In the year 2087

Gestern und heute – in weiter Ferne so nah. Vor einigen Jahren war ich nach einem beruflichen Meeting auf dem Heimweg. Bonn, München, Hamburg, Frankfurt, Köln, Bremen, Hamm, Lübeck – ich weiß gar nicht mehr genau, in welcher Stadt das war. Aber eine von diesen wird es gewesen sein, weil ich zu jener Zeit dort oft dienstlich unterwegs war.

Jedenfalls führte der Weg zur Straßenbahnstation an einer großen Reklametafel vorbei. Sie zeigte ein Plakat, das den gelben Fahrplänen glich, wie wir sie von jedem Bahnhof kennen. Doch es war keine heitere Fahrt mehr Bus und Bahn-Werbung, auf der scherzhaft Abfahrtzeiten wie 16:30 – Nach Hause – Gleis 1 standen. Vielmehr waren dort Daten zu lesen, zu jenen zwischen 1933 und 1945 vom Bahnhof dieser Stadt aus Transporte in die verschiedenen Konzentrationslager abgingen. Das las sich dann ungefähr so: 12.05.1942 – Dachau – Gleis 2. 14.08.1943 – Auschwitz-Birkenau – Gleis 1. 14.08.1943 – Theresienstadt – Gleis 2. 14.08.1943 – Neuengamme – Gleis 3. 15.06.1943 – Majdanek – Gleis 1…

Ich spürte einen ziemlichen Kloß im Hals, denn die Verbindung dieser schon einige Zeit zurückliegenden Daten in Verbindung mit etwas, das für viele von uns im Hier und Jetzt zum täglichen Leben gehört, machte mir klar, wie wenig Zeit seit dem Dritten Reich vergangen ist. Als wäre es gestern gewesen.

Moment mal. Als wäre es gestern gewesen? Nein. Als wäre es heute. Jawohl, HEUTE!

Gleicht vieles von dem, was wir dieser Tage erleben, nicht dem, was wir aus den Geschichtsbüchern kennen – oder sogar aus eigenem Erleben, wenn wir alt genug sind? Brandanschläge? Der von jedem Sinn und Verstand entfernte Mob in den Straßen? Der Aufruf von „Politikern“, die in Zukunft regieren wollen, zu Gewalt gegen Menschen, die nichts anderes als Menschen sind? Alles schon mal dagewesen, und es hat nicht gut geendet.

Dieser Tage kommt mir vor allem das genannte gelbe Plakat in den Sinn. Das letzte Datum darauf war vom Frühjahr 1945, kurz vor dem Tag der Befreiung am 8. Mai. Seitdem sind 71 Jahre vergangen. Im Jahre 2087 werden 71 Jahre seit 2016 vergangen sein. Ob dann wohl wieder Plakate hängen? Die mahnend an ein Unheil erinnern, das Mitte der 2010er Jahre seinen Lauf nehmen konnte, weil wieder niemand dagegen aufgestanden ist, weil zu viele weggeguckt haben, zu faul waren, ins Wahllokal zu gehen und Demokratie, Freiheit und Individualität mit zwei einfachen Kreuzen zu schützen, und die nun behaupten, nichts gewusst zu haben?

Welche Daten werden auf diesen Mahnplakaten stehen? Die Brände von Flüchtlingsunterkünften? Der Tag, ab dem bestimmte Menschengruppen wieder ein Erkennungszeichen tragen mussten und sie damit in aller Öffentlichkeit zu Freiwild wurden, das man demütigen und foltern dürfte? Der Moment, in dem die Freiheit aller per Erlass wieder so beschnitten wurde, dass freie Rede erneut zum tödlichen Risiko wurde? Das Datum, an dem der erste verzweifelte Flüchtling an der Grenze erschossen wurde, weil eine krude, menschenverachtende Gesetzgebung das so wollte?

Leute, nicht nochmal!

Wir alle können etwas tun!

Und es ist so einfach.

Nicht jeder hat die Gabe, Texte zum Thema zu schreiben.

Nicht jeder hat die Chuzpe, auf eine Demonstration für Freiheit, Demokratie, Solidarität und Menschlichkeit zu gehen.

Aber jeder kann sich für Demokratie und Freiheit entscheiden.

Indem er wählen geht.

Geht schnell, ist anonym und kostet nichts.

Also, Leute: Geht wählen.

Wählt weise.

Schon nach 1945 hat die Behauptung, von nichts gewusst zu haben, nicht wirklich funktioniert. Im Jahr 2087 wird das noch viel weniger der Fall sein…

 


 

 

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade Schreiben gegen Rechts von Anna Schmidt aus Berlin. In ihrem Blog Bunt und farbenfroh gibt es neben mehr Infos zur Blogparade zahlreiche Links zu weiteren spannenden Wortmeldungen zum Thema.

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7 Antworten auf “In the year 2087”

  1. Lieber Gerrit, ich war mir die ganze Zeit sicher, dass ich irgendwann hier einen wunderbaren Beitrag zur Parade von dir finden werde! Und nun ist er tatsächlich so, wie ich erwartet hatte – klar, hart, nüchtern und sehr nachdenklich stimmend. Mir graust vor dem, was du beschreibst und ich hoffe, dass wir „Der Moment, in dem die Freiheit aller per Erlass wieder so beschnitten wurde, dass freie Rede erneut zum tödlichen Risiko wurde?“ niemals wieder erleben müssen! Dankbare Grüße von Anna

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  2. Lieber Gerrit, ich bin über Annas Blog auf Deine Seite gestoßen. Das Schreiben gegen Rechts hat mich mobilisiert, ich lese und lerne. Deine Vision, die aufgezeigte Parallele zu unserer unsäglichen Geschichte ist es, die in unseren familiären Diskussionen zur aktuellen Politik immer eine Rolle spielt. Wie oft fielen dabei schon die Worte, das hatten wir doch alles schon einmal. Oft ängstigt und sorgt es uns, dass dies keiner zu sehen scheint, aber weit gefehlt, Du hast es auf den Punkt gebracht. Ich hoffe, das viele Menschen Deinen Text lesen! Liebe Grüße, Inga

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    1. Herzlich willkommen hier beim Wortgepüttscher und vielen Dank für die freundlichen Worte. Es wäre in der Tat schön, wenn dieser und natürlich alle Texte zu Annas Blogparade gelesen würden. Wenn dann auch noch bei jenen auf dem falschen Weg ein Umdenken einsetzte, wäre das natürlich wunderbar.

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