Der Johannes eines Mannes

… ist angeblich an seinen Händen, seiner Nase, seinen Füßen, was auch immer zu erkennen – je nach regionaler Volksmundauffassung oder eventuell auch Wunschdenken betroffener Einzelschicksale. Auf diesen Evergreen des jovialen Stammtischunfugs folgt dann meist noch die Bemerkung, dass es ja gar nicht auf die Größe, sondern auf die Leistung ankommt.

Vielen Dingen wird nachgesagt, dass sie besagte Leistung in ungeahnte Höhen treiben können. Gerade aus Asien hört man ja die irrwitzigsten Dinge – man würde sich kaum noch wundern, wenn man irgendwann hörte, dass aktuell ein Esslöffel feingemahlener Autoreifen täglich der letzte Schrei ist, um die Manneskraft zu „pimpen“ (man muss aufpassen, dass man nicht aus Versehen pimpern schreibt, was erstaunlicherweise trotzdem im Zusammenhang stünde).

Aber es geht ja auch weniger spektakulär: Austern sollen den selben Zweck erfüllen. Ob das so ist, entzieht sich meiner Kenntnis – als Vegetarier rühre ich das Zeug nicht an, und zu der Zeit, als ich sehr wohl noch Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte gegessen habe, hat mich schon der Geruch von den Dingern fast genauso abgeschreckt wie der eines ganz anderen Lebensmittels.

Teuer sind Austern obendrein und gerade jetzt – Ende April/Anfang Mai – wohl auch etwas weniger gefragt. Zumindest in hiesigen Breitengraden. Derzeit macht sich nämlich wieder die alljährliche Hysterie breit, die ich mir beim besten Willen nicht erklären kann. Da wächst ein Gemüse heran, das optisch genau so gut in Hollywoods Trickkiste als Tentakel für ein Weltraumungeheuer verbaut werden könnte, und auch der Geschmack (oder besser: der Mangel an solchem) kann mich nicht nachvollziehen lassen, warum die Leute so ein Geschiss darum machen.

Ich finde es weder optisch schön noch wirklich lecker: Ich esse das Zeugs zwar, aber eine Mahlzeit alle zwei, drei Jahre deckt meinen Bedarf völlig, weil es okay ist, mich aber nicht wirklich vom Hocker haut.

Ich meine natürlich den Spargel.

Doch selbst wenn ich alle angeblichen Vorzüge dieses Gemüses nachvollziehen könnte, begreife ich einfach nicht, warum jedes Jahr im Frühling so getan wird, als wäre endlich der Nibelungenschatz gefunden worden. Schließlich ist unser Speisekalender gehörig aus den Fugen geraten: Frische Erdbeeren gibt’s schon lange nicht mehr nur im Frühsommer, sondern auch zu Weihnachten – genau wie Spargel. Denn es ist ja Weihnachten und nur Gans mit Rotkohl und Klößen ist viel zu old school. Das ist dann zwar alles in Griechenland, Spanien oder gar Südamerika gezüchtet, und das Argument „dabei schmeckt’s von hier ja doch besser“ zählt nicht mehr.

Es tritt erst wieder in Kraft, sobald der frische Spargel vom Niederrhein oder aus Wesernähe in den Supermärkten liegt. Dann interessiert der griechische Spargel nie-man-den mehr – ebenso wenig wie die Preise. Auch wenn deutscher Spargel jetzt noch so teuer ist, dass die Supermarktprospekte sich nicht auf einen Wochenpreis festlegen wollen, sondern mit tagesaktuellen Preisen werben, kaufen die Leute so hysterisch, als sollten sie ihre eigene Henkersmahlzeit ausrichten.

(Nebenbei – ich bin fest überzeugt, dass uns das in Zukunft öfter blüht: Täglich wechselnde Lebensmittelpreise wie auf der Preistafel an der Tanke, natürlich dreistellig nach dem Komma mit der unvermeidlichen hochgestellten 9 am Ende. Wie ließe sich die Bevorratung am Tag X für die komplette nächste Woche besser unterbinden, um die Leute täglich in die Konsumtempel zu locken?)

Hat das alles vielleicht doch etwas mit den Frühlingsgefühlen zu tun? Nach dem ollen Winterwetter, das uns in dieser Saison ganz besonders lange begleitet hat, gären eben nicht nur in die Spargelstangen die Säfte, sondern in den erwartungsfrohen Essern. Schon die so oft aus voller Kehle besungene Veronika wusste, was der Lenz alles so mitbringt. Auch von diesem weißen Gemüse ist die Rede und der Sänger erklärt verklausuliert, aber dennoch deutlich erkenntbar, was ihn ihm selbst vorgeht!

Der Spargel also als Zeichen von Frühling, neuem Leben und Fruchtbarkeit. Womit wir dann eventuell doch wieder bei der Sache mit dem Johannes wären…

 

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