Wie man sich bettet…

Kaum ein Möbelstück symbolisiert die verschiedenen Phasen eines Lebens so wie das Bett. Zuerst einmal fremdbestimmt: Auf meine allererstes Schlafstätte, für gewöhnlich Wiege genannt, kann ich mich aus verständlichen Gründen nicht mehr besinnen. Vom Tag 1 an ist man erst einmal eine ganze Weile umfassend damit ausgelastet, zu futtern, schlafen, wachsen und zu ruhen. Der Aufbau eines Erinnerungsvermögens hat in dieser Zeit nur bedingte Priorität.

Auch das zweite Bett ist nur noch vage auf meiner zerebralen Festplatte präsent – so ein typisches Kleinkinderding in Käfigoptik mit Holzstäben auf beiden Seiten, die verhindern sollten, dass der hoffnungsvolle Spross nachts heimlich türmt. Hat bestens geklappt – ich habe nie herausgefunden, dass in der Mitte dieser Vergitterung drei Stäbe waren, die man über einen höchst einfach zu überlistenden Federmechanismus ausbauen konnte. Meine jüngere Schwester, die das Bett von mir „erbte“, war da deutlich plietscher: Eines Abends tauchte sie zu vorgerückter Stunde freudestrahlend im Wohnzimmer auf, wo meine Eltern mit Freunden in heiterer Runde saßen und auf die Pointe eines nicht ganz jugendfreien Witzes warteten. Es dürfte den Leser kaum verwundern, dass ich die Bürohusche geworden bin, während meine Schwester eine solide Ausbildung im Handwerk absolviert hat.

Bett # 3 war eine ganz geniale Kaufentscheidung meiner Eltern: Schon mit etwa drei bekam ich das, was man ein „Jugendzimmer“ nennt – Kleiderschrank, Sekretär und ein Bett. Letzeres war so groß, dass ich im ersten Jahr quasi quer auf der Matratze pennen konnte ohne rauszufallen. Obendrein war das Ganze ebenso zeitlos-schick wie robust, denn auch wenn die Schränke schon wesentlich eher in die Binsen gingen, hatte ich dieses Bett (vom rückengesundheitlich ratsamen Tausch der Matratzen in regelmäßigen Abständen einmal abgesehen) bis ich fast zwanzig war und zum ersten Mal selbst ein Bett käuflich erwarb.

In diesem Alter kauft man tendenziell eher nach Mode als nach dem, was orthopädisch opportun ist, also kam ein Futonbett in meine Butze. Schick, aber unbequem (was ich selbst unter der für mich schlimmsten Folter niemals zugegeben hätte!), deshalb blieb es auch zurück, als ich fünf Jahre später zu meinem heutigen Mann zog. Der hatte zwar auch ein Futonbett, aber wir waren ja beide noch in dem Alter als man eher nach Mode kauft als nach dem, was… (siehe oben).

Diesem Alter dann irgendwann doch entwachsen, kauften wir uns dann das erste gemeinsame Bett. Das heißt, wir kauften gleich zwei Betten, denn das klassische Beziehungsproblem numero uno hatte auch uns nicht verschont.

Beide Schlafgelegenheiten waren zwar ansehnlich, hatten aber deutlich mehr die Kommodität im Fokus. Mit dem Alter wird man halt ein bisschen bequem. Zumindest schlaftechnisch waren die beiden „jungen Wilden“ also endgültig bürgerlich geworden.

Vor ein paar Tagen nun waren Handwerker im Haus – der Vermieter hatte in seiner Weisheit entschieden, nach zwei Dezennien die Zuleitungen für Kabelfernsehen und Telefon vom Keller in die einzelnen Wohnungen durch leistungsfähigeres Material zu ersetzen. Dazu musste mein Bett von der Wand, denn dahinter lag eine der Anschlussdosen. Da ich keine Lust hatte, das morgens um fünf Uhr zu erledigen (diese Wahnsinnigen hatten sich für halb sieben Uhr angekündigt!), habe ich schon am Tag zuvor alle notwendigen Vorbereitungen erledigt. Das bedeutete, dass ich mein Bett aus Platzgründen nicht benutzen konnte. Also schlief ich in dieser Nacht auf der Gästematratze auf dem Fußboden.

Die Handwerker sind längst wieder weg, mein Bett steht wieder so wie gewohnt. Trotzdem habe ich noch vier weitere Nächte auf der Matratze auf dem Fußboden geschlafen. Es war einfach irgendwie urgemütlich.

Was wollte mir mein Unterbewusstsein bloß damit sagen? „Kollege, du hättest eben doch die Lebensphase ‚Student‘ mitnehmen sollen“????

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