Der Zahn der Zeit

Woran erkennt man, dass selbiger langsam an einem nagt? Daran, dass man die Diagnose erhält „Sie haben Wasser, Kalk und Steine“? Blödsinn. Dann braucht man nur noch den künftigen Keller ausschachten und kann mit dem Hausbau loslegen.

Es macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass man alle die Dinge, die man einst bei den Altvorderen verlacht hat und sich geschworen hat, sie nie-, nie-, nie-, niemals zu übernehmen, sich nun doch in die ganz eigenen Automatismen eingeschlichen haben.

Das fängt mit dem Beobachten von schlechtem Benehmen in der Straßen (z. B. Füße auf den Sitzen) gefolgt von dem Gedanken „Dafür hätten wir von unseren Eltern eins hinter die Löffel gekriegt!“ an und hört mit dem ständigen Verwenden von Vokabeln wie „früher“ und „damals“ noch lange nicht auf.

Heute war ich downtown unterwegs, um für meinen Mann, der derzeit nach einer kleinen OP der Ruhe pflegt, ein paar Rezepte von seinen Medizinalräten abzuholen. Dabei begegnete ich zufällig zweimal dem selben Ehepaar. Beim ersten Mal waren sie noch alleine und tauschten in der Kassenwarteschlange eines Kaufhauses einige ernährungstechnische Informationen aus.

ER: „Du, der Walter hat heute in der Pause wegen seinem Geburtstag einen reingeschmissen* – ich hab‘ die Bütterkes**, die du mir heute Morgen im Frischhaltedösken*** mitgegeben hast, nicht gebraucht.

SIE (schulterzuckend): „Dann schmeißen wir sie halt weg.“

Eine halbe Stunde später sah ich das Ehepaar, nunmehr mit seinen Kindern vereint, aus einem Stehimbiss kommen. Dabei bissen die lebhaften Kleinen mit Gusto ihre Produkte der schnellen Küche.

Und nu‘ schlage ich den Boden zum Altwerden: Mal davon abgesehen, dass wir (und unsere Eltern) von unseren kriegsgeschulten Großeltern für diese Verschwendung eins hinter die Löffel (!) bekommen hätten – früher (!!) wären wir nie darauf gekommen, in Fett schwimmend zubereitete Kartoffelstäbchen dem viel, viel, viel besser schmeckenden Hasenbrot von Papa vorzuziehen!

Werd‘ ich langsam alt oder werd‘ ich langsam alt? Was frag‘ ich da lange…

Schönes Wochenende!


  • * Hierorts die gängige Bezeichnung für „einen ausgeben“
  • ** Butterbrote
  • *** Dösken = Dose.
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2 Antworten auf “Der Zahn der Zeit”

  1. Oh, ich weiß nicht – ich hab schon immer ein schlechtes Gewissen gehabt, „was umkommen zu lassen“ bzw. Essbares zu entsorgen. Sogar total eklige Billigschokolade, die mir jemand Wohlmeinendes schenkte. (In solchen Fällen frage ich mich: Wieso wird so ein Zeugs überhaupt produziert?) Ist wohl eher Erziehungs- als Alterssache.

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  2. Du bist nicht der einzige, wir Jugendlichen fangen schon damit an… denn die lieben neuen Schüler an unserer Schule legen teilweise ein so unverschämtes Verhalten an den Tag,dass man teilweise einfach nur noch sprachlos sein kann…
    Erziehung ging auch mal anders…

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