Die Trauer um David Bowie – und um uns selbst

Was für ein Wochenbeginn. Gegen Mittag kam ich wie jeden Montag von meinen vier Stunden Schwimmen nach Hause. Mittagessen, danach ins Arbeitszimmer, Rechner an, meine diversen Internetportale fürs Networking aufgerufen – das übliche Ritual.

Was nicht zum Üblichen gehörte, war die Meldung, dass David Bowie verstorben ist. Was für ein Schock. Am Wochenende hatte ich noch in sein neues Album reingehört und es für durchaus gelungen befunden. Keine achtundvierzig Stunden dann das.

Besonders Facebook ist voll mit Posts, bei denen die User auf ihre ganz persönliche Art und Weise ihre Trauer über diese Mitteilung ausdrücken.

Und wie immer dazwischen auch die Misanthropen, die sich darüber aufregen – ganz besonders in den Kommentaren und Unterkommentaren der großen Nachrichtenportale, die den Tod von David Bowie vermelden. Denn gerade in dieser Masse lässt es sich besonders schön lästern und aufschaukeln, den „RIP-Storm“ und die nun tagelang folgenden Nachrufe verdammen – denn dort lesen ja auch die meisten mit. Wie schön kann man sich da als der Toughe geben, der kein Verständnis für gefühlvollere Menschen hat. Manche Zeitgenossen bepöbeln die trauernden User mit harsch formulierten Empfehlungen, dass man sich wegen eines Promis nicht so anstellen solle und so weiter. Und natürlich wird über die Abkürzung RIP genörgelt, weil die ja nicht deutsch ist. Richtig, sie ist nicht deutsch – sie ist aber auch nicht wirklich englisch, auch wenn es sie dort ebenfalls gibt. Ursprünglich ist sie Latein, und solange an unseren heimischen Schulen weiterhin Latein gelehrt wird – warum sollte man dann die Abkürzung für „requiescat in pace“ nicht verwenden?

Jedenfalls frage ich mich: Was soll das Genörgel? Gut, ihr habt andere Lebensinhalte. Die seien euch auch von Herzen gegönnt und wir respektieren sie – aber dann macht das Gleiche doch bitte mit uns. Kein Grund, in unserer Trauer auch noch auf uns einzudreschen.

Denn der Tod eines Prominenten ist durchaus ein Anlass zur Trauer. Gerade bei Musikern finde ich es völlig und sogar völlig richtig, die eigene Trauer zuzulassen und sie auszudrücken. Unsere Welt mag noch so geplagt und von Zwietracht geprägt sein – eins hat sich bisher glücklicherweise noch nicht verändert: Nichts auf unserem Planeten verbindet so sehr wie Musik und kaum etwas prägt unsere persönlichen Erinnerungen so sehr.

Denken wir mal an ein ganz simples Beispiel zurück. Wie war das denn damals mit den Scorpions und ihrem Wind of Change? Als das Lied begann, sich im Kollektivgedächtnis auszubreiten, war der alte Kalte Krieg, der nach WK Zwo begonnen hatte, noch lange nicht völlig vorüber. Trotz der Hoffnungen weckenden Signale aus Ost und West hatten wir immer noch eine verdammte Scheißangst vor dem Atomschlag. Aber wir spürten: Da ändert sich was, dieses Lied illustrierte es, und wo immer es gespielt wurde, gingen wir alle je nach persönlichem Temperament mit. Manche grölten laut, andere summten nur verhalten. Wichtig ist: Wir haben es gemeinsam gemacht, und dieses Lied – auch wenn wir uns vielleicht inzwischen komplett satt dran gehört haben, weil es einfach zu oft gespielt würde – ist nun nicht nur Teil des Soundtracks jener Jahre, es ist auch Teil unseres ganz persönlichen Soundtracks. Damit sind Erinnerungen verbunden, die uns keiner mehr wegnehmen kann. Außerdem sind die Scorpions noch da und wir können mit ihnen die Erinnerung daran gemeinsam leben.

