Kerbe im Geländer

Ich weiß, ich weiß, ich weiß… Erstens ist es schlechter Stil, einen Text mit ich zu beginnen, zweitens bin ich ein wenig aus dem Takt geraten. Doch gestern war so gedrubbelt viel los, dass ich gar keine Zeit hatte, mich an den Computer zu setzen.

Aber ganz von vorn: In ihrem eigenen Blog hat Jane Blond von der Schlei Anfang der Woche von einem Jugendstilspiegel und anderen alten Möbelstücken erzählt, mit denen sie lebt. Sie schrieb unter anderem, dass viele ihrer Möbel im Durchschnitt hundert Jahre und älter sind.

Viel Platz haben mein Mann und ich auf unseren paar m² nicht, aber auch wir haben viele alte Möbel – mehr als neue moderne. Aus dem Verwandtenkreis geerbt, auf Trödelmärkten gekauft, vor dem Sperrmüll gerettet.

Alte Möbel erzählen Geschichten – und wenn man die echten nicht kennt, spinnt man sich in Gedanken seine eigenen zurecht. Zu jedem Kratzer, zu jeder piekenden Sprungfeder. Über die Jahre hinweg fügt man seine eigenen Geschichten hinzu.

Natürlich könnte man einwerfen: Neue Möbel sind wie ein neues Tagebuch mit leeren weißen Seiten, und man ist der Erste, der seine Geschichten hineinschreiben darf. Aber mal ehrlich – die Möbel heute sind gar nicht mehr dazu gemacht, dass man seine eigenen Geschichten dort hinein „schreiben“ kann. Das Stück, was ich heute im Möbelmarkt kaufe, wird wahrscheinlich gar keine hundert Jahre alt werden, im Grunde kann man schon froh sein, wenn etwas zehn Jahre hält.

Bausubstanz ist dagegen deutlich haltbarer. Teilweise möchte man sagen leider, denn das, was heute so an Neubauwohnungen hochgezogen wird, ist doch eigentlich nur ein Stopfen zur Beseitigung der Mangelware Wohnraum und nicht etwas, wo man wirklich gerne einziehen möchte: Tote Quader mit liebloser Einheitsgestaltung, die aussieht, als hätten die Architekten während ihres Studiums nichts anderes gemacht als Tetris zu spielen. Alle äußeren Gestaltungselemente, die dazu einladen, einzuziehen, um ein Haus zum Heim zu machen, fehlen. Sie sind einfach nur quadratisch, praktisch, pottenhässlich.

Altbauten sind hingegen ähnlich einladend wie alte Möbel: Sie haben was zu erzählen. Die Märchen ebenso wie die Tragödien finden sich in jeder Kerbe im Treppengeländer, in jedem Quietschen der Bohlen, in jedem abgeplatzten Farbsplitter der Fassade.

Sowas mag ich, und deswegen leben mein Mann und ich gerne in einem Altbau. Von einigen der alten Mieter haben wir Episoden aus der Geschichte des Hauses gehört: Vom Waschtag unten im Keller, wo man die Wäsche erst in einem kohlegefeuerten Kessel wusch und sie dann klarspülte – in einem gemauerten und verputzten Becken, so groß, dass man ein Shetland Pony darin hätte baden können – der Sockel davon steht heute noch. Von dem Bombeneinschlag während des Kriegs – deswegen ist die Wohnung im zweiten Stock die einzige, bei der man sich nicht über den trampelnden Mieter darüber beschweren kann, denn der hat als einzige einen Betonfußboden mit Estrich während wir anderen weiterhin Holzdielen haben. Von dem sich über alle fünf Häuser unseres Straßenzugs hinweg ziehenden Gemeinschaftsgarten – den es heute so nicht mehr gibt.

