Entschuldigung, aber ich habe keinen blassen Schimmer

Nothing Compares 2 U gesungen zur Melodie von Tulpen aus Amsterdam – mal abgesehen davon, dass dieses Lied meiner bescheidenen Meinung nach durch diese Veränderung unheimlich gewinnt, ist es auch eine herrlich bescheuerte Idee für ein Spiel, die gar nicht so einfach umzusetzen ist. Versucht mal A Whiter Shade Of Pale auf die Titelmelodie der Muppet Show zu singen…

Graeme Garden, Barry Cryer und Tim Brooke-Taylor, drei britische Komödianten, haben es in vierundvierzig Jahren allerdings zur Perfektion in dieser Disziplin gebracht. Ein Lied zur Melodie eines anderen, oder im Original One Song To The Tune Of Another, war das allererste Spiel der Radioshow I’m Sorry I Haven’t A Clue (ISIHAC), als diese bei BBC Radio 4 erstmals auf Sendung ging.

Ihr ahnt es: Ich hab‘ mal wieder einen Radioschatz gehoben…

Anno 1972 gab es viele Spielshows im englischen Radio – zu viele, wie einige Comedians dachten, worauf sie die Parodie I’m Sorry I Haven’t A Clue ersonnen und mit dem Slogan The Antidote To Panel Games (Das Gegengift zu Spielshows) auf Sendung brachten. Fast alle Sendungen jener Ära, die mit ISIHAC parodiert werden sollten, sind verschwunden – lediglich das an anderer Stelle vorgestellte Just A Minute und eben I’m Sorry I Haven’t Clue sind übriggeblieben und haben Kultstatus. Zu Anfang wurde ISIHAC im Paris Theatre in London aufgezeichnet, einem ehemaligen  Theater mit weniger als 400 Plätzen, das für die altehrwürdige BBC zum Aufnahmestudio für Panelgames und Sitcom umgebaut worden war, doch seit einer ganzen Weile geht man auf Tournee durch England, wo die sechs Aufzeichnungen pro Jahr (zu zwölf Sendungen geschnitten) in Theatern und Hallen mit bis zu 1.500 Sitzplätzen stattfinden. Sobald die Termine für diese Veranstaltungen und die Gaststars wie Sandi Toksvig, Omid Djalili, Rob Brydon oder Jeremy Hardy zur Unterstützung der „Regulars“ bekanntgegeben werden, sind die Tickets oft schneller vergriffen als die für Konzerte von Musikgrößen wie Adele.

I’m Sorry I Haven’t A Clue ist im Grunde purer Nonsens: Keine der Spielrunden ergibt einen Sinn, es werden keine Punkte vergeben, und am Ende gibt es auch keinen Sieger. Trotzdem gibt es eine Punktefee, die „ever delightful Samantha“. Man wird Samantha allerdings nie zu hören bekommen – weil es sie nicht gibt. Der Moderator (von 1972 bis zu seinem Tod 2008 war es die Jazzlegende Humphrey Lyttelton, seitdem ist es der Comedian Jack Dee) spricht nur in der dritten Person über sie als angeblich Anwesende, und das Live-Publikum bekommt einen leeren Stuhl zu sehen.

Der Humor ergibt sich also aus dem Bruch mit sämtlichen Regeln des Genres in Kombination mit absurden Spielrunden, virtuosem Wortspiel, eindeutigen Zweideutigkeiten, etwas Political Incorrectness und einer gehörigen Portion Albernheit. Letzten Endes ist das Ganze ein Kindergeburtstag für Erwachsene.

Das Spiel One Song To The Tune Of Another wurde bereits erwähnt und gehört zu den Spielen, die nie fehlen dürfen, sonst ist das Publikum verstimmt. Ebenso The Uxbridge English Dictionary, eine Parodie auf das berümte Wörterbuch aus Oxford. Die Idee ist, dass Wörter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verändern können. Wir kennen das aus dem Deutschen: War geil früher ausschließlich sexuell konnotiert, bedeutet es heute auch toll, super. Das Uxbridge English Dictionary schlachtet das Ganze humorvoll aus: early (früh) soll für rather like an Earl (ein bisschen wie ein Graf) stehen. Das ist übrigens eines der wenigen Beispiele, die auch als geschriebenes Wort funktionieren. Die meisten bauen auf eine unkorrekte Aussprache, z. B. falsche Betonung. Metronome (Metronom) etwa wird als Metro Gnome interpretiert und damit zum Gartenzwerg (Garden Gnome), den man in der U-Bahn (Metro) findet…

Hinzu kommen eine ganze Reihe unregelmäßig gespielter Runden, die noch schwieriger zu erklären sind als die genannten, und selbst da funktioniert es ja nicht so richtig. Darum mein Tip: Selber hören! Die aktuelle Staffel ist zwar gerade zu Ende gegangen, aber es gibt ja Mediatheken.

Zugegeben, anders als Just a Minute, mit dessen Hilfe viele Menschen auf der Welt ihr Englisch nicht nur aufpolieren, sondern es sogar erst erlernen, setzt I’m Sorry I Haven’t A Clue nicht nur ein Faible für schrägen englischen Humor voraus, sondern auch einen Wortschatz, der es ermöglicht, englisch zu denken. Aber dann sollte man die Sendung mit Genuss hören. Am besten im tiefsten Wald. Oder auf einer einsamen Insel. Dann braucht man hinterher wenigstens niemandem zu erklären, warum man so hysterisch gelacht hat.

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