Neu gemischte Karten

Es hat ein paar Tage gedauert. Es musste alles ein bisschen sacken. Vor allem wollte ich nicht in die allgemeine Hysterie einstimmen, die der vergangene Freitag gebracht hat. Seit ca. 5:30 Uhr an diesem Morgen war es eine gut fundierte Prognose, seit dem Vormittag stand es fest.

In meinem Clan wurde Völkerverständigung schon immer groß geschrieben, deswegen steckt auch ein Teil britisches Blut in mir und ich bin durchaus mukschig gewesen, nachdem das Ergebnis des Referendums in Großbritannien bekanntgegeben wurde: Die Mehrheit des britischen Volkes wünscht den Austritt aus der EU, den sogenannten Brexit.

Genau das ist der Punkt: Sie wünschen es. Erstmal nicht mehr und nicht weniger. Natürlich wird das Referendum vom vergangenen Donnerstag Folgen haben, nicht nur für David Cameron, doch nüchtern betrachtet, hat es erst einmal nur den Status einer Meinungsumfrage. Einziger Unterschied zu dem, was man sonst kennt: Diese wurde von einer Regierung durchgeführt, nicht von einem Forschungsinstitut.

Doch die meisten – Politiker und Journalisten als Profis ebenso wie Journalisten und Otto Normalverbraucher auf Seite der Laien – haben getan, als wäre die Bekanntgabe des amtlichen Endergebnisses die Unterschrift gewesen, mit der die Kündigung „zum nächsten Ersten“ rechtskräftig geworden wäre. Sämtliche Bande von beiden Seiten mit einem Schlag durchschnitten ohne Rücksicht auf Verluste.

Ist aber doch gar nicht so. Genau deswegen habe ich am Freitag ab Mittag nichts mehr bei Facebook und auch hier bei WordPress gemacht. Da war mir zuviel Geflatter wie in einem aufgescheuchten Hühnerstall. Dinge wie „In Zukunft braucht man Pass und Visum, um bei Harrod’s shoppen zu gehen“ in unzähligen Varianten waren da zu lesen.

Si tacuisses, philosophus mansisses* wollte man da seufzen, weil diese verbalen Schnellschüsse sich genauso auf Gefühle einschossen und den echten Fakten verweigerten wie die Parolen der Brexit-Befürworter, angeführt von Nigel Farage und Boris Johnson.

Zugegeben, ein Schock war es, und auf einen solchen reagiert man erst einmal reflexartig. Ging mir genau so. Danach sollte man aber durchatmen und die Gedanken wieder etwas besonnener arbeiten lassen.

Was wissen wir also im Moment mit Sicherheit? Eigentlich nur eine einzige Sache, weil die nämlich schon lange vor dem Referendum angekündigt wurde: Es wird „Scheidungsverhandlungen“ zwischen EU und UK geben.

Aber wissen wir, was diese Verhandlungen beinhalten werden? Nein. Denn sie haben noch nicht einmal begonnen. Wie alle Verhandlungen werden sie aber beinhalten, dass beide Seiten Zugeständnisse machen werden müssen. Ansonsten bleibt wirklich nur der oben erwähnte Schnitt von heute auf morgen, was so katastrophal wäre, dass selbst die politischen Amtsträger bei den Brexit-Befürwortern das nicht wirklich wollen.

Brauchen wir also wirklich künftig Pass und Visum, wenn wir der Queen bei Trooping the Colour zuschauen wollen? Die Antwort kann ja lauten, aber auch nein – es kommt ganz darauf an, mit welchem anderen Verhandlungspunkt und in welcher Gewichtung das aufgewogen wird.

Wir wissen also nicht, was genau passieren wird. Wir wissen noch nicht mal, ob der Brexit wirklich kommen wird, denn über das vergangene Wochenende ist eine Menge passiert. „Zweites Referendum“, „Article 50“, „nicht bindend“, „Unabhängigkeit für Schottland und Nordirland“ und „#Bregrets“ sind nur einige Schlagwörter der vergangenen rund 100 Stunden. In trockenen Tüchern ist da also noch gar nichts. Ergo führt auch die Hysterie vom vergangenen Freitag kein Schritt weiter, während die Karten neu gemischt werden. Das sollte sich auch die EU hinter die Ohren schreiben. Das „Bis Dienstag soll Großbritannien seinen Austrittsantrag einreichen“ aus Brüssel klingt eher nach kindischem Beleidigtsein als nach politischer Kompetenz.

Nichtsdestotrotz müssen wir aufpassen. Zum einen müssen wir unseren Regierungen in den eigenen Ländern, aber auch dem Moloch in Brüssel deutlich heftiger als sonst auf die Finger schauen und uns nicht scheuen, auch draufzuhauen – unter Berücksichtigung demokratischer Prinzipien, versteht sich. Denn das Referendum zeigt, was passieren kann, wenn man konsequent dauerhaft am Willen und den Wünschen der eigenen Bevölkerung vorbeiregiert.

Zum anderen hat das Referendum uns eine schöne Lektion erteilt was passieren kann, wenn es der radikalisierten politischen Rechten gelingt, mit ihren lauten, aber inhaltlich umso leereren Parolen die Bevölkerung so aufzustacheln, dass sie sich den Fakten nicht nur verweigert, sondern sie sogar nicht einmal hören und prüfen will.

Zum Dritten sollten wir unsere Zunge hüten. Es zeugt nicht gerade von Reife, die Briten in ihrer Gesamtheit – auch das war am vergangenen Freitag zu lesen und hören – als „Spinner“, „Inselaffen“ oder sonstwie unschmeichelhaft zu titulieren. Das wäre genau so stereotypes Über-einen-Kamm-scheren wie das beliebte Touristen-Vorurteil, dass Deutschland überall zwischen Sylt und Oberstaufen aussieht wie Alt-Heidelberg. Das Referendum hat politisch einiges ausgelöst, aber die Briten sind dadurch keine schlechten Menschen geworden. Ich kenne genügend persönlich, um das beurteilen zu können. Ja, sie haben einen Wunsch geäußert, der – egal, wie es nun wirklich weitergeht – allen einiges abverlangen wird. Trotzdem: Keep calm and love Britain.


* lat.: Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben.

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