Wenn du geschwiegen hättest…

Mütter! Ihr habt gewonnen! Ich strecke die Waffen, und euer zufriedenes Grinsen beim Lesen dieses Artikels tragt ihr ebenso zu Recht wie das „Haben wir doch immer schon gesagt“, das gleichzeitig wie ein Newsticker durch ihre Gedanken zieht.

Denn ja, ihr habt es in der Tat schon immer gesagt – nur haben wir Onkel im Allgemeinen und wahrscheinlich wir schwulen Onkel im Besonderen das immer gerne ignoriert. Denn schließlich haben wir uns eingebildet, uns in diese ganz besondere Situation hineinfinden zu können. Die Schwierigkeit der Auswahl, die wohl überlegt sein will, denn schließlich hat man etwas ganz Besonderes vor, und da muss alles perfekt stimmen. Was ihr Mütter je nach Temperament und Erfahrungsschatz als „schwierig“, „zickig“ oder sogar „unausstehlich“ diagnostiziert, ist für uns Onkel nur das Zeichen einer Entscheidung, die jenseits jeden Zweifels getroffen werden muss. Fehler sind nicht zugelassen, und darum dauert es schon mal länger als, bis man sich entschieden hat. Eigentlich solltet ihr dankbar sein, dass man sich solche Gedanken macht.

Euer mütterliches „Ich werd‘ noch wahnsinnig!“ angesichts dieser Sorgfalt tun wir (schwulen) Onkel spöttisch lächelnd als maßlos übertrieben ab. Wir sind ja sooooo verständnisvoll. Bis zu dem Tag, an dem wir unsere große Fresse unseren unerschütterlichen Optimismus unter Beweis stellen müssen.

Dann stellt sich nämlich heraus dass das Gelaber des Onkels ist kein Zeichen von Verständnis, sondern völliger Ahnungslosigkeit ist. Sic tacuisses philosophus mansisses!*

So geschehen heute. Ich habe mich bekehren lassen müssen. Auf die harte Tour. In hundertachtzig Minuten bin ich um ebenso viele Jahre gealtert. Und darum hisse ich nun die weiße Fahne.

Ach so – vielleicht sollte ich noch rasch sagen, was mich zu dieser Erkenntnis gebracht hat. Ich war heute zum Shopping. Ein Konfirmationskleid. Mit meiner Nichte und für dieselbe. Einem dreizehnjährigen weiblichen Teenager. In der Pubertät.

Noch Fragen?!

 


* lat: Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben

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14 Antworten auf “Wenn du geschwiegen hättest…”

  1. Ich verkaufe derartige Kleidung, und ich hab sie alle erlebt Opas, Omas, Väter, Mütter, Tanten und auch Onkel. Ob da schwule bei waren … Egal. Am Ende gewinnt immer, ausschließlich immer die pubertierende Teenagerin.
    Ganz harter Tobak 😀

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      1. Jaaaaa! Ich muss so oft in mich hineinschmunzeln. Erst gestern wieder. Vater wollte das Schwarze, Tochter das Rote. Es wurde das Rote, nachdem die junge Dame alle schwarzen anprobierte, die Vater an ihr sehen wollte.
        Ich bin froh, dass wir Ballkleider absehbar aus dem Sortiment nehmen. Geht mir zwar der eine oder andere Schmunzler abhanden, aber auch der Stress. Schnür die jungen Damen mal immer alle in den Zwirn, und erzähle ihnen, warum die 36 wirklich nicht passen kann, wenn man Konfektionsgröße 40 hat … Ein Problem, das sich aber durch alle Generationen zieht.

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    1. Ja, sie wollte ein Kleid. Aber du hast das Wesentliche übersehen: Es ging um einen Kleidungseinkauf mit einem weiblichen Teenager. Pubertierend! Das käuflich zu erwerbende Kleidungsstück ist dabei völlig unwichtig – es hätte auch nur das Paar Schuhe oder die erste Handtasche für den großen Tag sein können…..

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        1. Genau das meinte ich! Und da die Mode (siehe meine Antwort auf Mme Contraires Kommentar) deutlich lockerer geworden ist als bei bei uns im letzten Jahrhundert, ist die Wahl auch deutlich schwieriger geworden: Ein 50er-Jahre-Kleid schwarz-weiß gepunktet mit dezentem Petticoat sollte es ein. Heidi Brühl wäre neidisch gewesen!

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          1. Mein dunkelblauer Konfirmtionsanzug wurde viel zu groß gekauft, ich musste ja noch „reinwachsen“. So ein Teil kann man ja öfter anziehen – wir hatten ja nichts.

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          2. Meine mir aufgenötigte Scheußlichkeit (ich habe am Ende auch nur „Ja“ gesagt, weil ich einfach keinen Bock mehr auf Endlos-Shopping hatte) habe ich nur am Tag der Konfi angezogen und dann nie wieder.

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  2. Ja, damals! Schwarze Hose und weiße Bluse, keine Diskussionen. Bei der jüngeren Schwester gab’s dann echten Krach mit unserem Vater, weil sie auf ein Kleid bestand, das etwas über dem Knie endete. Sie gewann (natürlich), aber strafte die gesamte Familie mit einem unvergleichlichen Flunsch auf jedem einzelnen Foto. Fototermin vorbei, raus aus dem kurzen Stöffchen und rein in die ältesten Baggyhosen. Das ist pubertierende Rebellion.
    (Deine Beiträge holen immer die verschüttet geglaubten Erinnerungen in mir hervor ;))

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    1. Zum Glück sind die Pastoren da heute flexibler. Der Dresscode für diese Konfi ist, dass es so gut wie keinen Dresscode mehr gibt. Es soll zwar etwas feierlicher sein, aber ob nun „ühnii“ ( 😉 ) oder gemustert, schwarz-weiß oder bunt ist jedem selber überlassen. Aber stimmt – bei meiner Konfirmation war der Begriff „Modediktat“ auch noch um die Buchstabenfolge „-ur“ zu erweitern!

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      1. Nun ja, ich habe mich nicht „gezwungen“ gefühlt, es war eben so, jede der jungen Damen hat das so gemacht. Die jungen Herren trugen übrigens jeder eine andere Sakkofarbe, was sich sehr hübsch auf dem Bild machte! Und keine Krawatten oder Fliegen; damals (hachja) waren diese Kragenklammern bzw. ganz kleine Plastrons „in“.

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        1. Bei mir war’s 1987 noch sehr förmlich. Auch wenn meine Scheußlichkeit von Anzug zwar nicht einfarbig war, sondern ein Muster hatte, das im wahrsten Sinne des Wortes kleinkariert war, hätte ich es deutlich bevorzugt, wenn unsere sämtlichen Altvorderen eingesehen hätten, dass die Anzüge von Sonny Crockett in Miami Vice wirklich und wahrhaftig schick waren.

          Wobei… auch dann würden sich wohl heute unsere Augen beim Betrachten der alten Fotos vor Entsetzen schälen.

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