Auf Teufels Schubkarre

Vor gut zwei Wochen hat das Ohnsorg Theater in Hamburg den Spielplan für neue Saison 2016/2017 vorgestellt. Es wird die letzte unter dem Intendanten Christian Seeler sein, der es während seiner dann zweiundzwanzig Jahre langen Amtszeit geschafft hat, eine Brücke von den Traditionen des Hauses, wie man sie aus den TV-Übertragungen vor allem der 1960er und 1970er kennt, zu den Anforderungen und dem Publikumsgeschmack der heutigen Generationen zu schlagen. Die alten Klassiker wie zuletzt Tratsch im Treppenhaus zum Saisonbeginn 2015/2016 hat er ebenso immer wieder auf die Bühne gebracht wie spannende neue Produktionen, mit denen man das Ohnsorg nicht unbedingt verbindet: Tennessee Williams‘ Die Katze auf dem heißen Blechdach, Stephen Kings Misery, Eugene O’Neills Ein Mond für die Beladenen und Harvey Fiersteins La Cage Aux Folles. Aktuell ist in einer umjubelten Inszenzierung die Bühnenfassung von Fatih Akins Film Soul Kitchen zu sehen. Damit hat er nicht nur das Theater erfolgreich ins neue Jahrtausend gebracht, sondern auch Plattdeutsch als bundesweit anerkannte Bühnensprache etabliert.

Der erste Blick ins neue Programmheft zeigt einige ältere Stücke, die mehr für die alte Tradition des Ohnsorg stehen – ich vermute, dass Herr Seeler sich diese Stücke zum Abschied gewünscht hat.

Besonders interessant finde ich das Eröffnungsstück der neuen Saison: Op Düvels Schuuvkoor, das im Fernsehen als Verteufelte Zeiten gezeigt wurde. Das Stück hatte seine Uraufführung um 1947, doch Christian Seeler konnte für seine Abschiedssaison kaum ein aktuelleres finden. Es erzählt von den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit, als sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn kein Stein auf dem anderen stand, der Schwarzmarkt florierte und mancher junge Kriegsheimkehrer nur mit Hilfe der älteren Generation wieder den Weg in ein geordnetes Leben fand.

Dieser Dreiakter aus der Feder von Karl Bunje mag ein Schwank mit reichlich Lachern sein, doch die vom Knecht Jan Spinn im Prolog direkt an das Saalpublikum gerichtete Einführung hält vor Augen, welch ernsten Ausgangspunkt Op Düvels Schuuvkoor hat: Es geht um die Jahre 1933 bis 1945 und ihre Folgen. Es geht um ein von Menschen ohne jedes menschliche Gefühl, ohne Verstand und ohne jede Empathie angezetteltes und befeuertes Massaker, das Millionen Menschen in den Tod und die Überlebenden in eine Zeit des Elends gestürzt hat.

Angefangen hat Ganze mit politischen Strömungen durch eine Gruppe Menschen, die eine Ideologie fern jeglicher Logik, Empathie und Menschlichkeit verfolgte, gegen welche die etablierten, nicht ganz perfekt, aber immer noch demokratisch agierenden Parteien jedoch so lange untätig blieben, bis die menschenfeindliche Partei das Land regierte. Spätern kamen brennende Häuser hinzu, und schon bald darauf stand die ganze Welt in Flammen, bis sie schließlich in Trümmern lag.

Jan Spinn beendet seinen Prolog mit den Worten: „Hoffentlich kommen sie nie wieder – diese verteufelten Zeiten.“

Wenn man sich mal so umschaut, ist es längst nicht mehr nur ein Verdacht, dass sich immer mehr Menschen wieder dazu verführen lassen, auf Teufels Schubkarre aufzuspringen und dass sie eigentlich längst wieder da sind – diese verteufelten Zeiten. Noch ist Gelegenheit, wieder von der Schubkarre abzuspringen. Das sollte genutzt werden.

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