Natürlich haben wir auch über die Jahre unsere eigenen Kapitel zur Geschichte des Hauses hinzugefügt: Die Pyramideneiche, die als Ersatz für die nach einem Blitzschlag nicht mehr standsichere achtzigjährige Kastanie gekommen ist, als sichtbares neues Kapitel. Aber auch die rein auf Erinnerung und Weitererzählung basierenden Stories. Erst vorgestern sind zwei neue hinzugekommen. Da wollte ich in der Waschküche unsere Waschmaschine von ihrer feuchten Fracht befreien und bemerkte plötzlich Brandgeruch, konnte aber nicht feststellen, woher genau, denn er hatte sich im ganzen Keller verteilt. Also habe ich meinen Mann zu Hilfe geholt. Wir müssen wie verhinderte Amateurdetektive ausgesehen haben, als wir nicht unsere Ohren zum Lauschen an die diversen Kellertüren gehalten haben, sondern unsere Nasen zum Schnüffeln. Die Spur führte dann doch zurück in die Waschküche, wo das Bedienfeld einer der anderen Waschmaschinen durchgeschröggelt war und auch allmählich zu qualmen begann. Stecker gezogen, Nachbarin verständigt, Haus gerettet. Vor einigen Jahren hatten wir einen Brand im Haus, bei dem es leider auch zwei Tote gegeben hat – da wird man besonders „hellschnüffelig“, und auch das ist ein Kapitel aus der Geschichte dieses Hauses.

Zurück in der Wohnung habe ich mich daran gemacht, unsere eigene Wäsche aufzuhängen. Auf dem Balkon haben wir einen Wäschetrockner, der unter der Zimmerdecke (bzw. in diesem Fall Balkondecke) hängt. Über ein Teleskopsystem kann man ihn runterlassen, die Wäsche aufhängen und dann wieder hochziehen – nix hängt im Weg. So habe ich dann gestern auch unsere Wäsche aufgehängt – alles helle, schmutzempfindliche Klamotten. Wie man seine Wäsche halt so sortiert, marineblaue Socke bei den weißen T-Shirts kommt bekanntlich nicht so gut daher…

In der Zwischenzeit telefonierte mein Mann mit einer Bekannten – er musste das Gespräch allerdings nach wenigen Minuten beenden. Bei meinem Versuch, den Wäscheständer hochzuziehen, hatten sich die Dübel in der Decke entschieden, nach vielen Jahren doch endlich einmal morsch sein zu wollen, und die ganze Stellage krachte auf mich nieder. Die hellen Klamotten am Boden sahen einfach nur wieder dreckig aus. Aber ich mit dem Gestell und vor allem der Leine wie ein anlehnungsbedürftiger Python um den Hals gewickelt, muss wohl ziemlich bescheuert ausgesehen haben, denn als mein Mann nach meinem „Hiiiiiiiiiiiilfe – komm mal schnell!!!“ auf den Balkon gestürmt kam, lachte er sich erst einmal schlapp.

Heute haben wir das Ding dann wieder angebracht. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, denn ich habe mich im letzten Absatz schon genug lächerlich gemacht. Ich sage nur, dass die ganze Aktion mit mir als Ballast Assistenz deutlich länger gedauert hat, als wenn mein Mann es alleine erledigt hätte. Es ist einfach zu blöd, wenn man Vertigo nicht nur schaut, sondern selber hat, auch beim Zugucken vom unteren Ende der Drei-Meter-Leiter – überaktives Kopfkino inklusive…

Es sind nur kleine Anekdoten, aber sie füllen eine weitere Seite in der Geschichte unseres Hauses.

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  1. Ich sehe das bildlich vor mir … 😀
    Alte Häuser liebe ich genauso, wie alte Möbel. Ich kann mit neuen Sachen einfach nichts anfangen, ich brauche die Geschichte vorher, um meine eigene (schön verbildlicht!) dazuschreiben zu können.
    Das ist wie beim Schreiben. Nicht der erste Satz ist gut, sondern der letzte macht zufrieden …

    Gefällt 2 Personen

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