Ein Plädoyer

„Ein Selfie machen – welch ein trauriges und tragisches Bild dies heraufbeschwört: Dass man keinen Freund hat, der das Foto von einem macht (Taking a selfie – how sad and tragic an image this conjures up: That you haven’t got a friend to take your photograph for you.)“

Gestern stieß ich auf dieses Zitat der britischen Dichterin Pam Ayres (* 1947) und wurde nachdenklich. Es heißt, wir können den Menschen immer nur vor den Kopf schauen, aber nicht hinter die Fassade. Können wir in dem gleichen Maße nicht auch nur auf den Bildausschnitt des Selfies schauen?

Letztes Jahr sah ich an den Landungsbrücken in Hamburg eine junge Frau. Sehr attraktiv. Ihre Kleidung, ihre Frisur, ihr Makeup, ihre Handtasche ließen den Schluss zu, dass sie im Grunde alles hatte, was man sich in so jungen Jahren wünschen kann. Sie stand an dem neuen Teil der Hafenpromenade – dort, wo auf Höhe der Cap San Diego eine Aussichtstreppe in Form eines Amphitheaters gebaut wurde. Sie sah lange auf den Strom hinaus. Dann griff sie in ihre Tasche, holte ein Smartphone und einen Selfiestick hervor, baute alles zusammen und machte dann Selfies. Sie lächelte, sie grinste, sie winkte, sie machte ein „Duckface“, sie stellte witzige Verrenkungen an. Sie musste über eine gewisse Routine mit dieser Art der Fotografie verfügen, denn sie wechselte die Posen so schnell und perfekt wie ein Model vor der Kamera eines Profifotografen. Als sie fertig mit dieser kleinen Fotosession war, baute die Stellage wieder ab, verstaute alles in ihrer Tasche und ging davon. Auf ihrem Gesicht lag ein so eindringlicher Ausdruck von Einsamkeit, dass es im Gedächtnis haften blieb.

In den folgenden Tagen achtete ich hin und wieder genauer auf die Menschen, die Selfie machten. Egal, was diese Menschen auf ihren Selfies machten – das übliche verlegene „Gruß aus ____“-Lächeln, übermütige Fratzen, der romantische Gruß an den Lieblingsmensch: In dem Moment, in dem die digitale Momentaufnahme auf den Smartphone-Chip gebannt wurde, entstand eine kurze, aber doch greifbare Aura von Einsamkeit. Selbst bei Pärchen und Gruppen war das so.

Die Hoheliedsänger auf die moderne Kommunikation und vor allem ihre Gerätschaften betonen immer wieder, dass all dies die Menschen zusammenbringt. Ich glaube nicht daran.

Was habe ich davon, mein soeben gemachtes Foto auf elektronischem Wege an irgendwelche Empfänger zu verschicken? Klar, sie sehen es sofort – aber die Nähe, die es einmal gegeben hat, als man mit seinen Papierabzügen aus dem Fotolabor nach Hause gekommen ist und sie sich dann im Kreise lieber Menschen gemeinsam angeschaut und das Erlebte über erzählte Erinnerungen noch ein zweites Mal zum hautnahen Geschehen wurde, gibt es nicht mehr. Mit dem Smartphone teilt man einen Moment – und ist doch allein.

Im Übrigen – beginnt die Einsamkeit nicht sogar schon mit der Aufnahme des Selfies? Sendet man mit dem Smartphone in der ausgestreckten Hand, dem wie ein Ritterschild hochgehaltenen Tablet oder – noch schlimmer – dem Smartphone im Selfiestick nicht das Signal „Abstand halten – komm mir nicht zu nahe!“ an die Umgebung? Machen wir nicht klar, niemanden an uns heranlassen zu wollen? Isolieren wir uns nicht?

Mit den Geräten, die ausschließlich Kamera sind, ist es doch irgendwie anders. Man steht da, sieht sich um. Man entdeckt einen Menschen, der zumindest äußerlich einen gewissen Sympathiefaktor ausstrahlt. Über einen Blick, ein Lächeln baut man Kontakt auf. Man spricht diesen Fremden an: „Entschuldigung – könnten Sie bitte ein Foto von mir und meinem Mann vor dem Jenisch-Haus machen?“ – „Aber gerne doch.“

Man übergibt die Kamera, erklärt kurz die Grundfunktionen. Es macht klick. Vielleicht kommt danach das Angebot „Noch eins – um ganz sicher zu gehen?“, das man mit „Das wäre sehr freundlich, gerne.“ beantwortet. Es macht noch einmal klick. Dann wird die Kamera zurückgegeben, man bedankt sich, man wünscht sich gegenseitig einen weiterhin schönen Tag, dann geht man seiner Wege. Es ist nur eine kurze Begegnung, nicht einmal fünf Minuten. Doch für diese kurze Zeit hat man mit einem Menschen, den man noch nie gesehen hat und wahrscheinlich auch nie wieder sehen wird, eine Nähe aufgebaut, und für einen Moment hatte man diesen von Pam Ayres so vermissten Freund, der das Foto von einem macht. Eine Begegnung, von der vielleicht auch erzählen werden, wenn wir unsere Lieben später bei Kaffee und Kuchen die Papierabzüge der Fotos von unserer Reise zeigen.

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8 Antworten auf “Ein Plädoyer”

  1. Ja, ich finde Selfie-Macher*innen nicht nur in dieser Hinsicht irgendwie trautig. Persönlich zeige ich meine Bilder auch lieber nach dem Urlaub bei Wein oder Cocktails rum – ist am Ende kommunikativer als egal wie viele Likes bei Facebook. (Und der Datenkrake hat keine Fotos.)

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    1. Genau. Mit einigen ganz besonders wertvollen Fotos mache ich mir auch immer noch die altmodische Mühe, sie in ein Fotoalbum zu kleben und ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Ein Buch von Franca Magnani heißt nicht umsonst „Wer sich erinnert, lebt zwei Mal“…

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  2. und genau deshalb habe ich in meinem Leben nur zwei Selfies von mir selbst gemacht! A) Ich brauche keines und b) ich habe kein Talent dafür. Ich bin mehr so der analoge „Ich-frage-mal- nach“-Typ c) Selfie-Sticks nerven und tun weh… besonders wenn man sie gegen die Schläfen gerammt bekommt.

    Ehrlich gesagt finde ich allerdings auch die Menschen schlimm, die mit ihrem iPad fotographieren oder filmen. Man sieht im Theater nichts mehr, geschweige denn im Museum!

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    1. Schrecklich, diese Pads, oder? Nicht nur, dass das bescheuert aussieht, ich finde so ein dünnes Ding auch entsetzlich unhandlich. Man kann es gar nicht vernünftig halten und muss ständig aufpassen, dass es nicht runterfällt. Bei einer Kamera hat man wenigens richtig was in der Hand.

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      1. Ich finde es sieht lediglich eifach unheimlich dämlich aus… Gegen das „nix“ in der Hand, gibt es hervorragende Hüllen, die allerdings wiederrum nur bei den Handys funktionieren. So gesehen… Pads sind zum fotographieren tierisch dämlich

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