Jahrhunderts.
    Umso schlimmer finde ich die Entwicklung auf Facebook, wo mittlerweile (aus dem Zusammenhang gerissene) Zitate von ihm grassieren und für die rechte Ecke genutzt werden …

    Gefällt 1 Person

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