Nun ist also David Bowie verstorben. Bei ihm – und letztlich allen Promis die uns verlassen haben und noch werden – sind die vielen Beleidsbekundungen gewiss auch dem Musiker selbst gewidmet. Aber stellen wir uns doch auch mal diese Frage: Verleihen wir nicht auch der Trauer um uns selbst einen gewissen Ausdruck? Denn unabhängig von Kollektiverlebnissen wie im oben genannten Beispiel hat jeder von uns auch seine ganz persönlichen Erinnerungen, die zu einem Musiker und seinem Schaffen gehören. Für die einen ist Gloria Gaynors I Will Survive nicht nur eine Discohymne, sondern tatsächlich das Lied, mit dem sie ihre neue Freiheit feiern, nachdem sie endlich den Menschen losgeworden sind, der sie in der Beziehung belogen und betrogen hat. Andere denken bei Connie Francis‘ Il Cielo In Una Stanza an den allerersten Kuss. Ein weiterer hat zum ersten Mal seinen neugeborenen Sohn auf dem Arm, während im Radio All You Need Is Love von den Beatles gespielt wurde. Und ein Paar, das heute achtunddreißig Jahre zusammen ist, hat auf David Bowies China Girl zum ersten Mal miteinander getanzt.

Solange die Musiker hinter den Liedern unter uns sind, sind wir selbst ein bisschen wie Peter Pan. Wenn wir mal genug haben von dem, was sich gerade aktuell abspielt, legen wir eine Platte von ihnen auf, legen DVDs mit ihren Konzerten in den Player und nehmen eine Auszeit in der Ära, die ein bisschen unschuldiger, ein bisschen heiler für uns war.

Doch dann stirbt dieser Musiker. Nicht nur ein Fall für das Fortschreiben der Musikgeschichte, sondern auch für uns ganz persönlich. Ein Teil unserer eigenen Vergangenheit, der bis eben noch lebendig war, ist genau so tot. Die Erinnerungen werden nie wieder ganz genau so wie früher sein – und auch unsere Zukunft nicht. Denn uns ist ganz nebenbei auch noch vor Augen geführt werden, das wir in der großen Reihe, in der alle Menschen stehen, um einen Platz nach vorne gerückt sind. Der Tag, an dem wir selber an der Spitze dieser Reihe stehen, rückt spürbar immer näher. Da braucht man schon einen Moment des Innehaltens und des Verdauens.

Darum mein unbedingtes Plädoyer für die Trauer um einen Prominenten – und der Appell an jene, die damit nichts anfangen können: Eure Meinung sei euch unbenommen. Aber drescht bitte nicht auf die Trauernden ein, haltet euch bitte ein bisschen zurück. Auch für euch gibt es Dinge außerhalb der direkten Familie, um die ihr eines Tages trauern werdet – ein abgerissenes Haus, ein gefällter Baum, ein verlorener Ort, an dem ihr einst glücklich wart, euer ganz persönliches Shangri-La, der Autor, dessen Bücher euch durch eure dunkelsten Stunden geleitet haben, der Schauspieler, der euch mal bei einer Fan-Convention umarmt hat, was weiß ich. Und überlegt euch: Was wünscht ihr euch dann von anderen Menschen, wenn ihr eure Trauer rauslasst? Und wie würde es euch gehen, wenn man sich darüber mokiert?

Na?

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3 Antworten auf “Die Trauer um David Bowie – und um uns selbst”

  1. Trauer um sich selbst … Naja, eher nicht so. Aber was ich dabei dachte: Scheiße, wieder ein Held der Kindheit, ich werde alt.
    Und so ist das für mich auch. Mit den kurzeren Abständen zwischen Einschlägen um einen herum, und sei es „nur“ dass ein Musiker stirbt, der einen gefühlt ewig begleitet hat, realitsiert man (ich) die eigene Vergänglichkeit. Ich war auch kurz ins Mark getroffen. Das darf auch so sein! Das macht Menschen menschlich. Egal, ob es ums reale Leben geht, oder ums virtuelle.
    Was den Rest angeht: Lass`sie labern. Nur wundern und nicht ärgern …

    Gefällt 2 Personen

  2. Jetzt habe ich mir zum xten Mal das letzte Video „Lazarus“ angesehen… und auch „Blackstar“.
    Es ist unglaublich, wie David Bowie seinen Tod inszeniert hat – als wunderschönes Kunstwerk.

    Wow.
    Sowas habe ich noch nicht gesehen und ich bin völlig geflasht, *wie* eindrucksvoll Kunst sein kann. Und wie man seinem künstlerischen Vermächtnis in ein *so* schönes Finale bettet.
    Große Hochachtung vor diesem visonären Menschen.

    Gefällt 1 Person

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