Im Schlüpfer vor die Kamera

„Und zieh immer frische, ordentliche Unterwäsche an, wenn du aus dem Haus gehst. Du könntest einen Unfall haben!“

Was sich heute vollkommen bescheuert anhört, klang auch früher schon nicht besser, aber es war nichtsdestotrotz ernst gemeint.

Hygiene ist natürlich eine wichtige Selbstverständlichkeit, aber man kann es auch übertreiben. Nicht nur in altmodischen Romanen à la Hedwig Courths-Mahler,  auch in so manch echter Familienchronik gibt es Berichte über altjüngferliche Tanten, die frisch gewaschen und ebenso eingekleidet zum Decken des Frühstückstischs erschienen, um nur zehn Minuten später nach dem Platzieren der Blumenvase als letztem Dekotouch wieder in privatesten Gemächern zu verschwinden, weil sie vor Erscheinen des gestregnen Herrn Gemahls noch aus dem Haus mussten, um für ihn die tägliche Zigarre aus dem Tabakladen von Herrn Wie-auch-immer-er-geheißen-haben-mag zu holen. Fußweg hin und zurück inklusive kurzem Plausch mit Frau Tabakladenbesitzerin: Fünfzehn Minuten. Unterwäschetechnisch aber wichtiger als eine Weltreise, also musste sich nochmal komplett umgezogen werden.

Für diese Personen wog die Vorstellung, man könne sie, von einem rüpelhaften Radfahrer umgenietet, in einem Unterleibchen von der Straße auflesen, auf dem sich ein vorwitzig von der Vase gefallenes und zuerst durch den Blusenstoff gedrungenes Wassertröpfchen niedergelassen hatte, viel schwerer als die Furcht vor einer fröhlich vor sich hin suppenden Platzwunde. Zum Kuckuck mit der völlig zerrissenen ehemals weißen Bluse, die nun im wahrsten Sinne des Wortes blutrot war. Auf die Unterwäsche kam’s an.

Der taktvoll angebrachte Hinweis, dass a.) die Chance eines solchen Unfalls zwar bestand, aber doch eher gering war, und b.) eine Rettungskraft im Fall eines Falles nun wirklich andere Prioritäten hatte als den Zustand der Kleidung überhaupt zu prüfen, geschweige denn der Unterwäsche, konnte Tantchens Meinung nicht erschütern.

O-haue-ha! Ich muss gerade an die vielen Security-Kameras denken, die einem überall begegnen. Unsereinem passiert es ja doch schon mal, dass er mit einem vergessenen Tupfer Erdbeermarmelade vom Frühstücksrundstück am Mund zum Geldautomaten geht. Nach einem solchen Fauxpas hätte Tantchen von einst sich nie wieder auf die Straße getraut – nicht nur, dass wildfremde Menschen auf der Straße sie gesehen hätten, das Ganze wäre in der Bank auch noch gefilmt und für die Ewigkeit festgehalten worden.

Gut, dass sie die Nacktscanner am Flughafen nicht mehr miterleben muss…

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