Der Welthit aus dem Treppenhaus

Am Anfang stand ein Misserfolg. Genau wie der Eurovision Song Contest ist das alljährliche San Remo Festival eigentlich ein Komponistenwettbewerb, auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung die Sänger größere Aufmerksamkeit genießen.

Um die tatsächlichen Regeln zu unterstreichen, war es in den 1950ern und 1960ern gebräuchlich, jeden Beitrag zweimal zu präsentieren – durch zwei verschiedene Künstler, von denen jeder ein eigenes Orchesterarrangement für den vorgesehenen Song geschrieben bekam. Zu jener Zeit war San Remo auch der nationale Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, der Siegertitel würde Italien automatisch beim großen europäischen Musikwettbewerb vertreten.

Nachdem San Remo 1958 und 1959 die beiden Welthits Volare und Piove (Ciao, ciao bambina) hervorgebracht hatte, war es nach und nach Brauch geworden, eine Version von einem einheimischen Künstler vortragen zu lassen, während für die zweite Version ein ausländischer Gastkünstler eingeladen wurde. So fanden Stars wie Peggy March, Françoise Hardy, Cher, Dionne Warwick, Marianne Faithfull, Dalida, Mary Hopkin und sogar Louis Armstrong den Weg in die Stadt an der Riviera, um italienisch zu singen, bis man Anfang der 1970er Jahre wieder dazu überging, ausschließlich italienische Künstler auftreten zu lassen.

1965 war ein besonders spannendes Jahr. Nie zuvor und auch nie wieder danach waren soviele hochkarätige internationale Gastkünstler gleichzeitig bei Italiens wichtigstem Musikereignis versammelt. Unter anderen waren aus den USA Connie Francis, Gene Pitney, Timi Yuro, The New Christy Minstrels und Johnny Tillotson eingeladen, aus Großbritannien waren Petula Clark, Anita Harris und Kiki Dee angereist, aus Österreich war Udo Jürgens eingetroffen, Madagaskar hatte seine vor allem in Frankreich und Kanada erfolgreiche Gruppe Les Surfs geschickt, und mit Yukari Ito hatte man sogar einen von Japans größten Stars gewinnen können. Zu den eingeladenen italienischen Stars zählten Nicola di Bari, die Vorjahressiegerin Gigliola Cinquetti, Bobby Solo, Ornella Vanoni, Wilma Goich, Betty Curtis und Milva.

Außerdem hatte man die Britin Dusty Springfield eingeladen. Mit Tu Che Ne Sai und Di Fronte All‘ Amore brachte sie gleich zwei Titel in den Wettbewerb ein. Doch weder ihre Versionen noch jene ihrer beiden Teampartner Gianni Mascolo und Fabrizio Ferretti konnten die Punktrichter überzeugen, so dass beide Lieder es nicht aus der Vorrunde in das große Finale am 30. Januar 1965 schafften.

Etwas mehr Glück hatten Pino Donaggio und die amerikanische Countrysängerin Jody Miller: Ihr Song Io Che Non Vivo Senza Te schaffte es immerhin ins Finale, musste sich allerdings mit dem 7. Platz zufrieden geben. Auch die spätere Platzierung in den italienischen Charts war eher mittelmäßig. Donaggio trat danach nur noch selten als Sänger in Erscheinung, wurde dafür jedoch als Filmkomponist umso erfolgreicher. Jody Miller konzentrierte sich nach einem kurzen Ausflug zum deutschen Schlager wieder ausschließlich auf Country Music.

Falls das Ausscheiden in der Vorrunde für Dusty Springfield nach den Erfolgen, die sie in Großbritannen und den USA mit Songs wie I Just Don’t Know What To Do With Myself oder Losing You und der französischen Coverversion Je Ne Peux Pas T’en Vouloir feierte, ein Riesenschlag für sie gewesen war, ließ sie es sich nicht anmerken. Schon bald konnte sie mit der Carole King-Komposition Some Of Your Lovin‘ den nächsten von noch vielen weiteren Erfolgen feiern, und ihre beiden italienischen Songs ließ sie einfach hinter sich. I Will Always Want You, die englische Version von Di Fronte All‘ Amore, blieb fast dreißig Jahre unveröffentlicht.

