Warum eigentlich nicht?

Moin!

Versprochen ist versprochen – hier die die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Artikels vom letzten Freitag. Viel Spaß!


Habt ihr das schon gehört? Es gibt einen neuen Trend, der so „hot“ ist, dass in den Geschäften ganze Regalreihen leer sind und die Fabrikanten in ihren Betrieben Überstunden fahren müssen, weil die Nachfrage so groß ist. Das Gediegene daran ist: Dafür braucht man kein Handy, kein Smartphone, kein Tablet – rein gar nichts, das mit Technik zu tun hat. Das geht alles wie früher von eigener Hand.

Ich muss ja zugeben, dass ich im ersten Moment kichern musste, als ich gehört habe, was das für ein Trend ist: Ausmalbücher für Erwachsene!

Aber dann habe ich nachgedacht: Die große Diseuse Georgette Dee hat mal in einem ihrer Programme gesagt, dass sie mit fortschreitendem Alter immer komischer drauf ist, wenn es um Romantik geht. Sie sagte, dass manchmal ein einziges Wort wie „Teetasse“ ausreicht, um sie gerührt schluchzen zu lassen. Ich glaube, in dem Alter, wo ein Wort oder Satz ausreicht, um einem die Tränen in die Augen zu treiben, bin ich nun auch angekommen.

Neulich habe ich die Memoiren von Heidi Kabel gelesen. Manchmal war es nicht zum Lachen heißen sie, und das ist auch wirklich so. Wir alle denken ja meist „Sie ist immer so lustig auf der Bühne des Ohnsorg Theater gewesen“, dass wir gar nicht daran denken, wie anders so ein Privatleben manchmal sein kann. Gerade bei dieser Generation, die beide Weltkriege mitgemacht hat.

In einem Kapitel hat Heidi Kabel über das Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt. Ein paar Wochen später ist sie zum ersten Mal wieder im Kino gewesen und hat den Film Große Freiheit Nr. 7 mit Hans Albers geschaut. Dabei haben alle im Saal ein Hamburg gesehen, das gar nicht mehr dagewesen ist. Draußen haben nämlich die Trümmer der letzten Bombenangriffe gewartet.

Allein davon, wie Heidi Kabel das beschrieben hat, ist mir mein T-Shirt schon ziemlich eng ums Herz geworden. Aber dann ist auch noch dieser eine Satz gekommen: „Wenn Hans Albers am Schluss dieses Films das weltbekannte Lied La Paloma sang, weinten die Hamburger im Parkett und keiner schämte sich deswegen.“

Da habe ich flennen müssen. So ein Gefühl von Gemeinschaft, etwas gemeinsam erleben und durchmachen – das kennen wir in dieser Zeit, in der wir leben, doch gar nicht mehr. Wir haben uns so von der Technik einfangen lassen, dass wir die kleinen menschlichen Dinge vergessen und verdrängt haben. Wir verlassen uns auf das, was wir im Internet lesen. Aber wir regen nicht mehr vernünftig miteinander – so von Mund zu Mund. Weil wir mit so vielen Leuten bei Facebook, WhatsApp und was weiß ich nicht alles „verlinkt“ sind, glauben wir, dass wir auch viele Freunde haben. Aber in Wahrheit mach dieser ganze Technikscheiß uns of einsam. Ganz aasig einsam. Auch, weil wir verlernt haben, etwas mit eigener Hand zu schaffen. Wer von euch hat eigentlich kürzlich mal einen Brief nicht mit dem Computer, sondern mit einem Füllfederhalter geschrieben?

Darum habe ich nach dem ersten Kichern über die Ausmalbücher für Erwachene gedacht: Warum eigentlich nicht? Da hast du eine Vorlage schwarz auf weiß, dann nimmst du dir ein paar Bunstifte und machst daraus das schönste bunte Bild. Du musst dich konzentrieren, kannst aber gleichzeitig loslassen, hast keine Zeit für leeres Gelaber bei Facebook, und du kriegst nicht mal mit, was da im Lobotomie-TV bei RTL Zwei und Konsorten läuft. Aber du machst wirklich mal wieder was mit deinen eigenen Händen, dein Hirn wird langsam wieder etwas freier und dir wird vielleicht auch wieder klarer, was wirklich wichtig im Leben ist.

Klar, du bist dabei immer noch alleine in deinem Wohnzimmer, darum bin ich nicht so naiv zu glauben, das Ausmalbücher allein uns wieder zu einem besseren Gemeinschaftsgefühl bringen werden. Aber jeder Weg fängt mit dem ersten Schritt an.

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