Jäger und Sammler i. R.

Schuld waren die Prämien. Doch ich glaube, das ist nichts besonderes. Die meisten von uns lassen sich gerade davon animieren, einem oder mehreren der diversen Bonussysteme im Einzelhandel beizutreten. Ob bundesweit agierende Ladenkette oder einzige Apotheke im Dorf – überall soll man Punkte sammeln, um am Ende mit irgendetwas für die Kundentreue belohnt zu werden.

Je größer das System, desto größer die Prämien. Das weckt Begehrlichkeiten, darum hatte ich vor einigen Wochen gegen meine Natur und langes Erwehren plötzlich doch so eine Plastikkarte im Portemonnaie. Es ist ja nicht so, als wäre das nicht vorher schon rappelvoll gewesen. Ausweis, Nahverkehrsticket, Bankkarte, Krankenkassenkarte, Jahreskarte fürs Schwimmbad, Organspendeausweis – es sammelt sich so einiges an. Was macht da eine Karte mehr oder weniger schon aus?

Eine ganze Menge. Zumindest bei mir. Ich kaufe nämlich nicht gerne ein. Aber wat mutt, dat mutt, also beiße ich die Zähne zusammen, schnappe mir draußen vor dem Stammsupermarkt einen Wagen, jage durch die Gänge und greife blind in die Regale, um das Gewünschte herauszufischen. Meine Trefferquote dabei ist äußerst zufriedenstellend. Problematisch wird es eigentlich nur, wenn ich in mir fremden Läden einkaufe. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich statt Waschpulver ein Schokomüsli in den Wagen werfe.

Auf Kriegsfuß stehe ich auch frischem Obst und Gemüse beziehungsweise der entsprechenden Abteilung. Plastikbeutel! Man kennt das: Hat man es endlich geschafft, so ein Teil unbeschadet von der Rolle zu bekommen, sucht man die Öffnung. Man kann rubbeln, ziehen, zerren, zärtlich streicheln – dieses verfluchte Sch***-Ding will nicht wie es soll. Erst wenn man schon aufgeben will, tut sich eine Öffnung so winzig wie eine Bleistiftspitze auf. Hat man diese dann so erweitert, dass etwas hindurch passt, hat das hauchdünne Plastik meist einen Riss bekommen und alles fällt wieder hinaus. Meistens sind es Dinge wie Tomaten, die beim Aufprall auf dem Fußboden so richtig schön spritzen. Man hat ja auch nur die weißen Leinenschuhe an.

Krönender Abschluss: Kasse! Am meisten „mag“ ich die Studenten oder Karrieregirls, die bei drei Artikeln und einer Gesamtrechnung von zwei Euro nochwas die unsterblichen Worte deklamieren: „Mit Karte bitte.“ Wer immer auf die Idee gekommen ist, den Mindestumsatz von fünf Euro abzuschaffen, kann nicht ganz dicht gewesen sein!

Jedenfalls wird die Bankkarte gezückt, doch bevor sie im Lesegerät verschwinden kann, wirft die Kassiererin noch ein fröhliches „Sammeln Sie Punkte?“ in die Runde. Also muss diese Karte auch noch gezückt werden, zu der sich ein Papiercoupon mit Barcode für Zusatzpunkte gesellt. Weil dieser aber schon etwas zerknittert ist, will der Scanner ihn nicht lesen, er muss glattgestrichen werden… Aaaaaaaaaaaargh!

Mal ehrlich: Der ganze Kartenzisslaweng ist uns als Zeitersparnis schmackhaft gemacht worden – dabei dauert das alles doch viel länger. Call me old-fashioned, aber ich finde Oma hatte das perfekte System gefunden, mit dem sie zum „Konsumm“ (ganz wichtig das kurze U bei der Aussprache!) genannten co op-Laden gegangen ist: Bargeld auf den Tresen, Kleingeld zurück. Bei entsprechendem Umsatz bekam sie ein paar kleine Fetzen Papier in die Hand gedrückt, die sie auf der Rückseite wie Briefmarken anlecken und dann in ein Sammelheft kleben konnte. Ganz sinnig un suutje. Zuhause. Ohne im Laden den Betrieb aufzuhalten.

Der plietsche Leser ahnt, was passiert ist: Mir ging die Punktekarte ziemlich schnell auf den Geist. Meist habe ich ohnehin vergessen, das Ding vorzuzeigen, oder ich hatte keine Lust es aus dem Portemonnaie zu fummeln. Die Ansammlung von Punkten blieb ergo sehr überschaubar.

Vor ein paar Tagen habe ich tabula rasa gemacht: Punktekonto gekündigt, Karte zerschnitten und weggeworfen. Je schneller eine lästige Hausarbeit vorbei ist, desto besser – die wenigen Male, als hinter mir entnervt aufgestöhnt wurde, weil ich die Punktekarte gezückt habe, werden hoffentlich bald in der Erinnerung verblassen. 😉