Dennoch hatte sie etwas Positives aus San Remo mitgenommen: Die eindringliche Melodie von Io Che Non Vivo Senza Te und das dramatische Arrangement der Version von Pino Donaggio. In den folgenden Monaten plante sie immer wieder die Aufnahme einer englischen Version. Den englischen Text wollte sie selber verfassen, doch es blieb bei dem Wunsch. Es heißt, irgendwann soll ihre Managerin Vicki Wickham ungeduldig gesagt haben: „Dann mache ich es eben.“ Worauf Dusty ihr zur Inspiration eine Platte mit dem italienischen Original gegeben haben soll, verbunden mit dem freundlichen Hinweis, dass es nicht mehr lange bis zum geplanten Aufnahmedatum sei.

Vicki Wickham begann mit der Arbeit – und fand das Resultat genau so scheußlich wie Dusty Springfield selbst. Darauf bat Wickham ihren Freund Simon Napier-Bell (der später Produzent von u. a. Wham, Ultravox und der russischen ESC-Teilnehmerin Alsou werden sollte) um Hilfe. Doch auch gemeinsam kam man nicht richtig voran. Die endgültige Fassung des englischen Textes für Io Che Non Vivo Senza Te war dann auch wirklich nicht das, was alle Beteiligten sich erhofft hatten. Doch das Instrumentalplayback war aufgenommen, das Tonstudio reserviert – man beschloss, mit dem zu arbeiten, was man hatte, und das Beste daraus zu machen.

Das produktive Zentrum von Dusty Springfields Plattenfirma lag in einer ruhigen Seitenstraße in der Nähe des Londoner Hyde Park. Von außen war es ein ganz normales, für die Gegend typisches dreistöckiges Reihenhaus mit weißem Anstrich und von Säulen getragenem Vordach, dem man nie angesehen hätte, dass es einen Keller gab, der groß genug war, um neben dem Regieraum mit mehreren Mischpulten auch ein riesiges Aufnahmestudio mit Platz für ein bis zu fünfzig Mann starkes Orchester zu bieten. Ein solches war auch nötig, um das mächtige opernhafte Intro für den geplanten Song effektvoll aufnehmen zu können.

Während der Aufnahmesession klagte Dusty Springfield über den schlecht justierten Echoeffekt, worauf ein Tontechniker aktiv wurde. Eher nebenbei bemerkte er, wie gut das natürliche Echo im Treppenhaus des Studiokomplexes sei. Wenig später ließ Dusty Springfield vom oberen Treppensabsatz ein Mikrophon hinab, bis es auf Kopfhöhe hing, und dort nahm sie die endgültige Fassung dieses Liedes auf.

Dusty Springfield gab die Performance ihres Lebens und legte alle Emotionen, von denen ein Mensch nach einer vergangenen Liebe ergriffen werden kann, in dieses Lied. Sechzehn Tage nach dem Aufnahmedatum wurde das Lied (genauer: der 53. von insgesamt 59 Takes) als A-Seite einer Single veröffentlicht und erreichte bald darauf Platz 1 in Großbritannien, Platz 4 in den USA und die Top Ten in zahllosen anderen Ländern. Unzählige Coverversionen u. a. von Brenda Lee und Elvis Presley sollten folgen.

Heute, am 9. März 2016, ist es genau 50 Jahre her, dass Dusty Springfield ihren größten Erfolg You Don’t Have To Say You Love Me aufgenommen hat – in einem Treppenhaus. Anlass genug, an dieses kleine Stück Musikgeschichte zu erinnern.

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