Throwback Thursday 2015 – Kopfkino des Jahres

Am dritten Throwback Thursday vor Weihnachten habe ich 2014 meine Fernseh-Events des Jahres vorgestellt. Das war damals schon eine schwierige Angelegenheit, weil ich fast gar kein TV schaue, und in diesem Jahr ist mein Fernsehkonsum noch weiter gesunken. Darum in diesem Jahr der Rückblick auf etwas, das mich ohnehin viel, viel mehr begeistert: Das audiophil getriggerte Kopfkino – oder weniger gediegen geschnackt, Hörspiele. Besonders begeistert haben mich anno 2015 diese hier:

 

Theo Lingen: Eine Minute vor sieben

Mit den Worten „Ich bin Arzt, ich bin kein Detektiv“ beginnt ein Mann seinen Bericht über eine Verkettung merkwürdiger Umstände: Obwohl er keine Schuld trägt, bringt sich der Unglücksfahrer bei einem Autounfall, dem eine junge Frau tödlich verletzt zum Opfer fiel, nur wenige Stunden nach dem Ereignis um. Der Erzähler untersucht die Umstände und macht dabei erstaunliche Entdeckungen.

Fällt der Name Theo Lingen, denken die meisten Menschen an leichte, bisweilen auch seichte Komödien. Doch Theo Lingen war auch ein gefeierter Schauspieler in dramatischen Rollen, unter anderem gehörte er lange zum Ensemble des Burgtheaters in Wien. Auch als Autor und Hörspielsprecher war er sehr erfolgreich, beides verband er 1972 mit seinem Kriminalhörspiel Eine Minute vor sieben, das immer wieder mal auf den Kulturkanälen der öffentlich-rechtlichen Radiosender wiederholt wird. Die Aufnahme geschah spontan, nachdem man mit einer anderen Produktion schneller als geplant fertig geworden war. Aufgrund der Notizen zur Story wurde ein provisorisches Manuskript erstellt, nach dem Lingen dann das komplette Stück als Ich-Erzählung improvisierte.

Eine Minute vor sieben ist ein spannenes Stück Radiogeschichte, denn obwohl das Stück von einem monologisierenden Sprecher getragen wird, schleicht sich zu keiner Zeit Langeweile ein. Im Gegenteil – neben Improvisationstalent Theo Lingens kommt man vor allem in den Genuss einer faszinierenden Auflösung des Rätsels, die nicht nur den Erzähler überrascht, sondern auch den Hörer, die hier allerdings nicht verraten werden soll.

 

Katherine Jakeways: North By Northamptonshire

Rivalitäten bei Talentwettbewerben. Paare, die sich ihre Liebe mit der wohl schlimmsten Version von Serge Gainsbourgs Je t’aime… moi non plus gestehen – weil sie sie selbst singen. Streitigkeiten unter den lokalen Würdenträgern um die Ausrichtung eines Literaturfestivals. Das gibt es wohl in jeder Stadt. Aber um einen Supermarktmanager zu erleben, der sich seinen Jobstress damit erleichtert, dass er Anzügliches über die Sprechanlage seines Ladens verbreitet – dafür muss man schon nach Wadenbrook reisen.

In mittlerweile drei Staffeln mit insgesamt sechzehn Episoden à dreißig Minuen erzählt Katherine Jakeways in ihrer BBC Radio 4-Serie North By Northamptonshire vom Kleinstadtleben in der britischen Grafschaft Northamptonshire. Sowohl die Stories als auch die Figuren sind mit ihrer skurrilen, teils surrealen und doch so lebensnah schlüssigen Ausgestaltung so perfekt, dass man öfter denkt „So eine Type kenne ich auch“ und das vollbeschäftigte Kopfkino noch mehr anheizt.

Zu dem fantastischen Sprecherensemble gehören u. a. Nathaniel Parker (Elizabeth Georges Inspector Lynley) und Penelope Wilton (Isobel Crawley in Downton Abbey), doch es ist vor allem die wunderbare Sheila Hancock (The Rag Trade, Just a Minute, Doctor Who, EastEnders), die als Erzählerin alle Fäden in der Hand hält und mit ihrem knochentrockenen Humor den ohnehin schon großartigen Pointen noch das i-Tüpfelchen aufsetzt.

Ich hoffe sehr, dass BBC Radio 4 bald weitere Folgen produziert.

 

Ingo Sax: Ole Geschichten

Kalli aus Kiel besucht seine Schwester an der Küste des Nordfriesischen Wattenmeeres. Sein Schwager Krischan hat Probleme mit dem Motor seines altersschwachen Kutters, doch Kalli kennt sich mit Maschinen aus und repariert das Ding. Bei einer gemeinsamen Probefahrt mit Krischans Kumpel Heiner begegnen sie im dichten Nebel einem englischen Frachter, dessen Besatzung gerade in Begriff ist, das Schiff zu verlassen. Neugierig nehmen sie den Kahn unter die Lupe. Am nächten Morgen hat die Küstenwache so einige Fragen – vor allem, wo die mehrere Tonnen Kohlen abgeblieben sind, die auf dem havarierten Frachter fehlen. Krischans Antwort ist vage – er hat da mal was gehört, was an der Küste mit so etwas passiert. Was die Leute für altes Recht halten, das lassen sie sich so leicht nicht wegnehmen. Aber das sind „ole Geschichten“…

Dieses in den 1970ern oder 1980ern aufgenommene Radiohörspiel (die Quellen zum Produktionsjahr widersprechen sich) taucht immer wieder als Wiederholung in der Reihe Das niederdeutsche Hörspiel des NDR auf. Den reinen Text könnte man wahrscheinlich in rund zwanzig Minuten runterlesen. Aber Geschwindigkeit passt nicht zu diesem Stück. An der Küste hat man Zeit – das Leben richtet sich nach dem Gezeitenstrom.

Der amüsante kleine Küstentörn tuckert tatsächlich ganz gemächlich wie ein alter Kutter dahin, oder sinnig un suutje, wie es im Norden heißt. Dabei entfaltet sich die Story alles andere als vorhersehbar. Man hat zwar so seine Ahnungen, aber irgendwie kommt doch immer alles ganz anders, was das Ganze spannend und unterhaltsam macht.

Die Figuren sind großartig besetzt – Jochen Schenck und Rolf Nagel als gewitzte Küstenkapitäne überzeugen genau so wie Jasper Vogt als Schwager Kalli, der zwar ein bisschen zur Großstadttype geworden ist, aber doch zu seinen Leuten von der Küste hält, wenn’s drauf ankommt. In Nebenrollen sind unter anderem Christa Wehling, Jürgen Pooch und Karl Otto Ragotzky vom Ohnsorg Theater zu hören.

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