Denn sie fahren hinaus auf das Meer

Wer gelegentlich was für humoristische Autoren übrig hat, kennt die herrlichen Glossen von Erma Bombeck über das traute Familienleben. Zu den witzigsten gehören jene über den Moment, wenn die „Ableger“, die sich man da über mindestens achtzehn Jahre hinweg herangezüchtet hat, endlich ausziehen. Waschmaschine, Mixer, mobile Klimaanlage – den Verlust ganzer Hausstände hat Erma Bombeck beim Auszug ihrer ersten beiden Kinder beklagt und sich beim letzten überlegt, ob es nicht besser sei, einfach selber eine neue Wohnung zu suchen und alles neu zu kaufen, während man dem verbliebenen Nesthaken das alte Haus nebst Inhalt kampflos überlässt.

War bei mir zum Glück nicht nötig. Obwohl in vieler Hinsicht altmodisch, war mein Clan progressiv genug, nicht nur meiner Schwester, sondern auch mir als dem männlichen Abkömmling eine so genannte Aussteuer zusammenzusammeln. Was ich nicht mitbrachte in die gemeinsame Wohnung mit meinem heutigen mir Angetrauten, hatte er bereits, denn für ihn war es schon die zweite eigene Heimstatt.

Dafür habe ich meiner Mutter was anderes leergeräumt: Den Karton mit den Erinnerungen an ihre Backfischzeit, sprich ihre Singles. Obwohl das nicht ursächlich mit meinem Auszug zusammenhängt. Zufällig hatte ich zu jener Zeit für meine eigene Sammlung bei einem kleinen Spezialversandhaus Pakete mit jeweils hundert nachgedruckten Universalhüllen der Schallplattenfirmen Polydor, RCA, Telefunken, Vogue und Decca bestellt und fand es bedauerlich, dass diese sich trotz regelmäßiger Besuche auf Schallplattenbörsen langsamer füllten als mir lieb war. Also habe ich mir „vorübergehend“ (*räusper*) einige Platten meiner Mutter „geliehen“ (*hust*) um sie „später zurückzugeben“ (*röchel*), was ich natürlich im Laufe der Jahre „vergessen“ (*zumasthmaspraygreif*) habe.

Ein ganzer Stapel von Mutterns Singles hatte also jahrelang seinen Hauptwohnsitz bei mir. Und es ging ihnen gut dabei. Bei Muttern hatten sie zuvor in einem alten Schuhkarton vor sich hingestaubt, bei mir wurden sie regelmäßig mit Speziallösung aus dem Sammlerbedarf gereinigt und bisweilen sogar gespielt.

Na ja… nicht alle. Als meine Mutter nämlich kürzlich ein paar ihrer Singles für sich reklamierte, wusste ich mit einigen Titeln überhaupt nichts anzufangen. Als ich mich großzügig bedient hatte, war mein Blick nur darauf gefallen, ob sie das richtige Label für die Hüllen hatten, und ich hatte eingepackt, was ich kriegen konnte. Eine Single wie Bye, bye Samoa von einer Gruppe namens Die Tahiti Tamourés wäre sonst niemals bei mir gelandet. Auch nicht wegen der A-Seite Wini Wini, die 1963 immerhin ein Platz-1-Hit hier war.

Aber meiner Mutter kam es eh auf die B-Seite an, und aus Neugierde legte ich die Platte einmal auf.

Hülfe!

Zu Hüüüüülfe!

Was für ein entsetzlich kitschiger Schmachtfetzen! Als ich später mit einigen Leuten darüber sprach, bescheinigte Oliver vom wunderbaren Eurovisionsblog Aufrecht geh’n dem Lied zwar eine süße Naivität, aber wenn man, so wie ich, schon als Oldieplatten sammelnder Teenager mehr auf die „ernsten“ deutschen Schallplatten wie Corry Brokkens wunderbare Coverversionen von Burt Bacharach- und Charles Aznavour-Songs abonniert war und Hildegard Knefs Vergess’ner Sonnenhut im Gras und Ostseelied bis heute deutsche Lieblingschansons sind, kann man der von schmissigen Hula-Gitarren untermalten Story um „die kleine Tamalinda“ einfach nur wenig bis gar nichts abgewinnen.

Apropos Tamalinda – ich gehe jede Wette ein, dass es diesen Namen in, auf und um Samoa nirgendwo gibt. Aber unsere deutschen Schlagertexter waren schon immer sehr gewieft darin, sich die unsinnigsten, aber umso herrlicher klingenden Namen zurechtzuspinnen. Man denke nur an den im wahrsten Sinne des Wortes Operettenstaat Boliguay in Nico Dostals Clivia. Wobei Tamalinda für mich eher nach Kopfschmerztablette klingt.

Auf jeden Fall zeigt man sich sehr besorgt um besagtes Mädel. Sie scheint ziemlichen Liebeskummer zu haben, und man vertraut ihr mehr oder minder verklausuliert an, dass man bei Seeleuten mit so etwas rechnen muss, denn Matrosen schenken Rosen (reim dich, oder ich fress dich!) bevor sie wieder verschwinden.

Wenn das mal nicht die weißen Rosen waren, die diesem ganz speziellen Matrosen geschenkt wurden, als er in Athen an Bord ging!

Ich glaube sogar zu wissen, dass er Pierre heißt. Denn bei der ganzen Fülle von Schlagertexten, die sich diesem maritimen Thema in den Sechzigerjahren gewidmet haben, kommt man nämlich gar nicht umhin sich zu fragen, ob die Seeleute wirklich samt und sonders so multiamourös sind, wie es einem erzählt vorgesungen wurde, oder ob es da nur einige ganz besonders schlimme Finger gibt, die – dem alten Klischee entsprechend – wirklich in jedem Hafen eine Braut haben und sich deshalb anboten, immer wieder besungen zu werden.

Da ist also Pierre, der – ob in Bombay, Rio und Shanghai – am Ende jeder Reise zu seiner Margot zurückkehrt, aber seine Nana immer wieder stehen lässt, denn es hat niemand so Sehnsucht nach dem Meer wie Pierre (da ha’m wa se wieder – die Sache mit dem Reim). Wer so zerrissen ist, hat bestimmt nicht nur in Bombay, Rio, Shanghai und Athen seine Braut, sondern auch eine Tamalinda auf Samoa. Nix da mit „Hier haste ’n paar weiße Rosen, weil ja in der Ferne keiner auf dich wartet“ – wenn die wüsste! Hätte sie sich mal an Tonio gehalten, der zehntausend Meilen von Kingston Town durch die Weltgeschichte schippert und sich so nach Mama und ihrem Haus am Cap Antoneo sehnt. Fernando, Alfredo und José wären gewiss auch keine schlechte Option gewesen, die drei haben nur ein paar Jahre geschuftet und konnten es sich dann dauerhaft im Hafen von Santo Domingo gutgehen lassen. Oder sind sie doch nach Chicago ausgewandert? So genau habe das nie verstanden…

Derart solide sind jedenfalls nur wenige Schlagerseeleute, doch ihre Seemannsbräute werden irgendwie nicht schlau: Jim aus Chile war ein Seemann wie viele, der sein Herz nur zum Scherz gab (angesichts der Simplizität dieser Schlagerreime fragt man sich, wie ein Texter wohl den strammen Matrosen Eyþór aus Reykjavik in einem Song untergebracht hätte), und trotzdem hat das Mädchen Peggy sich im selben Song auch auf Tom aus Rio eingelassen, der natürlich irgendwann auch über alle Berge… äh, Wellen verschwunden ist. Denn sie fahren hinaus auf das Meer und keiner weiß, ob sie sich wiederseh’n, obwohl das ja so wunderschön sein soll – also bye, bye Samoa!

Ach ja, eigentlich ging’s um diese eine Platte. Viel gibt’s dazu nicht mehr zu berichten, doch als ich signalisierte, die Schnulze wirklich und wahrhaftig und nur zu gerne zurückgeben zu wollen, kam meine Mutter plötzlich im Land der modernen Technik an: „Oder gibt’s das auch auf CD – die Platte verstaubt hier ja eh nur.“

Manchmal kann man bei Müttern echt nur verlieren…

 


 

Nachbemerkung: Da nicht jeder Leser in dieser Materie firm ist, könnte die eine oder andere Pointe dieses Artikels an ihm vorbeigehen. Für Nachhilfe und eine kleine Erinnerungsreise für den informierten Nostalgiker soll mit dieser kleinen Playlist gesorgt sein, in der sämtliche hier verwursteten Seemannschlager nachzuhören sind. In der Reihenfolge, in der auf sie Bezug genommen wurde, sind das:

 

  • Bye, bye Samoa – Die Tahiti Tamourés
  • Wini wini – Die Tahiti Tamourés
  • Weiße Rosen aus Athen – Nana Mouskouri
  • Ob in Bombay, ob in Rio – Margot Eskens (auch von Anita Traversi)
  • Heimweh nach Wind und Meer – Nana Mouskouri
  • Mama Jamaica – Carmela Corren
  • Santo Domingo – Wanda Jackson
  • Denn sie fahren hinaus auf das Meer – Peggy Brown
  • Keiner weiß, ob sie sich wiederseh’n – Peggy Brown
  • Wiederseh’n ist wunderschön – Brenda Lee

 

 

 

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